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GESCHICHTE: Luzerns Theater-Luftschlösser

Bereits in den 1930er-Jahren gab es Pläne für eine Festspielanlage auf dem Luzerner Inseli. Beim Widerstand gegen das Projekt ging es damals allerdings nicht um den Schutz von Grünflächen.
Liehburgs «dreidimensionales Theater»: Drei Bühnen auf verschiedenen Höhenniveaus sollten den Zuschauern ein besonders intensives Theatererlebnis bescheren. (Bild: PA 225/6 Staatsarchiv Luzern)

Liehburgs «dreidimensionales Theater»: Drei Bühnen auf verschiedenen Höhenniveaus sollten den Zuschauern ein besonders intensives Theatererlebnis bescheren. (Bild: PA 225/6 Staatsarchiv Luzern)

Julia Stephan

Hinter manchem grossen Bauvorhaben steckt ein grössenwahnsinniger Bauherr. Das Schloss Neuschwanstein wäre mit realistischem Budgetrahmen heute kein Märchen-, sondern ein Luftschloss. Der Zürcher Dramatiker Max Eduard Liehburg (1899–1962) hatte zwar nicht das Format eines Märchenkönigs, aber ein Talent, grosse Männer für grosse Dinge zu begeistern – einschliesslich für sich selbst.

In den 1930er-Jahren träumte er von einer monströsen Festspielanlage auf dem Luzerner Inseli. Südlich des damals neuen, von Armin Meili errichteten Kunsthauses, das 1996 dem KKL weichen musste, wollte er entlang der Uferzone einen gewaltigen Gebäudekomplex errichten.

Skizzen des Schweizer Architekten Roland Rohn haben diesen Traum, der in die Millionen ging, detailliert ausbuchstabiert: Umstellt von einer Fresken- und Ausstellungshalle sowie einer Bibliothek, hätten sich in einem Amphitheater auf dem Werftareal 10 000 Menschen an Trachten- und Volkstänzen ergötzen sollen. Während das Luzerner Stadttheater auf «Kammerdramen» abonniert gewesen wäre, wollte der Dichter Liehburg, der bürgerlich Max Eduard Meier hiess, seine «sakral-politischen» Grossdramen, darunter eine Bearbeitung des Tell-Stoffs («Hüter der Mitte»), in einem Theaterhaus für 2500 Personen inszenieren.

Keine langweilige Guckkastenbühne forderte Liehburg, sondern drei versenkbare Bühnen, die sich in verschiedenen Höhenniveaus um einen runden, von einer Projektionsdecke überwölbten Zuschauerraum herumwinden sollten. In diesem «dreidimensionalen Theater» oder «Totaltheater», davon war Liehburg überzeugt, wäre man der komplexen Struktur seiner Dramen architektonisch gerecht geworden.

Promi-Schaulauf à la Bayreuth

«Wir wollen keine kostspieligen Prunkbauten, keine schwerfälligen Steinkästen, die übermorgen veraltet sind», schrieb der Dichter. «Man gebe uns bewegliche Bauten, an denen jederzeit nach Belieben umgebaut und zugebaut werden kann.»

Mit der von Pierre Boulez in den 1980er-Jahren ersonnenen Salle Modu­lable hatte Liehburgs Konzept, dessen schriftliche Zeugnisse und Architekturskizzen im Luzerner Staatsarchiv lagern, nichts zu tun. Liehburg hielt sich zwar für modern, sass aber dem Festspielgedanken des 19. Jahrhunderts auf, wenn er an Luzerns Seeufer von einem Promi-Schaulaufen à la Bayreuth oder Salzburg träumte. Vor ihm hätten das schon Richard Wagner, Richard Strauss, der Salzburger-Festspiele-Begründer Max Reinhardt oder der Schweizer Dichter Arnold Ott getan, schreibt der Kunsthistoriker Beat Wyss. Luzern lag schon damals verkehrstechnisch zentral, die Hotelbettdichte war hoch, und die zahlkräftigen und prominenten Touristen fanden in der attraktiven Umgebung beste Festspielbedingungen vor.

Luzern, ein zweites Delphi?

Liehburg wollte aus Luzern einen «modernen dramatischen Wallfahrtsort von europäischer Tragweite» machen. Sogar vor einem Vergleich mit der griechischen Orakelstätte Delphi scheute er nicht zurück. Sein Projekt, das er mit seiner Stiftung Luzerner Spiele vorantrieb, verkaufte er als Beitrag zur geistigen Landesverteidigung. In seiner Tell-Bearbeitung «Hüter der Mitte» hatte er der Schweiz eine weltgeschichtliche Rolle angedichtet. Luzern mit seiner geografischen Nähe zum Gründungsmythos der Schweiz schien Liehburg der perfekte Austragungsort für sein Drama zu sein.

Das klingt für heutige Ohren abenteuerlich. Für manche von Liehburgs Zeitgenossen aber auch. In der Illustrierten «Heim und Leben» debattierte man 1937 heftig über die Frage, ob es diese nationalen Festspiele wirklich brauche. Auch wenn einige prominente Köpfe aus der Theaterszene sich zum Standort Luzern und zur Idee bekannten, gab die Zeitschrift genüsslich Liehburgs schwülstige Tell-Verse zum Besten, die schon damals nicht über alle Zweifel erhaben waren.

Flirt mit der Macht

Trotzdem gewann Liehburg für seine Idee angesehene Männer aus Politik, Wirtschaft und Militär, darunter zwei alt Bundesräte, vier Stadtpräsidenten und Namen wie Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler oder General Guisan. Der damalige SBB-Generaldirektor bot Liehburg für die Verwirklichung seiner sakral-politischen Spielstätte gar das Areal des alten Brünig-Bahnhofs westlich des Inseli an. Bei Bundesrat Philipp Etter erhielt Liehburg mehrmals Audienzen. Und der damalige Luzerner Stadtpräsident Jakob Zimmerli dankte dem Dichter für seine Projekteingabe mit den Worten, man verneige sich «vor den Ihrem Projekt zu Grunde liegenden grossen Gedanken».

Laut dem Historiker und Journalisten der «Basler Zeitung», Markus Wüest, der die Liehburg-Episode detailliert aufgearbeitet hat, ist nicht restlos geklärt, inwieweit Liehburgs Zeitgenossen die wahren Absichten dieses Mannes durchschauten. Der hatte in seinen Dramen, künstlerisch verpackt, den Anschluss ans Deutsche Reich propagiert. Dass Liehburg in den 1930ern mehrmals in Deutschland war und Kontakte zur Frontenbewegung unterhielt, kam erst heraus, als Bundesrat Philipp Etter dem sendungsbewussten Mann mit einer Expertenkommission auf den Zahn fühlte. Liehburg, der es liebte, mit der Macht zu flirten, soll sogar Mussolini um eine Audienz gebeten haben. Ob der Dichter sich bewusst einen Künstlernamen zugelegt hatte, der rückwärts gelesen «Heil» bedeutet, wie ein ehemaliger Kommilitone von Markus Wüest einst festgestellt hatte, lässt sich nicht mehr beweisen.

Enttarnung in der NZZ

Während Etters Expertenkommission das Vorhaben wegen der heiklen Personalie Liehburg unter Ausschluss der Öffentlichkeit leise zu Grabe trug, beendete 1937 eine Artikelserie in der NZZ, die wenige Tage später auch im «Luzerner Tagblatt» erschien, die Liehburg’schen Grössenfantasien laut und öffentlichkeitswirksam. Unter dem Pseudonym Lynkeus, griechisch für Luchs, enttarnte der Luzerner Kantonsschullehrer Heinrich Bühlmann das Weltbild hinter Liehburgs pseudoreligiöser Sprache. Der Schauspieler Paul Schill, der vor seiner Anstellung am Luzerner Stadttheater den Aufstieg der Faschisten in Deutschland hautnah miterlebt hatte, sowie der Luzerner Oberrichter Otto Siedler hatten Bühlmann dazu ermutigt.

Es war Liehburgs Freund Oskar Eberle, der Begründer der Luzerner Spielleute, der am Luzerner Festspieltraum weiterbaute. Der Theatermacher entwarf noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein nicht minder bombastisches «Theater der Völker». Mit einer Gebäudezeile vom Inseli bis zur Wartegg wäre das ganze linke Seeufer in Eberles Vision im Dienste der Kultur gestanden.

Musik statt Theater

Aufschlussreich ist das Interesse, das Luzerns Stadtpräsident Jakob Zimmerli Liehburgs Theaterplänen entgegenbrachte. Denn Zimmerli war es, der die dahinterstehende Idee von Luzerner Festspielen ein Jahr später in anderer Form tatsächlich verwirklichte, und zwar in der Musik. So war Zimmerli auch als Vertreter des Fremdenverkehrs Mitbegründer der Internationalen Musikfestwochen Luzern (1938). Dass diese mit dem antifaschistischen Aushängeschild Arturo Toscanini auf Anhieb internationalen Erfolg hatten, legte den Grundstein für den Ruf von Luzern als Musik- und Festspielstadt.

Von da ergibt sich doch ein Bezug zu den aktuellen Plänen für eine Salle Modulable. Auch wenn diese sich gegenüber Liehburgs Idee eines «beweglichen» Theaterbaus bescheiden ausnimmt, würde sie die bis auf Wagner zurückreichende Vision für Luzerner Festspiele unter Einbezug des Theaters doch noch umsetzen.

Hinweis

Wüest, Markus: Die Stiftung: Luzerner Spiele. In: Jahrbuch der Historischen Gesellschaft Luzern, Nr. 8, 1990, Seiten 2–34.

Wyss, Beat: Kühne Luzerner Festspielträume. In: Tribschen. So entstand ein Quartier. Hrsg. Quartierverein Tribschen-Langensand Luzern, 1975, Seiten 110–116. Staatsarchiv Luzern

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