Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

GESUNDHEIT: Zeckenplage verunsichert Bevölkerung

Knapp 15'000 Personen suchten bis jetzt ­wegen Zeckenstichen den Arzt auf. Das sind so viele wie noch nie. Dabei sind die meisten Konsultationen unnötig.
Yasmin Kunz
Ein adultes Zeckenweibchen. (Bild: Getty)

Ein adultes Zeckenweibchen. (Bild: Getty)

Yasmin Kunz

Die Zecken scheinen sich derzeit in der Schweiz besonders wohl zu fühlen – und auch häufiger zuzustechen als in den letzten acht Jahren. Das zumindest lässt sich aus den neusten Zahlen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) schliessen. Dieses zählte im ersten Halbjahr 2016 landesweit rund 14 600 Arztbesuche, die auf einen Zeckenstich zurückzuführen sind. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es «nur» 9700 Konsultationen. Den tiefsten Wert von 8600 Arztbesuchen registrierte das BAG im Jahr 2010.

Zecken sind grundsätzlich ungefährlich. Das Problem: Ein Teil der Zecken trägt Erreger in sich, welche beim Menschen Krankheiten auslösen können. Die zwei bekanntesten sind die Lyme-Borreliose und die Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME. Bei der Bor­reliose handelt es sich um einen bakteriellen, bei FSME um einen viralen Infekt. Beide Erreger können im schlimmsten Fall zu einer Hirnhautentzündung führen.

Nur wenige erkranken ernsthaft

Die steigenden Zahlen von Arztkonsultationen sowie auch die aktuell publizierten Fallzahlen zu Lyme-Borre­liose beruhen laut dem BAG auf Hochrechnungen. Darum sind sie gemäss Infektiologe Beat Sonderegger «mit Vorsicht zu interpretieren». Der Mediziner, der am Luzerner Kantonsspital arbeitet, erklärt: «Aus unserer Erfahrung wird das Krankheitsbild der Lyme-Borreliose zu oft diagnostiziert. Grund hierfür ist, dass es keinen perfekten diagnostischen Test für diese Infektion gibt.» Im Blut nachgewiesene Borrelien-Antikörper können Ausdruck eines Kontakts mit diesen Bakterien sein. Will heissen: Viele Menschen weisen Borrelien-Antikörper auf, sind jedoch völlig gesund. Bei rund 10 Prozent der gesunden Bevölkerung seien diese Antikörper nachweisbar. «Bei Orientierungsläufern oder Waldarbeitern steigt diese Zahl auf fast 40 Prozent an», sagt Sonderegger.

Im Gegensatz zur Borreliose ist das Risiko, an einer Infektion mit dem FSME-Virus zu erkranken, deutlich kleiner. Sonderegger weiss auch warum: «Einerseits sind nicht einmal 5 Prozent der Zecken mit dem Virus infiziert. Andererseits verläuft die FSME oft ohne Symptome oder wird als Sommergrippe verkannt.»

Impfung schützt gegen FSME

Schweizweit zählt das Bundesamt für Gesundheit jährlich zwischen 100 und 250 FSME-Fälle. Dieses Jahr registrierte das BAG bis dato 72 FSME-Erkrankungen. Die Zahl der an Borreliose-Fällen erkrankten Personen ist nicht mel­depflichtig, liegt gemäss Schätzungen aber im langjährigen Durchschnitt – bei 5400 Fällen.

Die wirksamste Methode gegen die FSME-Erkrankung ist eine Impfung. Sonderegger: «Der Impfstoff gegen FSME ist sehr wirksam und gut verträglich.» Der Arzt empfiehlt diese allen Personen (Kindern ab dem 6. Altersjahr), welche sich regelmässig im Grünen aufhalten – unabhängig davon, ob sie in einem Risikogebiet wohnen oder nicht. Die Impfung besteht aus drei Dosen, eine Auffrischung ist erst nach zehn Jahren nötig. Die Kosten werden von der Grundversicherung zurückerstattet. Wie viele Personen gegen FSME geimpft sind, wird nicht erhoben. Weiter rät der Arzt, im Wald lange Hosen, Socken und hohe Schuhe zu tragen. Auch Zeckensprays würden vor Stichen schützen.

Von Zecken gestochene und besorgte Personen melden sich meist beim Hausarzt. «Wir Spezialisten sehen später diejenigen Personen, bei welchen eine Infektionskrankheit im Zusammenhang mit dem Zeckenstich vermutet wird», erklärt Beat Sonderegger. Darum spürt der Arzt den Anstieg der Arztbesuche während der letzten Wochen auch nur indirekt: «Vermehrt kontaktieren uns Hausärzte und fragen nach Rat.»

Bei Wanderröte zum Arzt

Dabei braucht es in der Regel bei einem Zeckenstich gar keinen Arzt. Eine Zecke könne man selber entfernen, sagt Beat Sonderegger (siehe Kasten). Der Hausarzt sollte dagegen aufgesucht werden, wenn mehrere Tage nach dem Stich eine Wanderröte – eine flache, ringförmige Rötung – entsteht. Dies sei ein mögliches Frühsymptom einer Lyme-Borreliose, erklärt der Arzt.

Zecken leben vor allem in Laubwäldern mit üppigem Unterholz und kommen in der ganzen Schweiz bis auf eine Höhe von zirka 1500 Metern über Meer vor. Sie ernähren sich von Tier- und Menschenblut.

  • Im Kanton Luzern sind vor allem Gemeinden wie Willisau, Beromünster, Dagmersellen, Sursee, Grosswangen und Vitznau zeckenreiche Gebiete, wie das BAG mitteilt (siehe Karte). Dabei handelt es sich um Zecken, die FSME übertragen könnten.
  • Im Kanton Obwalden sind vor allem die Gebiete um Kerns und Alpnach betroffen. Eine Zunahme von Zeckenstichen stellt man im Kantonsspital Obwalden allerdings nicht fest.
  • Buochs, Stans, Stansstad, Wolfen­schiessen, Beckenried und Emmetten sind besonders zeckengefährdete Gebiete im Kanton Nidwalden.Bis dato liessen sich im Spital Nidwalden elf Patienten wegen eines Zeckenstichs behandeln – das liegt im Bereich der Vorjahre.
  • Der Kanton Uri zählt seit längerem zu den Endemiegebieten der FMSE. Heikle Gebiete sind etwa Erstfeld, Bürglen, Altdorf, Silenen und Amsteg. ImKantonsspital Uri stellt stellt man keinen Anstieg von Anfragen wegen Zeckenstichen fest.
  • Im Kanton Schwyz ist gemäss BAG lediglich die Gegend um Morschach von Zecken betroffen. Im Spital Schwyz stellt man keine Zunahme von Zeckenstichen fest.
  • Anders sieht es im Zuger Kantonsspital aus:Die Zahl der Patienten mit Zeckenstichen ist dieses Jahr gestiegen, wie Sonja Metzger, Leiterin Marketing, auf Anfrage sagt. Zahlen dazu gibt es keine, weil keine Statistik geführt wird. Fest steht: Auch das Zuger Kantonsspital berät heuer mehr Hausärzte bezüglich Zeckenstichen.

Eine Schweizer App hilft bei Zecken-Alarm

Werner Tischhauser (42) ist Projektleiter für biologische Zeckenbekämpfung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Die Präventions-App hat er zusammen mit seinem Kollegen, Professor Jürg Grunder, am Institut Umwelt und natürliche Ressourcen entwickelt. (Bild: pd)

Werner Tischhauser (42) ist Projektleiter für biologische Zeckenbekämpfung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Die Präventions-App hat er zusammen mit seinem Kollegen, Professor Jürg Grunder, am Institut Umwelt und natürliche Ressourcen entwickelt. (Bild: pd)

Mobile hilfe kuy. Seit März 2015 ist die App «Zecke» erhältlich. Sie deckt die Schweiz und Liechtenstein ab – und wird rege genutzt.

Werner Tischhauser, Sie haben eine Zecken-App entwickelt. Warum?

Werner Tischhauser: Die App soll die Bevölkerung mittels Risikokarte vor Zecken warnen. Sie entspricht dem heutigen Zeitgeist. Wichtige Projektpartner sicherten uns fachliche und finanzielle Unterstützung zu. Als Wissenschaftler ­motivierte mich die technische Herausforderung: eine dynamische Zeckenrisikokarte zu entwickeln, die mir auf dem Smartphone zu jeder Zeit an jedem Ort der Schweiz die Wahrscheinlichkeit anzeigt, von einer Zecke gestochen zu werden. Die App richtet sich zudem an Personen, die von einer Zecke gestochen wurden und nicht wissen, wie sie diese entfernen sollen und worauf danach zu achten ist.

Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Tischhauser: Das Hauptziel ist das Verhindern von durch Zecken übertragbaren Infektionskrankheiten. Wir wollen einer breiten Öffentlichkeit in einfacher, aber verständlicher Sprache die Zeckenproblematik erklären und das Bewusstsein auf die existierende Zeckengefahr schärfen – ohne dabei Panik zu schüren. Das war inhaltlich und didaktisch die ­grösste Herausforderung.

37 000 Personen haben die App bisher heruntergeladen. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Tischhauser: Der Erfolg beruht auf der Kombination eines Zeckenstichtagebuchs, das einen an die Kontrolle des Zeckenstichs erinnert, und der Gefahrenkarte, die laufend alle erfassten User-Zeckenstiche darstellt.

Treffen denn viele Stichmeldungen ein?

Tischhauser: Ja. Der durch die Bevölkerung zusammengetragene Datensatz wird es uns ermöglichen, Ende Jahr die erste geografische Zeckenstichkarte der Schweiz zu erstellen.

Sie sagen, dass dieses Jahr mehr Menschen von Zecken gestochen wurden. Gibt es dafür eine Erklärung?

Tischhauser: Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Einerseits sind in den Monaten April, Mai und Juni sowie im Herbst die Zecken am aktivsten. In diesen Jahreszeiten bewegen sich die Menschen viel in der Natur. Diese Kombination führt zu mehr Zeckenstichen. Ausserdem breiten sich die wichtigen Wirte für Zecken – das sind Mäuse, Drosselvögel, Igel, Eichhörnchen, Füchse und Rehe – ins Siedlungsgebiet aus. Die Zecken folgen diesen Wildtieren.

Haben das Klima und die Witterung auch einen Einfluss auf die Verbreitung der Zecken?

Tischhauser: Ja. Infolge der Klimaveränderung können Zecken auch in hoch gelegenen Regionen über 1500 Meter über Meer überleben. Dieses Jahr unterscheidet sich die Witterung deutlich vom vergangenen Jahr. Solche meteorologischen Veränderungen haben kurzfristige Auswirkungen auf Zeckenpopulationen.

Gibt es denn auch mehr Blutsauger in der Schweiz?

Tischhauser: Ob die Zahl der Zecken in den letzten Jahren zugenommen hat, kann niemand mit Sicherheit sagen. Ich kann einzig die über die App eingetroffenen Zeckenstichmeldungen des letzten Jahres mit den diesjährigen Zahlen vergleichen. 2015 gingen via App 2071 Stichmeldungen ein, heuer sind es zur Jahresmitte bereits 3400. Dies hat allerdings auch damit zu tun, dass die App mehr Benutzer hat. Dennoch ist klar: Dieses Jahr werden mehr Leute von Zecken gestochen als 2015.

Hinweis

Werner Tischhauser (42) ist Projektleiter für biologische Zecken­bekämpfung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Die Präventions-App hat er zusammen mit seinem Kollegen, Professor Jürg Grunder, am Institut Umwelt und natürliche Ressourcen entwickelt.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.