GESCHICHTE: Als Hochdorf erstmals zu blühen begann

Vor rund 100 Jahren erlebte Hochdorf ein regelrechtes Wirtschafts- wunder. Mitverantwortlich war die Familie Ferrari. Ihre Spuren sind noch heute sichtbar.

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Prestigebau aus der Vergangenheit: das ehemalige Direktionsgebäude der Seetalbahn. (Bild: PD)

Prestigebau aus der Vergangenheit: das ehemalige Direktionsgebäude der Seetalbahn. (Bild: PD)

1883 nahm die Seetalbahn zwischen Emmenbrücke und Lenzburg ihren Betrieb auf. Ein entscheidender Moment in der Geschichte Hochdorfs: Von da an war das bis anhin verschlafene Bauerndorf wesentlich besser erschlossen. In der Folge kam es, um 1900, zu einem bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung. Aus dieser «Blütezeit» Hochdorfs stammt auch die Postkarte aus dem Jahre 1910. Zu sehen ist das damalige Direktionsgebäude der Seetalbahn in Hochdorf.

Englische Investoren

Bevor der Prestigebau realisiert werden konnte, musste die Seetalbahn jedoch einige Hürden überwinden. Der Zürcher Ingenieur Theodor Lutz (1841–1890) setzte sich für die Seetalbahn ein. Um an die nötigen Gelder zu kommen, reiste er nach England, wo er Aktien der Gesellschaft verkaufte. So konnte die Firma 1882 in London offiziell als «The Lake Valley of Switzerland Railway Company» gegründet werden. Die finanziellen Hoffnungen der englischen Investoren erfüllten sich in den darauffolgenden Jahren nicht, und so ging die Bahn 1894 an die neugegründete Schweizerische Seethalbahn-Gesellschaft über.

Trotz finanziellen Sorgen: Bis Oktober 1910 war die gesamte Strecke elektrifiziert. Danach kamen Dampflokomotiven auf den Gleisen der Seetalbahn nur noch in Ausnahmefällen zum Einsatz.

Finanziell interessant wurde die Bahn während des Ersten Weltkriegs, als auch andere Kantone und der Bund Interesse an den Diensten der Seetalbahn bekamen. 1922 erfolgte die Eingliederung in die SBB.

Wurzeln in Trient

Aber zurück zur Postkarte: Die Hochdorfer Wirtschaft florierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Einige Firmen waren daran massgeblich beteiligt. Eine davon war das Bauunternehmen Ferrari. Die Firma erstellte in dieser Zeit etliche Gebäude in der Region – darunter auch das Sujet unserer Postkarte, das Direktionsgebäude der Seetalbahn. Die Ferraris werden rückblickend denn auch als «Baumeister des Hochdorfer Wirtschaftswunders» beschrieben und waren das führende Seetaler Baugeschäft. «Die Firma hatte 500 Angestellte und baute in Hochdorf zahlreiche Häuser», sagt alt Gemeindeammann Josef Blum, der in Hochdorf aufgewachsen ist. Ausserdem sollen sie alle Bahnhöfe der Seetalbahn zwischen Lenzburg und Emmenbrücke gebaut haben.

Die Familie Ferrari stammte ursprünglich aus Mezzolombardo, nahe dem italienischen Trient. In den 1880er-Jahren hatte die Familie ihren Sitz erst in Schwarzenbach, ab 1887 in Mosen und ab 1900 in Hochdorf. Den dortigen Sitz – die Villa Trentina – bauten die Ferraris selbst. Die Firma wurde von den Brüdern Silvio und Augusto Ferrari gegründet. Sie waren bis 1907 Geschäftsführer und wirkten nicht nur als Baumeister, sondern auch als Architekten. «Silvio Ferrari war eher ein Handwerker, während sich sein Bruder mehr um das Geschäftliche kümmerte», weiss Blum.

Viele Spuren verwischt

1906 wurde die Villa Trentina an die Kantonalbank verkauft. Diese liess das Gebäude später abreissen. An ihrer Stelle befindet sich heute das Gebäude der Barni-Post. An der Hauptstrasse 35 baute die Familie allerdings ein neues Wohnhaus, das bis heute steht.

Mittlerweile sind viele Spuren, welche die Ferraris hinterlassen haben, verwischt. Auch das postkartentaugliche Direktionsgebäude der Seetalbahn. Dort befindet sich heute das Elektrogeschäft Schreibe. Das Ende der «Ferrari-Ära» erfolgte 1953 mit dem Verkauf der Baufirma Hans Kiener. Damit verschwand der Name Ferrari aus dem Hochdorfer Bewusstsein.

Doch wer sucht, findet noch immer Spuren ihres Schaffens. Beispielsweise das Gebäude der ehemaligen Schokoladenfabrik Lucerna, wo sich heute der Manor befindet. Und dann ist da auch noch das «zweite Standbein» der Ferraris: 1907 gründeten sie die Marmor-Mosaikwerke AG Baldegg, welche bis heute besteht.

Manuela Liem

Hinweis

Quellen: Hörsch Waltraud, Ruckstuhl Dieter; Verein Historische Seetalbahn: 125 Jahre Seetalbahn; www.mmb-baldegg.ch

Die Bankstrasse 12 in Hochdorf. Heute steht an dieser Adresse dieses eher unscheinbare Gebäude. Früher befand sich an dieser Stelle ein wesentlich imposanterer Bau. (Bild Nadia Schärli)

Die Bankstrasse 12 in Hochdorf. Heute steht an dieser Adresse dieses eher unscheinbare Gebäude. Früher befand sich an dieser Stelle ein wesentlich imposanterer Bau. (Bild Nadia Schärli)