Ambulant vor stationär: Kassen und Ärzte zweifeln Luzerner Bilanz an

Der Luzerner Regierungsrat Guido Graf zieht über die Umsetzung des Grundsatzes «ambulant vor stationär» eine positive Zwischenbilanz. Der Krankenkassenverband Santésuisse teilt die Begeisterung zwar nicht, ist sich mit Graf aber in einem Punkt einig.

Alexander von Däniken
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Auch die verschiedenen Ärztevereinigungen sehen in Guido Grafs Liste nicht nur Vorteile. (Bild: Bernd Weiss / EPA)

Auch die verschiedenen Ärztevereinigungen sehen in Guido Grafs Liste nicht nur Vorteile. (Bild: Bernd Weiss / EPA)

Zwölf bestimmte medizinische Eingriffe werden im Kanton Luzern seit dem 1. Juli 2017 möglichst nur noch ambulant statt stationär vorgenommen. Damit spart der Kanton pro Jahr rund 1,5 Millionen Franken, wie Gesundheitsdirektor Guido Graf (CVP) letzte Woche bilanziert hat. Nicht nur das: Den Berechnungen seines Departements nach werden auch die Krankenkassen nicht stärker belastet. Auch der administrative Aufwand halte sich in Grenzen. «Bei einem Franken Kontrollkosten hat der Kanton knapp 18 Franken gespart», erklärte Graf. (Ausgabe vom 29. März).

Wie kommt die Zwischenbilanz bei den Krankenkassen an? Der Dachverband Santésuisse schreibt: «Ob die Verlagerung für den Prämienzahler kostenneutral ausfällt, kann Santésuisse noch nicht bestätigen. Die Kostendaten liegen noch nicht vollständig vor.» Ein Fragezeichen setzt der Verband auch hinter die Folgen für die Spitäler. Mit der zunehmenden Verlagerung von stationären zu ambulanten Behandlungen müssten auch die Spitalinfrastrukturen überprüft und, wo nötig, die stationären Kapazitäten reduziert werden. «Die Spitalplanung des Kantons Luzern lässt diese Frage noch unbeantwortet.»

Einheitliche Finanzierung gefordert

Immerhin in einem Punkt ist sich Santésuisse mit Guido Graf einig: Die unterschiedliche Finanzierung von stationären und ambulanten Behandlungen muss vereinheitlicht werden. Derzeit werden stationäre Behandlungen über eine Fallpauschale abgerechnet; im ambulanten Bereich kommt der Einzelleistungstarif Tarmed zum Einsatz. An den stationären Kosten beteiligt sich der Kanton mit 55 Prozent, an den ambulanten Kosten gar nicht. «Die Krankenversicherer erwarten deshalb, dass sich die Kantone künftig auch an den Kosten der ambulanten Behandlungen beteiligen. Nur so können Fehlanreize im System minimiert werden und die Prämienzahlerinnen und -zahler werden nicht einseitig belastet», so Santésuisse.

Auch die verschiedenen Ärztevereinigungen sehen in Guido Grafs Liste nicht nur Vorteile. Der Luzerner Josef E. Brandenberg ist Präsident der FMCH, dem Dachverband der chirurgischen und invasiv tätigen Ärzte. Er sagt auf Anfrage, dass es zwar erfreulich sei, wenn der Kanton 1,5 Millionen Franken spare. Das sei aber nur eine «Scheineinsparung»: «Wie bei stationären Eingriffen benötigen auch ambulante Operationen den gleichen technischen Aufwand, wie Anästhesie, OP-Saalbenützung oder Überwachung, einzig die Übernachtungen im Spital fallen weg. Solange diese frei gewordenen Spitalbetten oder die nicht mehr benötigten Spitalabteilungen in Betrieb bleiben, wird logischerweise kein Franken gespart.»

Das alleine reiche aber noch nicht aus. Brandenberg spricht von «ambulanten Produktionsstrassen», die aufgrund des Systemwechsels nötig würden. Diese Strassen beginnen schon bei intensiveren Vorgesprächen zwischen Hausärzten und Patienten, um einen ambulanten Eingriff abzuklären. Dann brauche es in den Spitälern Warteräume vor den Operationssälen und die entsprechende Planung von morgendlichen OPs, um die Patienten noch am gleichen Tag heimschicken zu können. Die Strasse ende bei einer intensiveren Nachsorge durch Hausärzte und Spitex-Dienste. Das alles verursache zusätzliche Kosten.

Neben der Schliessung von Spitalabteilungen, der Finanzierung der «ambulanten Produktionsstrassen» fordert FMCH laut Brandenberg auch eine einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen, eine entsprechend einheitliche Vergütung für die Ärzte und den Abbau der Bürokratie. Unter diesen Vorbehalten sei es auch im Sinn der FMCH, ambulante Operationen zu fördern.

Mehr Bürokratie befürchtet

Marcus Maassen ist HNO-Spezialist und Präsident des Vereins Pulsus, der sich gegen Regulierungen im Gesundheitsbereich einsetzt. Maassen stellt sich die Frage, ob es gut ist, wenn der Kanton das Einhalten der 12er-Liste kontrolliert. «Wir Ärzte als Leistungserbringer und die Krankenkassen als vollständige Kostenträger im ambulanten Bereich sind die eigentlichen Experten und stehen daher untereinander in direktem Kontakt. Künftig soll der Kanton daher eine Regelung erlassen, wonach die Kontrollen von einem Gremium aus Krankenkassen, Leistungserbringern und einem neutralen Dritten vorgenommen werden.» Denn dass der Kanton wie bisher mit einem Franken Kontrolleinsatz 18 Franken Ersparnisse herausholen kann, erachtet Maassen nicht als realistisch. «Je umfangreicher der Grundsatz ambulant vor stationär umgesetzt wird, desto stärker steigen die Administrativkosten.»

Trotz allem sei Guido Graf auf gutem Weg: «Ich glaube, dass die letzte Woche präsentierten Berechnungen gerechtfertigt sind.» Wichtig seien drei Dinge: Erstens müsse zwingend das Patientenwohl im Zentrum stehen. Einen multimorbiden Patienten für eine ambulante Behandlung vom Entlebuch nach Luzern zu schicken, sei zum Beispiel nicht sinnvoll. Zweitens müsse gewährleistet sein, dass in Abstimmung mit der FMH, FMCH und der Santésuisse eine nationale Lösung angestrebt wird. Drittens werden betriebswirtschaftlich ausgewogene Pauschalen realisiert.