Mobilität
Wasserstoff macht mächtig Dampf: Die zweite Tankstelle der Zentralschweiz ist eröffnet

In Geuensee wurde am Montag eine neue Wasserstofftankstelle eröffnet, es ist schweizweit die siebte. Das Konzept stösst auch im Ausland auf Interesse.

Reto Bieri
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Wasserstoff ist in unserer Region auf dem Vormarsch: Ende Januar eröffnete Agrola in Rothenburg die erste Tankstelle, nun zieht Avia in Geuensee nach. Am Montag posierten medienwirksam ein Wasserstoff-Lastwagen von Hyundai sowie zwei Personenwagen der Marken Hyundai und Toyota vor der brandneuen Zapfsäule. Alle drei Fahrzeuge gehören zu den ersten serienmässig hergestellten Wasserstoffgefährten weltweit. Auf Schweizer Strassen sind bisher erst wenige unterwegs. Doch das soll sich ändern. Verschiedene Akteure aus dem Energie- und Mobilitäts-Sektor haben sich dazu in einem privatwirtschaftlich organisierten System vereint.

Die erste Wasserstofftankstelle von Avia in der Zentralschweiz steht in Geuensee. Urs Schmidli, CEO der Tankstellenbesitzerin Schätzle AG, beim Betanken eines mit Wasserstoff betriebenen Autos.

Die erste Wasserstofftankstelle von Avia in der Zentralschweiz steht in Geuensee. Urs Schmidli, CEO der Tankstellenbesitzerin Schätzle AG, beim Betanken eines mit Wasserstoff betriebenen Autos.

Bild: Pius Amrein (Geuensee, 19. April 2021)

Dazu zählt auch Avia, eine Vereinigung, in der zehn unabhängige Firmen zusammengeschlossen sind. Eine davon ist die Schätzle AG, die unter der Marke Avia insgesamt rund 90 Tankstellen in der Zentralschweiz betreibt. Zwar würden herkömmliche Treibstoffe wie Benzin und Diesel noch längere Zeit eine Rolle spielen, sagte Urs Schmidli, CEO der Schätzle AG. Doch: «Die Bedeutung von synthetischen Brennstoffen, von Strom und eben Wasserstoff nimmt laufend zu. Wir wollen mit dieser Tankstelle ein Zeichen setzen und einen Beitrag für die nachhaltige Mobilität leisten.» Geuensee liege mit dem nahen Autobahnanschluss verkehrstechnisch optimal, zudem sei genügend Platz vorhanden für den Bau der neuen Zapfsäule. Wie hoch die Investitionskosten sind, wollte Schmidli nicht preisgeben.

Sichtlich stolz war auch Patrick Staubli, Geschäftsführer der Avia-Vereinigung Schweiz, denn von den bislang sieben Wasserstofftankstellen in der Schweiz gehören drei zum Avia-Netzwerk. Der Ausbau geht stetig weiter, sagte Hansjörg Vock von der Firma H2 Energy AG, die das Schweizer Wasserstoff-Kreislaufsystem mitentwickelt hat. Nächstens eröffnet in Bern die achte Schweizer Wasserstofftankstelle. Im Verlauf des Jahres sollen vier weitere hinzukommen und 2022 nochmals rund acht. Zum Konzept gehört auch, dass der Wasserstoff grün ist, also aus erneuerbaren Energien wie Wasserkraft, Solar- oder Windstrom stammt.

So funktionieren Wasserstoffautos

Wasserstoffautos – auch Brennstoffzellenautos genannt – fahren mit einem Elektromotor. Angetrieben wird er durch Brennstoffzellen, die in einer chemischen Reaktion Wasserstoff und Sauerstoff zu Strom umwandeln. Das Abfallprodukt ist Wasser respektive Wasserdampf. Gewonnen wird der gasförmige Wasserstoff mittels Elektrolyse aus Wasser. Dafür braucht es Strom, um Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff zu zerlegen. Weil die Schweizer Wasserstoffanbieter den Strom aus Wasserkraft gewinnen, ist das Fahren eines Wasserstoffautos in der Schweiz CO₂-neutral. Allerdings kann Wasserstoff auch aus fossilen Brennstoffen gewonnen werden, weshalb der umweltbewusste Nutzer im Ausland darauf achten sollte, woher der Wasserstoff kommt. (bev)

Überschüssige Windenergie in Wasserstoff umwandeln

Das in der Schweiz etablierte System sei weltweit einzigartig, betont Hansjörg Vock. Und es hat im Ausland Interesse geweckt. Man werde das Geschäft nach Europa ausdehnen, namentlich nach Österreich, Deutschland und in die Niederlande. In den letzteren beiden soll insbesondere überschüssige Windenergie zur Herstellung von Wasserstoff genutzt werden.

Zentrales Element für die genügende Auslastung der Schweizer Wasserstofftankstellen sind die Lastwagen. Rund 40 der Marke Hyundai verkehren momentan auf Schweizer Strassen. Vertraglich geregelt ist, dass die Südkoreaner bis 2025 insgesamt 1600 Fahrzeuge liefern. Parallel dazu wird die Infrastruktur ausgebaut. Martin Osterwalder, Vorstandsmitglied des Fördervereins H2 Mobilität Schweiz, sieht im Schwerverkehr sehr grosses Potenzial: «Es wäre machbar, dass künftig sämtliche rund 40'000 Lastwagen, die in der Schweiz zugelassen sind, mit grünem Wasserstoff fahren.»

PW ist in drei Minuten betankt

Die bisherigen Wasserstofftankstellen seien sehr gut ausgelastet, sagt Hansjörg Vock. Nicht nur für LKWs, sondern auch für Personenwagen-Vielfahrerinnen und -fahrer dürfte Wasserstoff wegen der raschen Betankung von etwa drei Minuten und der grossen Reichweite von bis zu 600 Kilometern interessant werden. Jede Neueröffnung habe zahlreiche Personenwagen zum Tanken angezogen, so Vock. Sein privates Wasserstoffauto sei bezüglich Treibstoffkosten und Reichweite mit einem Dieselfahrzeug vergleichbar. Gut möglich also, dass bald auch rund um Geuensee deutlich mehr Autos zu sichten sind, die hinten nichts anderes als Wasserdampf ausstossen.

Wasserstoff aus erneuerbarer Energie

Derzeit wird in der Schweiz ein geschlossener Kreislauf für die Wasserstoffmobilität aufgebaut. 2018 haben sich diverse Schweizer Firmen zu einem Förderverein zusammengeschlossen. Dieser zählt aktuell 21 Mitglieder, darunter Migros, Coop, Avia, Agrola, Galliker Transporte, Fenaco und Emmi. Die Mitglieder setzen Nutzfahrzeuge ein und bauen die landesweite Betankungsinfrastruktur auf. Produziert wird der Wasserstoff aus erneuerbaren Energien, momentan mittels einem Flusswasserkraftwerk im solothurnischen Gösgen. Ein weiterer Baustein sind rund 1600 Wasserstoff-LKW, die Hersteller Hyundai bis 2025 in die Schweiz importiert. Transporteure und Logistiker müssen nicht selber für die Investition und den Unterhalt aufkommen, sondern bezahlen Hyundai pro gefahrenen Kilometer eine Entschädigung.