GERLIBACH-DRAMA: Vogel: «Die Gemeinden sind überfordert»

Nach dem Gerlibach-Drama stellt sich die Frage nach der Fürsorgepflicht der Mutter. Sozialpädagoge Urs Vogel erklärt, was bei der Aufsicht von Kindern zu beachten ist.

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Seit Dienstag suchen auch Taucher nach den vermissten Kindern. (Bild Boris Bürgisser/Neue LZ)

Seit Dienstag suchen auch Taucher nach den vermissten Kindern. (Bild Boris Bürgisser/Neue LZ)

Urs Vogel, der Mutter des vermissten 11-jährigen Mädchens ist die Obhut über ihre Tochter teilweise entzogen worden. Warum hat man ihr an diesem Nachmittag trotzdem die Betreuung der drei Kinder überlassen?
Urs Vogel: Auch wenn ein Kind in einer Pflegefamilie oder in einem Heim platziert wird, haben die Eltern einen gesetzlichen Anspruch auf persönlichen Kontakt zum Kind.

Dies ist für seine Persönlichkeitsentwicklung erforderlich. Es ist deshalb normal, dass fremdplatzierte Kinder ihre Eltern am Wochenende oder in den Ferien sehen. Nur in ganz seltenen Fällen wird aufgrund einer konkreten und akuten Gefährdung des Kindeswohls der Kontakt unterbunden.

Im Kanton Nidwalden werden solche Entscheide vom Gemeinderat getroffen.
Vogel: Seit dem Inkrafttreten unseres Vormundschaftsrechts im Jahr 1912 sind die Kantone für Fragen der Vormundschaft zuständig. In der Deutschschweiz wird dies grossmehrheitlich an die Gemeindebehörden delegiert, in der Westschweiz an die Gerichte.

Sind Gemeinderäte in der Lage, solche Fälle kompetent zu beurteilen?
Vogel: Bei komplexen Fällen sind die Gemeinden überfordert. Deshalb lassen sie diese teilweise von den kantonalen Sozialämtern oder Fachstellen abklären. Wie oft dies gemacht wird, kann ich nicht sagen. Oft spielt bei der Entscheidung leider auch das Geld eine Rolle. Denn eine Fremdplatzierung ist nicht gratis.

Vorliegend aber hat der Gemeinderat auf die Kindswohlgefährdung reagiert und entsprechende Massnahmen getroffen. Im Rahmen der Revision des Erwachsenenschutzgesetzes, das voraussichtlich im Jahr 2013 in der ganzen Schweiz in Kraft treten wird, wird sich dies aber ändern. Ab dann gilt: Solche Entscheidungen dürfen nur von einer Fachbehörde getroffen werden.

Interview Corinne Schweizer

Das ausführlichen Interview lesen Sie am Mittwoch in der Neuen Nidwaldner Zeitung.

Hinweis:
Urs Vogel ist Jurist, Sozialarbeiter und Sozialpädagoge HFS. Er leitet die Firma Urs Vogel Consulting und ist als Rechts- und Unternehmensberater im Sozial- und Gesundheitswesen tätig.