GLAUBE: 200 Wege, um zu Gott zu finden

Die Uni Luzern hat die Religionsvielfalt im Kanton Luzern studiert. Die Befunde zeigen den Kanton in einem ziemlich bunten Licht.

Ismail Osman
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Anzahl der Gründungen religiöser Gemeinschaften seit 1860. (Bild: Grafik Janina Noser)

Anzahl der Gründungen religiöser Gemeinschaften seit 1860. (Bild: Grafik Janina Noser)

Ismail Osman

 

ismail.osman@luzernerzeitung.ch

Luzern ist ein tief katholischer Kanton – daran hat sich in den letzten 150 Jahren nichts geändert. Das heisst allerdings nicht, dass es nur eine Kirche gab und gibt. Im Gegenteil: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden über 200 religiöse Gruppen und Gemeinschaften im Kanton. Einen Überblick über die Geschichte und Entwicklung dieser Gemeinschaften bietet das Projekt «Religionsvielfalt im Kanton Luzern» des religionswissenschaftlichen Seminars der Universität Luzern.

Ein Blick auf die interaktive Karte (siehe Hinweis) zeigt: Religionsvielfalt im Kanton Luzern heisst zunächst einmal Christentum im Plural. 79 Prozent der Wohnbevölkerung gehören dem Christentum an. Sie teilen sich ­jedoch in römisch-katholische, evangelisch-reformierte, freikirchliche, christkatholische, ­orthodoxe, altorientalische und weitere Gemeinschaften auf.

Ebenfalls augenfällig: Gemeinschaften nicht-christlicher Religionen sind fast nur in der Stadt und Agglomeration Luzerns anzutreffen. «Wir haben ein gewisses Stadt-Land-Gefälle zwar erwartet, diese Deutlichkeit ist allerdings schon bemerkenswert», sagt Martin Baumann, Leiter des Religionswissenschaftlichen Seminars. So ermittelten die Forscher innerhalb der Agglomeration Luzerns etwa zwölf buddhistische, acht islamische und je zwei hinduistische und jüdische Gruppen und Gemeinschaften.

Gründungsboom in den 1920er-Jahren

Eines der wichtigsten Elemente des Projekts sei der Blick auf die Gründungsdaten der verschiedenen religiösen Gemeinschaften, sagt Martin Baumann: «Man muss dabei feststellen, dass die religiöse Vielfalt nicht erst mit den Migrationsströmen der 1980er- und 1990er-Jahre eintrat.» Tatsächlich begannen ab 1860 verschiedene neue Gemeinschaften und Gruppierungen in Luzern Fuss zu fassen. 1866 etwa der Israelitische Kultusverein (ab 1917 Jüdische Gemeinde Luzern), 1883 die Christkatholische Kirche oder 1885 die Heilsarmee.

Zwischen den Weltkriegen beschränkten sich die Gründungen auf Gemeinschaften innerhalb der Landeskirchen. Wobei gerade in den 1920er-Jahren ein regelrechter Boom an neuen christlichen Gemeinschaften verzeichnet wurde. In den 50er-Jahren verspürten dann vor­wiegend unterschiedlichste Grup­pierungen, die mit der römisch-katholischen Kirche verbunden waren, Auftrieb. So etwa die Piusbruderschaft oder die Basisgruppen-Bewegung. Das erste islamische Gotteshaus, die Eyüp-Moschee, entstand bereits 1976. Ab den 80er-Jahren erhielten dann auch vermehrt «östliche Religionen» Einzug im Kanton Luzern.

Seit der Jahrtausendwende nimmt die Zahl der Gründungen jedoch deutlich ab. «Ein Grund dafür ist sicherlich, dass mittlerweile bereits schon eine beträchtliche Vielfalt an Gemeinschaften vorhanden ist», erklärt Baumann. Andererseits verschwinden Gemeinschaften auch wieder. Sei es, weil sie überaltern, die tragende Person wegzieht oder sich Personen von Religion distanzieren. Letzteres trifft derzeit vor allem für die etablierten ­Kirchen zu. «Die fortschreitende Zusammenlegung der reformierten wie auch katholischen Pastoralräume ist Merkmal dieses Trends», sagt Baumann.

Bei genauerem Hinsehen fällt auch auf, dass nebst etablierten Religionsgemeinschaften auch Gruppen aus den Bereichen Esoterik und alternativer Spiritualität erfasst wurden. Bei manchen davon handelt es sich um selbst ernannte Heiler und Schamaninnen. «Wir haben hierbei solche berücksichtigt, die nachweislich eine gewisse Grundzahl von Anhängern haben und sich regelmässig treffen», erklärt Baumann. «Um ein möglichst vollständiges Abbild der religiösen Vielfalt wiederzugeben, darf man solche Gruppierungen und Bewegungen nicht ausklammern.»

Das Projekt «Religionsvielfalt im Kanton Luzern» besteht seit 2004. Die Erhebung ist zum vierten Mal aktualisiert worden.

Hinweis: Die interaktive Karte auf www.unilu.ch/lu-RL