Gespräch mit Brahms

Thomas Schacher Im Schaffen des deutschen Komponisten Wolfgang Rihm spielt die Auseinandersetzung mit der Tradition eine zentrale Rolle. Jüngstes Beispiel dafür ist sein Einsätzer «Nähe fern» 1, den das Luzerner Sinfonieorchester (LSO) im Kultur- und Kongresszentrum Luzern uraufgeführt hat.

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Komponist Wolfgang Rihm (rechts) bespricht sich mit Dirigenten des Sinfonieorchesters, James Gaffigan. (Bild: Pius Amrein/Neue LZ)

Komponist Wolfgang Rihm (rechts) bespricht sich mit Dirigenten des Sinfonieorchesters, James Gaffigan. (Bild: Pius Amrein/Neue LZ)

Thomas Schacher Im Schaffen des deutschen Komponisten Wolfgang Rihm spielt die Auseinandersetzung mit der Tradition eine zentrale Rolle. Jüngstes Beispiel dafür ist sein Einsätzer «Nähe fern» 1, den das Luzerner Sinfonieorchester (LSO) im Kultur- und Kongresszentrum Luzern uraufgeführt hat. Das Werk, im Auftrag des LSO und des Lucerne Festival geschrieben, bildet den Auftakt für insgesamt vier neue Kompositionen Rihms, die sich auf die vier Sinfonien von Johannes Brahms beziehen. Das LSO wird dann den ganzen Rihm-Zyklus im Sommer 2012 anlässlich des Lucerne Festival spielen.

Für seine musikalische Reflexion über die erste Sinfonie verwendet Rihm genau dieselbe Besetzung wie Brahms, allerdings ergänzt um eine Tuba. Im Übrigen tappt er nicht in die Falle, einzelne Themen, etwa das berühmte (Alp-)Horn-Thema oder das Hauptthema des Finales, zu zitieren. Stilistisch gibt es durchaus Anklänge an die Vorlage, und zwar durch ein wechselndes Annähern und Sichentfernen, so wie der Titel «Nähe fern» dies nahelegt. Am deutlichsten schimmert der erste Satz der c-Moll-Sinfonie durch. Doch letztlich scheint es Rihm – trotz der tonal geprägten Harmonik – nicht um eine Kopie des Brahmsschen Tonfalls zu gehen. Vielmehr übernimmt er von Brahms das Prinzip der organischen Gestaltung, der wellenartigen Bewegung von Melodien, des wogenden Auf und Ab. Und er übernimmt dessen Verfahren der ständigen Verwandlung und Entwicklung von Motiven, wie gerade der Anfang des Werks mit seinem Gewebe in den tiefen Streichern und Holzbläsern hörbar machte. Dabei orientiert sich die Grossform klar an Kulminationspunkten, nach deren letztem eine allmähliche Beruhigung eintritt, ganz im Gegensatz zum dionysischen Schluss in Brahms' Sinfonie.

Dass das LSO den Mut nicht aufbrachte, Brahms' Erste vor Rihms «Nähe fern» zu placieren, sondern die Sinfonie erst danach spielte, ist bedauerlich. Konventionen in Ehren, aber wenn eine Abhängigkeit gezeigt werden soll, dann bitte in der richtigen Reihenfolge. Mit der Aufführung gab James Gaffigan, der in der Saison 2011/12 die Chefdirigentenposition des LSO antritt, eine weitere Kostprobe seines Könnens. Der erst 32-jährige Amerikaner verfügt über ein ansteckendes Temperament und ein solides Handwerk, was eine lebendige, ja bisweilen zündende Wiedergabe hervorbrachte. Nicht zu überhören waren indes auch die Schwächen; da gab es einige rhythmische Ungenauigkeiten und mehrere Passagen, die klanglich zu wenig ausdifferenziert erschienen.

Unverbunden mit dem Rest des Programms stand zu Beginn des Abends das Klavierkonzert in B-Dur KV 456 von Wolfgang Amadeus Mozart. Der Pianist Hüseyin Sermet nahm dem Werk alle Erdenschwere, bewegte sich mit seinem perlenden Spiel in luftigen Höhen.