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Luzerner Geschäftsmann haute seine Glaubensbrüder übers Ohr

Das Oberhaupt einer christlichen Glaubensgemeinschaft hat seine «Schäfchen» jahrelang belogen und finanziell ausgenommen. Nun steht der Mann vor Gericht. Es stellt sich eine grundsätzliche Frage: Welche Rolle spielt Vergebung in unserem Rechtssystem?
Lena Berger
Der Mann musste sich vor dem Kriminalgericht wegen Betruges verantworten. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 12. Juli 2016))

Der Mann musste sich vor dem Kriminalgericht wegen Betruges verantworten. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 12. Juli 2016))

«Nach ihren Taten, nicht nach ihren Worten soll man die Freunde wägen.» Mit diesem Zitat des römischen Geschichtsschreibers Titus Livius hat die Staatsanwältin diese Woche vor dem Kriminalgericht ihr Plädoyer eröffnet.

Die Liste der Schandtaten, die sie danach dem Gericht unterbreitete, war lang. Der beschuldigte Geschäftsmann soll über einen Zeitraum von zehn Jahren 17 Personen unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen Darlehen abgeknöpft haben. Als sogenannter «Ältester» – die Funktion ist vergleichbar mit derjenigen eines Priesters in der katholischen Kirche – brachte man ihm in seiner Glaubensgemeinschaft besonderes Vertrauen entgegen. Und dies nutzte der Mann schamlos aus. Insgesamt 1,2 Millionen Franken soll er für eigene Zwecke ergaunert haben. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hat er sich damit des Betruges schuldig gemacht. Sie fordert eine Freiheitsstrafe von drei Jahren, wobei er 18 Monate unbedingt absitzen soll.

Er machte Schulden trotz hohem Einkommen

Wie konnte es so weit kommen? Für Aussenstehende ist dies nur schwer nachzuvollziehen. Der Mann hatte alles, was man sich wünschen kann: Eine gute Ausbildung und einen Job, in welchem er monatlich 10 000 Franken verdiente. Dennoch hatte er 2001 Schulden in der Höhe von 60 000 Franken angehäuft. Um diese zurückzahlen zu können, gab er gegenüber seinen Glaubensbrüdern vor, Geld für den Kauf und die Sanierung eines religiösen Zentrums zu benötigen.

Wer’s glaubt, wird selig, so heisst es. Und so liehen die – zumeist betagten – Gläubigen dem Mann bereitwillig Geld. Der «Älteste» setzte dieses zur Begleichung von privaten Schulden und für den Bau seines Einfamilienhauses ein. Als die Sache aufflog, war er seine Funktion als «Ältester» zunächst los. Anfang 2009 sass er schliesslich noch mehr in der Tinte als vorher: Sein Schuldenberg belief sich nun auf über 400 000 Franken. Doch statt sich ans Abzahlen zu machen, fasste der Mann einen tollkühnen Plan. Er kündigte seinen gut bezahlten Job und machte sich selbstständig. Er wollte Produkte entwickeln, um die Digitalisierung im Gesundheitsbereich voran zu treiben. Um an Aktienkapital zu gelangen, wandte er sich erneut an Personen aus der Glaubensgemeinschaft. Diese waren verhängnisvollerweise aus Diskretionsgründen nicht über die Sache informiert worden.

Knackpunkt: Handelte der Mann arglistig?

«Wo das Wissen aufhört, fängt der Glaube an», soll Augustinus gesagt haben. Wieder liessen sich die Opfer von dem Verkaufstalent blenden. Mit eindrücklichen Prospekten gelang es dem Mann, weitere 450 000 Franken zu bekommen. Als die Firma gegründet war, hob der er das Geld umgehend ab, um private Schulden zu begleichen. Mit dem Resultat, dass die Firma drei Tage nach der Gründung de facto zahlungsunfähig war.

Also brauchte es neue Darlehen, um die Firma über Wasser halten zu können. Mit dem Geld zahlte er sich einen grosszügigen Lohn von monatlich 12 000 Franken aus – im Wissen, dass die Firma auf Pump lebte. Es kam dann, wie es kommen musste: Die Firma ging Konkurs, die Gläubiger erstatteten Strafanzeige und der Mann wurde aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen.

Der Beschuldigte ist weitgehend geständig. Er versicherte vor Gericht aber mit Nachdruck, er habe immer vorgehabt, das Geld zurück zu zahlen – und das wäre auch gelungen, wenn seine Idee durchgestartet wäre. Viel Konjunktiv. Aus Sicht der Verteidigung hat er aber nicht arglistig gehandelt. Deshalb sei er nicht des Betruges, sondern lediglich der Veruntreuung schuldig. Eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten reiche daher aus.

«Vergebt, so wird euch vergeben», heisst es in der Bibel. Nachdem der Mann Reue zeigte, Wiedergutmachung versprach und Besserung gelobte, hat die Glaubensgemeinschaft ihn inzwischen wieder aufgenommen. Ob das Gericht ebenfalls zu vergeben bereit ist, wird sich zeigen. Das Urteil steht noch aus.

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