Gestrandet im Ferienparadies: Zentralschweizer berichten von ihren Erlebnissen in Neuseeland

Über 1100 Schweizer sitzen wegen der Coronakrise in Neuseeland fest. Darunter ein frisch vermähltes Luzerner Ehepaar und eine Obwaldnerin, die vom Schicksal verfolgt wird.

Matthias Stadler aus Auckland
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Das Coronavirus macht auch vor Pazifikinseln nicht Halt. Ein Beispiel ist Neuseeland: Zwar ist die Anzahl Infizierter noch nicht auf dem Niveau von Mitteleuropa, doch werden auch dort immer mehr Erkrankte registriert. Das Land hat sich deshalb von der Aussenwelt abgeschottet, es darf niemand mehr einreisen. Seit vergangenem Mittwoch herrscht in Neuseeland die höchste Alarmstufe. Der sogenannte Lockdown ist vorerst auf vier Wochen angesetzt.

Das trifft auch die Luftfahrt: Die Flüge von Neuseeland in alle Himmelsrichtungen wurden in den vergangenen Tagen fast schon im Minutentakt annulliert. Dies, weil viele grosse internationale Flughäfen wie Singapur keine Transitpassagiere mehr zulassen. Normale Flüge gibt es nur noch wenige, und Billette dafür sind meist hoffnungslos überteuert. Deswegen sind nun mehr als 100 000 Touristen in Neuseeland gestrandet, darunter gut 1100 Schweizer (siehe Box am Ende des Textes).

Flitterwochen im Stillstand

Auch Zentralschweizer sind vor Ort, unsere Zeitung konnte mit mehreren Betroffenen sprechen. Im Küstenstädtchen Kaikoura auf der Südinsel etwa ist eine Dreiergruppe aus dem Kanton Luzern gestrandet. Das Ehepaar Lara und Samuel Geiser hat sich zusammen mit Kollegin Livia Koch ein Haus per Airbnb gemietet.

Von links: Livia Koch, Samuel Geiser und Ehefrau Lara vor ihrer Unterkunft in Kaikoura auf der Südinsel Neuseelands.

Von links: Livia Koch, Samuel Geiser und Ehefrau Lara vor ihrer Unterkunft in Kaikoura auf der Südinsel Neuseelands.

Bild: PD

«Wir versuchen das Beste aus der Situation zu machen», erklärt die 25-jährige Lara Geiser. Das in Schongau wohnhafte Ehepaar befindet sich eigentlich auf einer einjährigen Weltreise. «Wie es nun weitergeht, wissen wir nicht. Wir nehmen Tag für Tag», sagt Samuel Geiser. «Vielleicht fliegen wir nach dem Lockdown zurück in die Schweiz, und vielleicht können wir unsere Reise fortsetzen.»

Die beiden haben Mitte März spontan in Neuseeland geheiratet und wollten schon bald nach Hawaii weiterreisen: «Stattdessen verbringen wir unsere Flitterwochen nun im Stillstand», führen sie lachend aus. Die beiden sind gut gelaunt, denn nach acht Monaten reisen mache es ihnen nichts aus, «auch einmal die Koffer richtig auszupacken und etwas durchzuatmen».

Spielen, kochen und spazieren

Mitbewohnerin Livia Koch, aus Schongau und nun wohnhaft in Luzern, wollte die beiden in Neuseeland besuchen und danach einen Sprachkurs absolvieren. Die Schule führt den Kurs nun online durch. Und so entschieden sich die drei Luzerner, den Stillstand gemeinsam zu meistern. Sie fanden nach langem Suchen die erwähnte Unterkunft. «Es könnte schlimmer sein, wir sind fast direkt am Strand und haben genügend Platz», erzählt die 24-jährige Livia Koch. «Wir können Spiele spielen, kochen und spazieren gehen.»

Der Strand liegt in unmittelbarer Nähe. Livia Koch (links), Lara Geiser und Ehemann Samuel.

Der Strand liegt in unmittelbarer Nähe. Livia Koch (links), Lara Geiser und Ehemann Samuel.

PD

Trotzdem habe sie manchmal gemischte Gefühle: «Ich war hin- und hergerissen, ob ich nach Hause fliegen sollte.» Doch sei es ein zu grosses Risiko gewesen, da viele Flüge annulliert wurden. Auch habe sie hie und da Heimweh, «vor allem, weil noch ungewiss ist, wann ich meinen Freund und meine Familie zu Hause wieder sehe». Ihr Rückflugdatum ist ebenfalls unklar, die Primarlehrerin hofft auf Mitte Mai.

Bis dahin gilt es, sich irgendwie aktiv zu halten. Die Gruppe hat sich gut eingerichtet. Die drei machen Fitnessübungen, Livia Kochs Online-Sprachkurs beginnt demnächst. Auch an Lebensmitteln fehlt es nicht. «Zudem sind die Leute, denen wir jetzt noch begegnen, sehr freundlich und hilfsbereit», sagt Lara Geiser, die zu Hause ebenfalls als Primarlehrerin arbeitet.

Odyssee durch das halbe Land

Von grosser Hilfsbereitschaft sprechen auch Tamara von Rotz und Ronnie Rast. Das Pärchen wollte sich einen lang gehegten Traum verwirklichen und Neuseeland neun Wochen lang bereisen. Am 9. März landeten die beiden in Christchurch, mieteten einen Wohnwagen und fuhren auf der Südinsel munter drauf los. Doch schon bald holte sie das Coronavirus ein, «die Lage änderte sich täglich», erklärt die 30-jährige Tamara von Rotz, die in Kerns aufwuchs und nun mit ihrem Partner in Stans lebt. «Es ist auch eine sehr schwierige Situation für die Einheimischen, da niemand weiss, was passieren wird.»

Tamara von Rotz vertreibt sich die Zeit in der Nähe von Auckland.

Tamara von Rotz vertreibt sich die Zeit in der Nähe von Auckland.

Bild: Ronnie Rast

Nach einer Odyssee durch grosse Teile des Landes haben es die beiden nun auf einen Campingplatz nahe Auckland geschafft. Sie hätten sich nach langem Hin und Her entschieden, nach Hause zu fliegen. «Unsere Reise ist eine Achterbahn der Gefühle», sagt der 34-jährige Adligenswiler Ronnie Rast.

«Wir fühlen eine grosse Wehmut, wir haben uns auf diese Reise sehr gefreut. Und nun müssen wir sie gezwungenermassen abbrechen.»

Das Paar hat einen Rückflug für den 2. April gebucht. Ob dieser tatsächlich durchgeführt wird, ist offen. Denn es sind schon diverse andere Flüge annulliert worden, auch solche, die Tamara von Rotz und Ronnie Rast hätten zurückbringen sollen. «Aber beim Flug vom 2. April sieht es gut aus. Nun versuchen wir, die letzten Tage hier zu geniessen», sagt Tamara von Rotz. Zudem wollen sie surfen, ihr Campingplatz liegt direkt an einem Strand.

Dass sie nochmals nach Neuseeland kommen werden, ist für die beiden Zentralschweizer klar. Tamara von Rotz war schon einmal im Land – als ein Erdbeben im Februar 2011 Christchurch verwüstete und 185 Menschenleben forderte. Für das nächste Mal hofft sie auf mehr Glück, denn: «Aller guten Dinge sind drei.»

Sonderflüge momentan nicht möglich

Ob die 1100 in Neuseeland gestrandeten Schweizer mit Sonderflügen der Schweizer Behörden ausgeflogen werden können, steht momentan in der Schwebe. Die neuseeländische Regierung hat Sonderflüge bis auf weiteres ausgesetzt. «Dies erschwert unsere Arbeit, und Repatriierungsflüge sind momentan nicht möglich», erklärt das Aussendepartement EDA auf Anfrage. Am Montagabend teilte das EDA mit: «Verschiedene Länder, darunter die Schweiz, stehen in engem Kontakt mit den neuseeländischen Behörden, um diese Einschränkung aufzuheben.»

Viele gestrandete Schweizer fühlen sich derweil hilflos. Das EDA rät Touristen, sich auf der Travel-Admin-App zu registrieren, damit die Botschaft besser Kontakt aufnehmen kann. Grundsätzlich sei jede Person für ihren Auslandaufenthalt verantwortlich. Wenn immer möglich, müssten Touristen ihre Rückreise selbstständig organisieren. Es gebe keinen Anspruch auf eine organisierte Rückreise. 

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