Gewalt gegen Polizisten: «Die Meldungen der letzten Tage sind eine Katastrophe»

Am Freitagabend findet im Kanton Luzern eine Feier für mehr Wertschätzung gegenüber Polizisten statt. Zahlen verdeutlichen, dass dies dringend nötig ist.

Roseline Troxler
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Sie proben den Ernstfall: Die Polizeikorps von Luzern, Nid- und Obwalden bei einem Weiterbildungskurs in Schüpfheim. (Bild: Corinne Glanzmann, 25. Mai 2018)

Sie proben den Ernstfall: Die Polizeikorps von Luzern, Nid- und Obwalden bei einem Weiterbildungskurs in Schüpfheim. (Bild: Corinne Glanzmann, 25. Mai 2018)

Drei verletzte Polizisten bei der Gegen-Demo zum «Marsch fürs Läbe» am Samstag in Zürich, Angriff vermummter FC-St.Gallen-Fans auf die Polizei nach dem Cupspiel in Winterthur und ein verletzter Polizist bei einer Messerattacke in Greppen. Nur schon die letzten Tage zeigen: Immer wieder kommt es zu Tätlichkeiten gegen Polizisten.

Im Kontrast dazu steht der Anlass, der am Freitagabend, 20. September, in Oberkirch stattfindet. Die Polizei lädt zur musikalischen Michaelsfeier. «Die öffentliche Feier soll Ausdruck für die Wertschätzung der Polizeiarbeit sein», heisst es in der Einladung. Die Feier findet zu Ehren des Erzengels St.Michael statt, dem Schutzpatron der Polizeikräfte.

Gewalt, Drohungen und Tätlichkeiten gegenüber Luzerner Polizisten

Jahr Anzahl Fälle Geschädigte Polizisten Verletzte Polizisten
201184**
2012112**
201359**
201485**
201585160*
201674161*
20178916242
20188717745

Zahlen aus dem Kanton Luzern lassen aufhorchen. Zwar bleibt die seit 2011 erfasste Zahl von Gewalt, Drohungen und Tätlichkeiten gegen Polizisten insgesamt konstant. Im Durchschnitt lag sie bei 84 Fällen. Seit 2015 wird aber auch die Zahl der geschädigten Polizisten ausgewiesen. Darunter fallen Bedrohungen, Beleidigungen, Anspucken aber auch körperliche Verletzungen. «Hier war im Jahr 2018 gegenüber den Vorjahren eine markante Steigerung auszumachen», sagt Christian Bertschi, Chef Kommunikation bei der Luzerner Polizei. Die Zahl stieg von 160 geschädigten Polizisten im 2015 auf 177 im 2018. Bertschi sagt:

«Wir führen dies unter anderem auf einen Mangel an Respekt und eine latente Gewaltbereitschaft gegenüber Polizisten zurück.»

Dies sei unter anderem bei Grossveranstaltungen wie Fussballspielen, der Fasnacht oder dem Luzerner Fest festzustellen. Gestiegen ist auch die Anzahl verletzter Polizisten – von 42 im 2017 auf 45 im letzten Jahr.

An der heutigen Feier wird Johanna Bundi Ryser, Präsidentin des Verbandes Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB), eine Rede halten. Sie sprach sich in der Vergangenheit immer wieder für einen besseren Schutz von Polizisten aus. Zur aktuellen Situation sagt sie: «Die Meldungen der letzten Tage sind eine Katastrophe. Vor allem in den Ballungszentren, auf öffentlichem Grund und in Zusammenhang mit Alkohol kommt es vermehrt zu körperlichen Angriffen auf Polizisten.»

Trotz der Fälle sei Wertschätzung bei der Mehrheit der Bevölkerung vorhanden. «Polizisten schwingen bei den Berufsleuten, denen am meisten Vertrauen gegenübergebracht wird, immer oben aus.» Allerdings: «Wir stellen fest, dass bei gewissen Gruppierungen und vermehrt bei Jugendlichen der Respekt fehlt.» Bundi ortet mögliche Gründe in der anonymeren und veränderten Gesellschaft.Für die Präsidentin des VSPB mit über 26000 Mitgliedern ist es zentral, «dass Drohungen oder Tätlichkeiten gegen Polizisten nicht als Kavaliersdelikte angeschaut werden. Es muss eine Null-Toleranz gelten. So gibt es kein Recht, einen Polizisten anzufassen», unterstreicht sie. Als Problem erachtet Bundi, dass es immer wieder Gerichtsurteile mit milden Strafen gab. Bundi sagt:

«Richter haben einen Spielraum, zögern bei Drohungen und Angriffen gegen Polizisten aber zu oft, die Beschuldigten klar zu bestrafen.»

Regelmässige Trainings und bessere Ausrüstung

Polizisten der Luzerner Polizei werden hinsichtlich rechtlicher Beurteilung von Gewalt und Drohung sowie der entsprechenden Rapportierung geschult. «Ziel ist es, die Ereignisse richtig einzustufen und ausreichend beschreiben zu können und damit vollständig und formaljuristisch korrekt zur Anzeige zu bringen», erklärt Bertschi.

Um Polizisten auf Gewalt und verbale Attacken vorzubereiten, investiert die Luzerner Polizei einerseits in Schutzausrüstung, andererseits in regelmässige Trainings. Zu Ersterem gehören etwa Spuckhauben. «Diese können potenziellen Tätern über den Kopf gezogen werden», sagt Christian Bertschi. Die Schulungen haben das Ziel, dass die Polizisten die Täterschaft besser einschätzen und auf diese reagieren können. Ausserdem werden Polizisten auch psychologisch auf die jederzeit möglichen Fälle von Gewalt und Drohung vorbereitet. «Ein Angriff gegen einen Polizisten richtet sich in der Regel nicht gegen die handelnde Person, sondern gegen den Staat als Autorität. Dennoch gehen seelische oder physische Verletzungen in den seltensten Fällen spurlos vorüber», sagt Bertschi. Dies bestätigt Johanna Bundi Ryser. «Es gibt Polizisten in Uniform, welche aufgrund von Vorfällen in den Innendienst wechseln.»

Hinweis: Die öffentliche Michaelsfeier beginnt am Freitagabend, 20. September, um 19 Uhr in der katholischen Kirche in Oberkirch. Danach offerieren der Kirchenrat und die Pfarrei Oberkirch einen Apéro.

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