Geruchsprojekt
Schluss mit Schweinegestank? Hohenrainer Bauern setzen auf einen Verhaltenskodex

Damit es weniger stinkt, sollen die Landwirte mehr Rücksicht auf die Bevölkerung nehmen. Zudem wurden Messungen an den Abluftanlagen nachgeholt. Die Behörden hatten dies bislang versäumt.

Reto Bieri
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Fast ein Drittel der etwa 1,3 Millionen Schweizer Schweine werden im Kanton Luzern gehalten. Vielen Einwohnenden ländlicher Gebiete stinkt das gewaltig – und zwar wörtlich. In Hohenrain, wo auf 2500 Menschen rund 15’000 Schweine kommen, sind die Probleme derart gravierend, dass 2019 ein Geruchsprojekt lanciert wurde. Unter anderem spürten Probanden im Dorf mit Hilfe ihrer Nasen den üblen Gerüchen nach. Die Resultate lagen Ende 2020 vor und bestätigten das Problem (wir berichteten).

Nun, ein Jahr später, gibt die Gemeinde weitere Ergebnisse aus dem Ressourcenprojekt bekannt, das vom Bund und den Zentralschweizer Kantonen mitfinanziert wird. Unter anderem hat eine Gruppe von Landwirten unter der Leitung der Berner Hochschule einen Verhaltenskodex erarbeitet. Das Papier hält fest, wie die Bauern unangenehme Gerüche vermeiden können. Zum Beispiel sollen sie am Wochenende und an Feiertagen nicht güllen (siehe Box). Die freiwilligen Massnahmen sollen ab sofort von allen rund 100 Hohenrainer Landwirtschaftsbetrieben eingehalten werden.

Der Verhaltenskodex: Diese Punkte sollten die Landwirte beachten:

  • Vermeiden, von Freitagnachmittag bis Sonntagabend sowie an Feiertagen Gülle oder Mist in Siedlungsnähe auszubringen oder zu rühren. Ausnahme ist, wenn das Wetter es nicht anders zulässt.
  • Vermeiden, an heissen Tagen Gülle auszubringen, ausser vor einer Periode mit gemässigtem Niederschlag.
  • Die Gülle wird mit geruchsreduzierenden Techniken ausgebracht, zum Beispiel mit dem Schleppschlauch.
  • Die Gülle wird auf grösseren Flächen pro Mal ausgebracht, um die geruchsintensiven Tage zu reduzieren.
  • Geruchsintensive Arbeiten (zum Beispiel Gülle rühren, Spülen der Güllekanäle, Futterration mit Silage mischen) werden, wenn möglich, zu den kühlsten Tageszeiten erledigt.
  • Täglich entmisten und die Laufflächen im Stall und im Auslauf dauerhaft sauber halten.
  • Betreiben der Anlagen nach bestem Wissen und Gewissen. Technische Anlagen werden regelmässig gewartet und Defekte sofort behoben.
  • Im Rahmen der finanziellen und betrieblichen Möglichkeiten werden weitere wirksame betriebsspezifische Massnahmen umgesetzt, um Gerüche zu reduzieren.

Weiter schreibt die Gemeinde, dass auf sechs Betrieben Massnahmen gegen Geruchsimmissionen festgelegt wurden. Auf Anfrage sagt Gemeindepräsident Alfons Knüsel (Mitte), man habe zuerst jene Betriebe besucht, die eigene Ideen diskutieren wollten oder solche, bei denen es aus der Bevölkerung Hinweise über Geruchsimmissionen gab. In den nächsten Monaten sollen Gespräche mit weiteren rund zehn Betrieben stattfinden. Ob auch Schliessungen diskutiert werden, dazu könne er momentan nichts sagen, so Knüsel.

Abluftanlagen: Den Herstellern zu viel Glauben geschenkt

Aufhorchen lässt in der Mitteilung, dass in den vergangenen 20 Jahren in den Baubewilligungen mehrerer Betriebe Abluftreinigungsanlagen verfügt und installiert wurden, jedoch keine Abnahme- und Kontrollmessungen stattfanden. Dies sei nun nachgeholt worden. Doch warum hat man die Messungen versäumt? «Als die Anlagen installiert wurden, hat man diesem Aspekt zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt und den Herstellern geglaubt, dass die Anlage die nötige Leistung dauerhaft erbringt», sagt Knüsel. Auch seien die Geruchsmeldungen aus der Bevölkerung direkt nach der Installation stark zurückgegangen. Die Abluftmessungen hätten nun gezeigt, «dass die Anlagen unbedingt in ihrer Leistung und der Wartungsfreundlichkeit verbessert werden müssen».

Um die Betroffenen ins Projekt miteinzubeziehen, hat die Gemeinde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Einer der Landwirtschaftsvertreter ist Urs Isenegger, der im Ortsteil Ferren einen grösseren Schweinezucht-Betrieb führt. Laut ihm hält sich rund 90 Prozent der Hohenrainer Bauernschaft bereits an den Kodex. Die restlichen müsse man nun sensibilisieren. Der Verhaltenskodex sei ein Zeichen, dass die Landwirte etwas unternehmen wollen. Beide Seiten müssten sich aufeinander zubewegen. «Sonst darf man nicht aufs Land ziehen.»

«Es wird hart, aber fair diskutiert»

Reto Berthel ist in der Arbeitsgruppe einer von zwei Bevölkerungsvertretern. Er habe sich gemeldet, «weil ich selber in einem nicht geringen Ausmass von den Geruchsimmissionen betroffen bin». Berthel ist zufrieden mit dem, was bis jetzt gemacht wurde. «Positiv beurteilen wir auch das Klima innerhalb der Gruppe. Es wird hart, aber fair diskutiert, niemand wird geschont.»

Er betont, man wolle ein gerichtliches Vorgehen vermeiden. Das erfordere einerseits, «dass die Landwirtschaftsbetriebe die betriebsspezifischen Massnahmen und den Verhaltenskodex vorbehaltlos und dauernd einhalten». Andererseits sei nach Ablauf der Projektphase Ende 2023 zu prüfen, ob dies ausreiche. Falls nicht, werde man weitergehende Massnahmen fordern.

Gerüche werden nie ganz verschwinden

Geleitet wird das Projekt von Sibille Jenni von der Firma Agrofutura. Sie ist zuversichtlich, dass in den nächsten zwei Jahren für die Bevölkerung eine «wahrnehmbare Verbesserung» eintritt. «Ganz ohne Geruch, sei es aus der Schweine-, Rindvieh- oder Geflügelhaltung, wird es aber nicht gehen. Schliesslich gehört die Landwirtschaft zu Hohenrain und die Tiere sollen weiterhin ihren Platz haben.»

Aktuell kläre man ab, inwieweit die Massnahmen konkret umgesetzt werden können. Weiter ist ein Infoanlass geplant. Ziel ist es laut Jenni zudem nach wie vor, weitere Zentralschweizer Gemeinden ins Projekt einzubeziehen.

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