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GESUNDHEIT: Luzerner Kantonsspital verärgert Mitarbeiter

Seit diesem Sommer setzt das Luzerner Kantonsspital auf ein neues Betriebskonzept. Es verlegt die Pflegeorganisation vom Stationszimmer auf den Korridor und soll so für mehr Effizienz sorgen. Mitarbeiter sprechen von zum Teil prekären Zuständen.
Martina Odermatt
Das Pflegekonzept im Luzerner Kantonsspital verunsichert auch Patienten, wie Quellen berichten. (Symbolbild: Boris Bürgisser)

Das Pflegekonzept im Luzerner Kantonsspital verunsichert auch Patienten, wie Quellen berichten. (Symbolbild: Boris Bürgisser)

Martina Odermatt

martina.odermatt@luzernerzeitung.ch

Wenn die diplomierte Pflegefachperson morgens ihre Frühschicht im Luzerner Kantonsspital (Luks) beginnt, hat sie 15 Minuten Zeit, um die Dossiers von 12 Patienten zu studieren, bevor sie sich den Patienten vorstellt. Pro Patient bleibt da etwas mehr als eine Minute Zeit.

Das sind Weisungen, die im neuen Betriebskonzept LLP des Spitals verankert sind (siehe Box). Gegen das Konzept, das seit dem Sommer schrittweise am Departement Chirurgie des Luks eingeführt wird, regt sich interner Widerstand. Unserer Zeitung liegen exklusive Unterlagen vor. Diese zeigen: Unter dem Strich sollen die Mitarbeiter effizienter werden. Was nachvollziehbar klingt, ­hapert in der Praxis aber an der Umsetzung, wie verschiedene Quellen gegenüber unserer Zeitung sagen. «Die Qualität der Behandlung und Patientensicherheit sinkt, der Datenschutz ist nicht gewährleistet, und bereits kommen negative Rückmeldungen von Patienten.» Es sind happige Vorwürfe, die einige Mitarbeiter des Luks an ihren Arbeitgeber richten.

Viele Gespräche finden im Gang statt

Der Vorwurf der Mitarbeiter punkto Datenschutz: Er ist mit dem neuen Konzept nicht gewährleistet. Neu werden alle Tätigkeiten der Pflegekräfte auf einem sogenannten Zonenboard, einer übergrossen Stundentafel, aufgelistet. Darauf ersichtlich ist, wer wann welche Tätigkeiten an welchem Patienten vornimmt. Zwar sind die Patienten verschlüsselt aufgeführt – die Namen herauszufinden, ist jedoch nicht besonders schwer. Pikant: Diese Tafel ist im Flur aufgehängt, für jedermann ersichtlich, der sich dort aufhält. Auch Gespräche über den Patienten mit den Physiotherapeuten oder Ernährungsberatern finden auf dem Gang statt. Ausserdem wurde das Büro der Pflegekräfte auf den Flur verlegt. Dort aktualisieren sie unter unruhigen Bedingungen die Patientendossiers. Aufbewahrt werden die Dossiers in einem nicht abschliessbaren Wagen. Fahrlässig? Aus internen Dokumenten geht hervor, dass dieses Problem bereits von den Angestellten angesprochen wurde. Darin nimmt der verantwortliche Leiter wie folgt Stellung: «Das Betriebskonzept LLP stellt in Bezug auf den Datenschutz keinerlei Einschränkung dar.» Und weiter: «Alle Mitarbeitenden sind dafür verantwortlich, dass Patientendaten in keiner Form und in keiner Zeit an unbefugte Dritte geraten.» Darüber können die Mitarbeiter nur lachen: «Die Spitaltüren sind nicht so dick, dass man nichts von den Gesprächen mitbekommen würde. Ausserdem herrscht im Flur ein reges Kommen und Gehen.»

Einige Mitarbeiter beschweren sich ausserdem, dass sie nicht genug Zeit ­haben, sich um Patienten zu kümmern. Auch Pausen seien oft nicht möglich, da das Modell keinen Raum für Flexibilität bietet. Die Zonenverantwortliche delegiert die zu erledigenden Arbeiten an ihre Mitarbeiter. Diese folgen ihrem strikten Zeitplan. «Passiert etwas Unvorhergesehenes, etwa, wenn sich ein Patient einnässt, ist die ganze Planung obsolet. Dann muss man sich beim nächsten Patienten extrem beeilen, um so die Zeit wiedergutzumachen», sagt eine Mitarbeiterin. Und während im Gang viele Informationen zu Patienten frei zugänglich sind, darf das Pflegepersonal in den Patientendossiers nur das lesen, was es für die einzelne Tätigkeit unbedingt zu wissen braucht. Muss also jemand eine Blutentnahme machen, darf die Person nur die dafür relevanten Informationen lesen. Fragt ein Patient, warum ihm Blut abgenommen wird, kann ihm der Mitarbeiter keine Antwort geben. «Gegenüber dem Patienten fühle ich mich dann fachlich inkompetent. Das ist kein schönes Gefühl und hilft auch nicht, eine Vertrauensbasis mit dem ­Patienten aufzubauen», so der Tenor. Auch hier: Das Konzept lässt wenig Raum für Unvorhergesehenes. Ein Beispiel: «Wenn jemand nicht mehr atmet, weiss ich nicht, ob ich den Patienten ­reanimieren darf oder nicht.» So müsse zuerst die Zonenverantwortliche geholt werden, da diese alle Patienten kenne und handeln könne. Ist sie jedoch in der Pause, ist sie für ihre Mitarbeiter nicht erreichbar. In diesem Fall muss das ­Patientendossier konsultiert werden. Die Angestellte fällt ein hartes Urteil: «Patienten werden nicht mehr wie Menschen behandelt.»

Patienten finden keine Ruhe

Das neue Konzept des Luks sieht vor, dass die Zonenverantwortliche Unterstützung bekommt von drei Supportgruppen, die in unterschiedliche Berufskategorien aufgeteilt sind. In der Theorie sollte von allen drei Kategorien Personal anwesend sein. In der Praxis sehe dies jedoch anders aus, sagen Mitarbeiter. «Es kam schon vor, dass ausser der Zonenverantwortlichen keine weitere diplomierte Fachkraft anwesend war. Dann musste die Zonenverantwortliche die knappen Ressourcen melden – in der Hoffnung, dass Unterstützung kommt.» Dabei wäre die Arbeit dieser Person eigentlich, den Überblick zu haben, sich mit verschiedenen Fachpersonen auszutauschen und Ein- und Austrittsgespräche zu führen. Laut Konzept sollte sie zudem jeden Patienten stündlich nach seinem Befinden fragen. «Das ist unrealistisch. Wenn es hoch kommt, schaffen wir das viermal pro Schicht», ärgern sich die Mitarbeiter. Kein Wunder, ist die Zonenverantwortliche doch für zwölf Patienten zuständig.

Die Patienten leiden unter den Umständen, stellen die Mitarbeiter fest. «Eine Patientin hat nur noch geweint, weil sie keine Ruhe mehr hatte.» Es herrsche ein stetiges «Gläuf», in kurzen Abständen komme immer wieder jemand ins Zimmer, um eine Tätigkeit am Patienten auszuführen.

Auch die Ausbildung der Lehrlinge und Studenten wird kritisiert. «Früher ist man mit dem Lehrling zusammengesessen, hat eine Vor- und Nachbesprechung gemacht und ihm gesagt, warum der Patient hier ist.» Mit dem neuen Konzept sei dies zeitlich nicht mehr möglich. Und: «Da wir alle nach einem straffen Zeitplan arbeiten, lernen die Lehrlinge und Studenten gar nicht mehr, wie man seine Arbeit plant. Man weiss, um 11 Uhr bin ich bei Patient X, um 11.15 Uhr muss ich bei Patient Y sein.» Das helfe angehenden Pflegefachkräften nicht. Im Gegenteil: Sie müssen später die Zonenverantwortung übernehmen – ohne es vorher gelernt zu haben. «Selbstständiges Denken ist nicht mehr erwünscht», so die Meinung. Auch hier nimmt der Verantwortliche Leiter in einem internen Dokument Stellung: «Ja, die geforderten Lernsituationen können für alle Lernenden und Studierenden weiterhin vollumfänglich gewährleistet werden.» Und: «Es bietet sich nun sogar öfter als zuvor die Gelegenheit, dass Lernende/Studierende zusammen mit ihren Berufsbildnern/-innen am Nachmittag zusammensitzen und den Tag evaluieren.»

Veränderungsprojekte haben sich «immer bewährt»

Das neue Konzept hat bereits personelle Konsequenzen nach sich gezogen. Einige Mitarbeiter halten Ausschau nach einer neuen Stelle. Auch die Mitarbeiter, die in diesem Artikel zu Wort kamen, durchstöbern ab und zu die Stelleninserate: «Ich habe meine Anliegen schon oft den Vorgesetzten unterbreitet.» Doch den Mitarbeitern ist wichtig: «Wir sind nicht gegen das System an sich, sondern die Art der Umsetzung.»

Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, schreibt Luks-Sprecherin Bettina Wildi: «In der heutigen Zeit, in der sich Patienten immer kürzer im Spital aufhalten, ist es zentral, dass Organisation und Abläufe entsprechend angepasst und strukturiert werden.» Man berücksichtige dabei jedoch die Patientenbedürfnisse und mache bei der medizinischen Versorgung sowie bei der Sicherheit keine Abstriche. «Mit dem Betriebskonzept LLP verbessert das Luks den Pflegealltag. Ziel ist es, den Patienten noch mehr in den Mittelpunkt zu rücken.» Den Widerstand führt die Organisation auf generelle Unsicherheiten, Fragen und Vorbehalte zurück, die bei Veränderungen auftreten. «Diese Reaktionen verstehen wir und nehmen wir auch ernst.» Die überwiegende Mehrheit der Mitarbeitenden stehe Veränderungen offen gegenüber und ziehe bei «Change-Projekten» überzeugt mit. «So insbesondere auch beim angeführten Betriebskonzept LLP. Rückmeldungen aus Teams in Abteilungen, die bereits mit dem Betriebskonzept arbeiten, sind positiv.» Kritische Punkte nehme man kontinuierlich auf und integriere sie in die Prozessoptimierung. Verschiedene Veränderungsprojekte, welche am Anfang teilweise auf Kritik stiessen, hätten sich letztendlich «immer sehr bewährt», so das Luks. «Im Übrigen werden die rechtlich relevanten Rahmenbedingungen selbstverständlich eingehalten.»

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