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GESUNDHEITSWESEN: Luzerner Ärzte-Präsident Aldo Kramis: «Patienten leiden am meisten»

Der Chef der Luzerner Ärzte ist verärgert über die vom Bundesrat geplante Tarifanpassung. Diese sei nicht nur für die Ärzte ein Nachteil, sondern auch für die Patienten.
Yasmin Kunz
Eine Patientin in der Frauenklinik des Kantonsspitals. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 1. Dezember 2015))

Eine Patientin in der Frauenklinik des Kantonsspitals. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 1. Dezember 2015))

Interview: Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Kaum ein Thema gibt bei den Ärzten derzeit mehr zu reden als der geplante Tarifeingriff von Bundesrat Alain Berset (siehe Kasten). Von Willkür, einseitiger Kostensenkung und Qualitätseinbussen ist die Rede. Besonders trifft es die Spezialisten. Sie haben berechnet, dass die Eingriffe ins Abrechnungssystem Tarmed einen Umsatzrückgang um bis zu 30 Prozent und dadurch zu Lohneinbussen von bis zu 50 Prozent führen (Ausgabe vom 28. Mai).

Einig sind sich alle – der nationale Dachverband der Ärzteschaft (FMH), der Spitalverband H+, der Krankenkassenverbund Curafutura und die kleineren Fachverbände –, dass es eine neue Tarifstruktur braucht. Das ambulante Abrechnungssystem Tarmed sei veraltet. Es basiert auf Daten vor dem Jahr 2000 und trat 2004 in Kraft. Aldo Kramis vertritt die Ärzteschaft im Kanton Luzern und ist selber Hausarzt. Er erklärt, welche Auswirkungen dieser Tarifeingriff im ambulanten Sektor für die Patienten haben könnte.

Aldo Kramis, die Zürcher Ärzte demonstrierten lautstark gegen den geplanten Tarifeingriff. Sie beklagen sich ebenfalls über die Tarifanpassung, unternehmen aber noch nichts.

Es bringt nichts, einfach draufloszupoltern. Wir müssen sachlich bleiben und mit Fakten argumentieren. Zudem haben wir uns diese Situation auch teilweise selber zu verdanken, weil wir, also der Dachverband der Ärzte (FMH), sich mit den Krankenkassen nicht rechtzeitig auf eine Tarifstruktur einigen konnte. Darum muss der Bundesrat von Gesetzes wegen eingreifen.

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, könnte man also sagen. Dann gibt es aber im Grunde genommen auch nichts zu reklamieren.

Wir tragen sicher unseren Anteil zu dieser unbefriedigenden Situation bei. Aber wir haben dem Bundesrat mehrmals erklärt, wir bräuchten mehr Zeit zur Ausarbeitung einer Tarifstruktur, die auf aktuellen Daten basiert. Die Version, die im letzten Juni kurz vor der Abstimmung stand, war grundsätzlich gut, aber fehlerhaft. Diese Version müsste nun subito vorangetrieben werden. Über diese neue Version gilt es anschliessend mit den Tarifpartnern zu einer Einigung zu kommen, was Zeit braucht. Zeit geben uns Bundesrat, Nationalrat und auch die Krankenkassen nicht mehr.

Der Frust unter den Ärzten ist gross. Was genau macht Sie wütend?

Am meisten ärgert uns, dass in der Revision nicht die heutigen ambulanten Kosten berücksichtigt werden – im Gegenteil: Die Tarife werden ohne Ausgleich für die letzten 13 Jahre und zusätzlich noch um 700 Millionen gesenkt. Zuerst braucht es korrekte neue Zahlen, welche die jetzige Situation abbilden. Die haben aber weder der Bund noch die Krankenkassen. Auf diesen aktuellen Zahlen soll dann die Revision durchgeführt werden. Ein Beispiel: Von 1 Franken, den ein Arzt einer ambulanten Praxis verrechnen kann, haben wir vor 2000 vielleicht noch 40 Rappen behalten können. Heute sind es – bedingt durch teurere Geräte, Infrastruktur, Qualitätsbemühungen, Administration und teureres Personal

– noch etwa 20 Rappen. Das verdeutlicht doch klar, dass man die Rechnung nicht mit den Fakten des Tarmed von 2004 machen kann. Das ist schlicht eine falsche Ausgangslage.

Kürzlich hat das Kantons­gericht der Hirslanden-Klinik St. Anna Recht gegeben, mit dem alten, höheren Tarif abzurechnen. Berset hätte hier das Gebot der Sachgerechtigkeit verletzt, hiess es im Urteil. Das dürfte Hoffnungen wecken.

Der Entscheid geht in die richtige Richtung. Ein Tarifeingriff muss sachgerecht sein und darf nicht auf Willkür basieren. Frohlocken lässt uns das Urteil dennoch nicht, weil es sicher vor das Bundesverwaltungsgericht weitergezogen wird und der Bund hier rein politische Entscheide trifft mit wohl neuem Zahlenmaterial ohne Rücksichtnahme auf die Tarifpartner.

Apropos Frohlocken: Sie als Hausarzt dürften glücklich sein, weil sie mit der neuen Struktur zirka 2 bis 3 Prozent mehr verdienen würden.

Das ist in der Tat so, dass die Hausärzte in diesem Fall besser wegkommen als Spezialisten, da die Grundleistungen wie Anamnese und Konsultation durch Wegfall der ärztlichen Qualitätsunterschiede um bis zu 4 Prozent aufgewertet werden. Ich bin als Präsident der Luzerner Ärztegesellschaft aber auch das Sprachrohr für Dermatologen, Gastroenterologen, Chirurgen, Psychiater, also für alle Fachärzte. Die Spezialisten würde die geplante Revision viel härter treffen, weil der Bundesrat alles über einen Kamm schert. So wird die Ausbildung und Leistung eines hoch spezialisierten Chirurgen, der sich viele Jahre mehr weiterbilden musste, gleichgestellt mit einem – etwas salopp ausgedrückt – Hausarzt. Das wollen wir nicht. Die Unterschiede der einzelnen Spezialisten zu den Allgemeinmedizinern sind heute deutlich zu gross. Anpassungen sind notwendig, aber sicher nicht derart radikal.

Fakt ist: Die Ärzte im ambulanten Bereich erhalten mit dem neuen Tarifsystem viel weniger für ihre ärztlichen Leistungen. Was heisst das konkret an einem Beispiel?

Ein Arzt für Gastroenterologie erhält etwa für eine Darmspiegelung noch 25 Minuten vergütet. Vielfach dauert eine Koloskopie aber ungefähr 45 Minuten. Das heisst, die Differenz von 20 Minuten müsste der Arzt selber berappen. Was tut er in einem solchen Fall? Er führt entweder die Spiegelung in 25 Minuten durch, wobei die Qualität leiden könnte, bestellt den Patienten für eine zweite Koloskopie ein, oder er verweist den Patienten ins Spital, wo dieser stationär aufgenommen und behandelt wird. Das Gleiche gilt auch für weitere operative Eingriffe, die nicht mehr kostendeckend erbracht werden können. Solche Fälle werden vermehrt im Spital landen, wo die Finanzierung anders geregelt ist.

Also leidet letztlich der Patient am meisten unter dem Tarifeingriff?

Die Patienten werden am meisten leiden – leider. Ein Beispiel aus der Praxis: Neu dürfen wir innerhalb von drei Monaten noch total 30 Minuten für verschiedene «Arbeiten in Abwesenheit» abrechnen. Wenn wir für einen Patienten etwa Gespräche mit dem Sozialamt, der Gemeinde und dem psychologischen Dienst führen müssen, so gilt das als «Arbeit in Abwesenheit». Je nach Fall können solche Abklärungen bis zu zwei Stunden dauern. Künftig müssten wir also solche Gespräche entweder krass reduzieren oder nicht mehr führen. Das Gleiche gilt für die Aufklärung vor einer Operation. Dafür kann beispielsweise ein Magen-Darm-Chirurg im Zeitraum von drei Monaten auch nur maximal 30 Minuten verrechnen. Bei einem komplexen Fall kann das Gespräch aber deutlich länger dauern. Fakt ist: Ein komplexer Eingriff im Bauchraum wie etwa bei einer Krebserkrankung kann der Arzt nicht innerhalb von 30 Minuten erklären. Und wenn der Patient nicht versteht, worum es geht, kann nicht operiert werden.

Also werden die Patienten wieder vermehrt stationär behandelt.

Dieses Szenario wird wohl eintreffen. Damit torpediert der Bundesrat die Bemühungen um «ambulant vor stationär». Spinnt man den Gedanken weiter, könnte man zum Schluss kommen, dass die Kosten im Gesundheitswesen durch die geplante Tarifstruktur im ambulanten Bereich nicht gesenkt werden, sondern zu einem Grossteil auf die Patienten und im Fall der Spitäler auch auf die Steuerzahler umgewälzt werden.

Hinweis

Aldo Kramis (60) präsidiert seit sechs Jahren den Vorstand der Luzerner Ärztegesellschaft. Er führt seit 21 Jahren in Emmenbrücke eine Gemeinschaftspraxis mit 22 Angestellten und Lehrlingen.

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