Gleiche Arbeit, aber viel weniger Lohn: Luzerner Spitalangestellte kritisieren Ungleichbehandlung

Über 400 angehende Pflegefachpersonen, deren Unterricht nun ausfällt, stehen derzeit in Luzerner Spitälern im Einsatz. Sie arbeiten unter anderem auf den Isolierungsstationen – zu einem Praktikumslohn.

Evelyne Fischer
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Gemeinsam gegen Corona: Dieses Credo gilt speziell in Pflegeberufen. Wer bei Xund, dem Bildungszentrum Gesundheit in Luzern, derzeit eine Ausbildung absolviert, wurde in den angestammten Betrieb zurückbeordert. Betroffen sind in der Zentralschweiz unter anderem 634 angehende Pflegefachfrauen und -männer (Pflege HF). 436 von ihnen arbeiten in Spitälern, 142 in Altersheimen und 56 bei der Spitex. Für sie gibt's bis Ende Juni weder Fern- noch Präsenzunterricht.

Der Lohn beträgt 1000 bis 1500 Franken pro Monat

Zahlreiche Fachpersonen Gesundheit (Fage) aus der Region, deren Ausbildung zur Pflege HF unterbrochen wurde, sind nun am Kantonsspital in Luzern, Wolhusen und Sursee tätig, unter anderem auf den Isolierungsstationen. Hier engagieren sie sich Seite an Seite mit anderen Fage-Mitarbeitern, leisten im Vollpensum dieselbe Arbeit. Während letztere jedoch das reguläre Salär erhalten, werden die angehenden Pflegefachpersonen nur mit einem Praktikumslohn zwischen 1000 und 1500 Franken entschädigt. Zum Vergleich: Die Lohnempfehlung für eine ausgebildete Fage beträgt bei Berufseinstieg zwischen 4000 und 4400 Franken. Gleiche Arbeit, aber viel weniger Lohn? Das sorgt bei Betroffenen für Unmut.

Im Gesundheitswesen ist der Personalbedarf derzeit sehr gross.

Im Gesundheitswesen ist der Personalbedarf derzeit sehr gross.

Symbolbild: Boris Bürgisser (1. Dezember 2015)

Eine Ungleichbehandlung sieht Jörg Meyer, Direktor des Bildungszentrums Gesundheit, indes nicht. «Damit zur Bewältigung der Coronakrise alle Studierenden zur Verfügung stehen, haben wir die Schulblöcke verschoben und die geplanten Praktika vorgezogen», sagt der SP-Kantonsrat aus Adligenswil. In der Regel würden sich dreimonatige Schulblöcke mit dreimonatigen Praktika abwechseln. Nun sei es möglich, dass gewisse Studenten gleich ein halbes Jahr am Stück im Betrieb arbeiten.

«Diese Praktika werden vollumfänglich an die Ausbildung angerechnet.»

Die Studentinnen und Studenten werden damit auch analog zu den sonstigen Praktika entschädigt. «Je nach Ausbildungsjahr beträgt der Praktikumslohn bis zu 1500 Franken, im Minimum aber 1000 Franken.» Dieser Ausbildungslohn werde auch während der Schulblöcke entrichtet.

Meyer betont: «Angehende Pflegefachleute mit Fage-Diplom stehen nicht als Fage im Einsatz, sondern leisten ein reguläres Praktikum. Der Ausbildungsbetrieb muss den Kompetenzerwerb der Studierenden auch während der Coronakrise sicherstellen.» Doch ist dies realistisch? Meyer sagt: «Gewisse Kompetenzen werden sicher stärker vertieft als andere. Die Studierenden eignen sich aber gleichzeitig viele Fertigkeiten ‹on the job› an.» Die jetzigen Umstellungen hätten einen grossen Vorteil: «Alle Ausbildungen werden trotz Corona fristgerecht enden.»

Pflege-Berufsverband ist alarmiert

Diese Handhabung lässt den Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer (SBK) aufhorchen. Geschäftsführerin Yvonne Ribi sagt: «Mit dieser Regelung ist es zentral, dass die Studierenden der Pflege HF trotz Coronakrise ihre Lernziele erreichen. Wenn eine entsprechende Begleitung nicht möglich ist und Fachpersonen Gesundheit als solche im Einsatz stehen, braucht es einen fairen Lohn und keine Praktikumsentschädigung.»

Die Situation werde schweizweit sehr heterogen gelöst. «Gewisse Ausbildungsstätten verpflichten ihre Studierenden zu Gratiseinsätzen, andere entschädigen extra.» Ribi rät Betroffenen, das Gespräch mit dem Bildungszentrum oder den Arbeitgebern zu suchen. «Nützt dies nichts, sollen sie sich beim SBK melden. In diesen Tagen ist man bereit, Aussergewöhnliches zu leisten. Aber dies darf nicht ausgenutzt werden.»

Kantonsspital räumt ein: Sie haben teils sehr viel Verantwortung für wenig Lohn

Beim Luzerner Kantonsspital heisst es auf Anfrage, die Studenten würden nun «im Rahmen des bestehenden Ausbildungsvertrages» in verschiedenen Bereichen zusätzlich geschult. «Die Betreuung und der Einsatz im angepassten Praktikum haben keine Auswirkung auf die Ausbildung», sagt Sprecher Markus von Rotz und ergänzt:

«Unbestritten ist, dass die Studierenden je nach Vorwissen und Einsatzgebiet vereinzelt Aufgaben übernehmen, die sich teilweise nicht in der Entlöhnung widerspiegeln.»

Auf die Frage, ob eine zusätzliche finanzielle Entschädigung im Raum stehe, sagt von Rotz: «Die Rahmenbedingungen für die Einzelnen werden derzeit im Detail geklärt.» Man sei «sehr froh», aktuell auf die Unterstützung der Studierenden und Lernenden zählen zu dürfen.

Auch die übrigen Ausbildungsbetriebe hätten den schnellen Entscheid begrüsst, sagt Xund-Direktor Jörg Meyer. Dies habe eine vorausschauende Planung ermöglicht. «In der Praxis wird auch nach dem Höhepunkt der Pandemie ein zusätzlicher Personalbedarf bestehen.» Zum einen, weil wohl über eine längere Zeit viele Menschen medizinische Versorgung brauchen. «Zum anderen, weil die nun geleisteten Überstunden irgendwann abgebaut werden müssen.»

Meyer hat für das beschlossene Regime bislang nur positive Rückmeldungen erhalten. «Unsere Studierenden begegnen der Situation mit Respekt, sind sich aber auch ihrer verantwortungsvollen Rolle bewusst. Das Engagement und der Einsatz beeindrucken uns.»