Serie

Geschichten von versteckten Bankräubern und lustigen Missgeschicken: Die Sommerzeit weckt in Elisabeth Furler (95) viele Erinnerungen

In der Sommer-Serie «Der schönste Sommer meines Lebens» gehen wir von Altersheim zu Altersheim und besuchen Seniorinnen und Senioren. Statt sie mit Fragen zu löchern, lassen wir sie einfach mal in Ruhe erzählen. Wir hören zu und schreiben auf.

Livia Fischer
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«Wir waren überall», schwärmt Elisabeth Furler und beginnt, aufzuzählen. Italien, Spanien, Frankreich, Ungarn, Belgien, Schweden... Mit «wir» meint die 95-Jährige ihren mittlerweile verstorbenen Mann und sich. Kinder hatte das Paar keine, was ihnen viel Freiheit schenkte: «So konnten wir von den Ferien heimkommen, kurz die Wäsche waschen und gleich wieder packen und fortgehen.» Auf die Frage, welches Land ihr am besten gefallen habe, kommt wie aus der Pistole geschossen: «Spanien. Ganz eindeutig.»

1969 war ich zum ersten Mal in Mallorca. Eine Insel, auf der man sehr viel erleben und entdecken kann. Wir fanden immer wieder romantische Örtli, assen zum Zmittag manchmal so feine frische Erdbeeren und machten viele schöne Spaziergänge am Strand entlang. Weil man Mann im Beruf viel Auto gefahren ist – er arbeitete im Aussendienst für eine Firma, die Leuchtröhren verkaufte –, wollte er in den Ferien immer viel zu Fuss unterwegs sein. Auch die Einheimischen waren immer ganz nett zu uns und hilfsbereit. Obwohl ich sagen muss: Ich glaube fest daran, dass es immer so zurückkommt, wie man selbst zu den anderen ist.

«Lachen und gigelen kann ich noch gut», sagt die 95-jährige Elisabeth Furler.

«Lachen und gigelen kann ich noch gut», sagt die 95-jährige Elisabeth Furler.

Bild: Boris Bürgisser (Weggis, 27. Juli 2020)

Lachen verlernt sie nicht

Auf den einen schönsten Sommer will sich Furler nicht festlegen; sie hätte so viele schöne Erlebnisse gehabt. Lieber plaudere sie lustige Feriengeschichten aus, «gigelen» könne sie nämlich «immer noch ganz gut» und: «Ich lache jeden Tag mindestens einmal so richtig.» Die Suche im Kopf beginnt. Furler hält kurz inne, dann fängt sie wieder an zu lachen. Ihr ist grad etwas in den Sinn gekommen.

Mein Mann hat es immer gerne gesehen, wenn ich jede Woche zum Coiffeur gegangen bin. In den Ferien im griechischen Kos meinte er eines Morgens zu mir, ob ich nicht schauen wolle, ob ich noch irgendwo zu einem Friseur könne. Wir haben dann tatsächlich ein Geschäft gefunden, das noch einen Termin frei hatte. Während ich also da war, ging mein Mann in die Altstadt und wollte ein bisschen «lädele». Um 12 Uhr trafen wir uns wieder, da sagte er zu mir: «Du Schatz, ich habe in einem Schmuckladen einen Ring entdeckt, den muss ich dir zeigen. Wenn er dir gefällt, kaufe ich ihn dir sofort.» Es sei ein goldener Ring mit einer Perle, verriet er mir auf den Weg dorthin.

Perlen und Pelzmäntel

Eigentlich genau Furlers Geschmack, noch heute trägt sie gerne Schmuck. Sie habe eine Schwäche für Perlen, sagt sie. Das sieht man. An ihrem Hals baumeln zwei Ketten – eine feine goldige und eine aus Perlen. Auch ihre goldenen Ohrringe sind mit einer Perle als Blickfang versehen. Und ihr rechter Ringfinger ziert ein Ring, der von der Beschreibung her jenem in Kos gleicht. Es sei aber nicht der, meint die schicke Seniorin und fährt mit ihrer Erzählung fort.

Als ich den Laden gesehen habe, war ich ein bisschen enttäuscht. Ich kann gar nicht sagen wieso, aber es hat mich einfach gedünkt, dass da irgendwas nicht reell ist. Die Verkäufer des Ladens präsentierten der Ring auf einem Tablett, er war schön ausgeleuchtet. Doch der Preis war überrissen, 3500 Franken kostete das Schmuckstück. Ich stupfte meinen Mann an, sagte ihm, ich wolle den Kitsch nicht. Er war nicht echt – das sah ich sofort.

Wir verliessen den Laden, die Besitzer blieben enttäuscht zurück. Ein paar Meter weiter stand wieder einer, der wollte wissen, ob wir den anderen etwas abgekauft haben. Man könne denen nicht trauen, meinte er – bei ihm jedoch gebe es die schönsten Pelzmäntel zu kaufen. Schon da merkten wir wieder, dass auch er uns nur über den Tisch ziehen wollte. Er sprach aber sehr gut Deutsch, und als wir nachfragten, meinte er: «Ja wissen Sie, meine Frau und ich haben lange in Ostermundigen gewohnt und in Kos dann dieses Geschäft eröffnet.»

Versteckter Bankräuber

Noch immer über den Zufall erstaunt, sagt die gebürtige Baslerin lachend: «Jo, das isch e luschtigi Gschicht, nid wohr.» Und sie habe gleich noch eine andere; zwar sei sie nicht unbedingt witzig, aber aufregend.

Wir waren in Ungarn und befanden uns gerade im Car auf dem Weg zum Flughafen. Plötzlich rief eine Frau aus: «Mein Gott, ich habe mein Täschli nicht mehr!» Sie habe es wohl beim Zmorgen im Hotel liegengelassen. Alles sei darin – der Pass, das Flugticket, ihr Hausschlüssel, das Geld. Der Chauffeur hatte natürlich gar keine Freude, er wollte schon den Hotelier anrufen und ihn bitten, dass er ihm ein Stück entgegenkommt, da meldete sich ein ebenfalls deutschsprachiger Bursche. Er habe in der Nähe ein «wunderbares Auto» und stelle es gerne zur Verfügung, mit dem sei man schneller. Wir warteten, bis sie zurück waren. Anschliessend fragte der Chauffeur: «Hören Sie, jetzt nimmt es mich doch Wunder. Was machen Sie mit einem Auto in Ungarn? Wohnen Sie da?» Da antwortete der junge Mann prompt, dass er in der Schweiz einen Banküberfall gemacht habe und nun vor der Polizei auf der Flucht sei.

Ein kräftiger Typ stand auf, packte den Burschen unter seinen Arm und hielt ihn zusammen mit dem Chauffeur fest. Dann sind sie mit ihm zur Polizei. Unglaublich, was man so als Tourist erleben kann. Etwas Gutes hatte das Ganze jedoch: Um die Zeit zu überbrücken, besuchten wir einen Korbmarkt. Da hatte es wunderbare Unikate, so schöne Körbe habe ich noch nie gesehen. Das war auch nochmals eine zusätzliche Überraschung. Aber eine sehr schöne.

Jedes Jahr zum Muttertag

Doch ihre allerliebste Geschichte brennt ihr noch immer auf der Zunge. «Es ist zwar kein richtiges Sommererlebnis, aber ich möchte sie trotzdem unbedingt erzählen», meint sie.

Zum Muttertag schenkten meine Geschwister und ich unserer Mutter einmal eine wunderschöne Torte aus unserer Dorfbäckerei. Mein Bruder wollte sie ihr vornehm präsentieren, auf dem Weg ins Wohnzimmer muss aber irgendwie irgendwas am Boden gelegen sein. Er ist auf jeden Fall gestolpert – die Torte flog in hohem Bogen aus seiner Hand und landete ausgerechnet auf einer Holzschwelle. Ganz sorgfältig wollte er die Torte nehmen und umkehren. Da sahen wir, dass die ganze Schrift auf der Schwelle klebte, «Der lieben Mutter» stand da. Von da an hat mein Bruder diese Worte jeden Muttertag mit Kreide auf die Schwelle geschrieben. Es vergeht kein Jahr, indem das nicht zur Sprache kommt, es ist einfach so lustig.

Furler kichert vor sich hin. «Das isch jetz e guets Gschichtli, gälle Si?», hakt sie nach. Und selbst wenn sie keine Zustimmung erhalten hätte – sie hätte sich nicht beirren lassen und sich einfach alleine amüsiert.

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