Gleichstellung
Die Hochschule Luzern führt die erste nationale LGBT-Gesundheitsbefragung durch

Bisher fehlen Daten zur Gesundheit von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans Personen in der Schweiz. Das soll sich nun ändern.

Livia Fischer
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Die Regenbogenfahne wird als Zeichen der Verbundenheit oder Solidarität mit der LGBTQ+ Szene verwendet. Hier an der Pride in Zürich.

Die Regenbogenfahne wird als Zeichen der Verbundenheit oder Solidarität mit der LGBTQ+ Szene verwendet. Hier an der Pride in Zürich.

Bild: Keystone/Melanie Duchene (Zürich, 15. Juni 2019)

Haben LGBT-Menschen (Definition siehe Kasten) im Vergleich zur übrigen Schweizer Bevölkerungen ungleiche Gesundheitschancen? Um eine Antwort darauf zu finden, führt die Hochschule Luzern (HSLU) im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit eine Studie durch. Es ist die erste nationale LGBT-Gesundheitsbefragung hierzulande. In Co-Leitung mit Paula Krüger übernimmt Andreas Pfister die Federführung. Unterstützt werden sie von zwei wissenschaftlichen Mitarbeitenden der HSLU. Eingespannt sind zudem alle grossen Schweizer LGBT-Organisationen und die Aids-Hilfe Schweiz. Zu den Forschungspartnern gehören die Universitätsspitäler Lausanne und Basel sowie die kantonalen sozialpsychiatrischen Dienste des Kantons Tessin.

LGBT: Hierfür stehen die Buchstaben

LGBT ist eine aus dem Englischen übernommene Abkürzung für Lesben, Schwule (englisch: gay), Bisexuelle und Transmenschen. Häufig ist auch die Abkürzung LGBTIQ zu lesen. Diese schliesst Intergeschlechtliche und queere Menschen mit ein. 

Ein intergeschlechtlicher Körper weist sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale auf. Eine eindeutige Zuschreibung über das binäre Geschlechtssystem (Mann und Frau) ist somit nicht möglich. 

Queer ist ein Sammelbegriff für sämtliche sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, die nicht der Hetero- und Cisnormativität entsprechen. Bei einer Cis-Frau oder einem Cis-Mann stimmt das Geschlecht, mit dem sie sich identifizieren, mit dem, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, überein. Nicht so bei Transmenschen: Sie fühlen sich nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig. (lf) 

Den Stein ins Rollen gebracht hatte die Basler SP-Nationalrätin Samira Marti. Im März 2019 reichte sie einen Vorstoss ein, indem sie den Bundesrat beauftragte, einen Bericht über die Gesundheit von Lesben, Schwulen und Bisexuellen zu erstellen, «der geschlechterspezifische Vergleiche mit der übrigen Bevölkerung enthält, um Bereiche zu identifizieren, in denen spezifische Massnahmen erforderlich sind». Die Schweizerische Gesundheitsbefragung, die seit 1992 alle fünf Jahre durchgeführt wird, umfasst nämlich erst seit kurzem Fragen zur sexuellen Orientierung. Solche zur Geschlechtsidentität hingegen sind gar nicht enthalten. Der LGBT-Gesundheitsbericht soll diese Wissenslücken nun schliessen und erstmals diese Daten erfassen, damit sie dann mit denen aus den vorherigen Gesundheitsberichten verglichen werden können.

Hemmungen wegen Diskriminierung

Internationale Forschungen zeigen, dass LGBT-Menschen stigmatisiert und diskriminiert werden, was beispielsweise Auswirkungen darauf hat, ob sie die Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen. «Solche Barrieren darf es nicht geben. So muss etwa ein Transmensch mit gesundheitlichen Problemen genauso wie andere zum Hausarzt gehen können und gleich behandelt werden. Es ist wichtig, dass Ärztinnen und Ärzte flexibel und ohne Vorbehalte auf die verschiedenen Personen zugehen können, sodass sich alle willkommen fühlen», sagt Andreas Pfister. Dies fange damit an, dass man die Personen mit dem richtigen Geschlecht, also mit dem sie sich identifizieren, anspreche.

Es gehe letztlich also nicht darum, Probleme nur auf individueller Ebene zu erkennen, sondern die Strukturen – auch auf gesetzlicher Ebene – so anzupassen, dass LGBT-Menschen keine Benachteiligung erfahren. Pfister: «In der Schweiz hat sich in Bezug auf die rechtliche Gleichstellung von LGBT-Personen zwar schon einiges getan, es muss aber noch viel mehr gehen.»

Bis zu 700'000 LGBT-Menschen in der Schweiz

Lanciert wurde die Studie am Montag anlässlich des Internationalen Tages gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit. Die Fragen beziehen sich auf die Bereiche Zugang zur Gesundheitsversorgung, Selbsteinschätzung der Gesundheit, sexuelle Gesundheit, Substanzkonsum und psychische Gesundheit. Weiter werden Fragen zur Geschlechtsidentität, zur sexuellen Orientierung und zu Diskriminierungserfahrungen gestellt. Am Mittwochnachmittag hatten bereits 200 Leute die Umfrage ausgefüllt. «Das ist ein guter Start», freut sich Pfister, sagt jedoch auch klar: «Aber wir müssen jetzt dranbleiben und ich hoffe, dass noch sehr viele weitere Personen daran teilnehmen.» Damit die Studie aussagekräftig ist, müssen es laut Pfister mindestens 1000 sein. Je mehr, desto besser.

Wie viele in der Schweiz wohnende Menschen sich der LGBT-Community zugehörig fühlen, weiss man nicht ‒ dazu gibt es keine offiziellen Zahlen. «Laut Schätzungen geht man davon aus, dass es weltweit zwischen vier bis acht Prozent der Bevölkerung sind, in Europa liegt der geschätzte Wert bei sieben Prozent», so Pfister. Darum nimmt er an, dass sich die Anzahl jener Personen in der Schweiz in einem ähnlichen Rahmen bewegt. Dies würde bedeuten, dass sich hierzulande zwischen 350'000 bis 700'000 Menschen als lesbisch, schwul, bisexuell oder trans identifizieren. «Es ist also ein bedeutender Teil der Bevölkerung, weshalb es umso wichtiger ist, dass auch dieser in Gesundheitsbefragungen repräsentiert wird.»

Hier geht's zur Studie. Teilnehmen können alle, die in der Schweiz leben, mindestens 15 Jahre alt und lesbisch, schwul, bisexuell oder trans sind. Ebenso Menschen, die sich als queer oder non-binär identifizieren. Die Befragung ist mindestens bis Anfang Juli geöffnet. Bis das BAG die Ergebnisse öffentlich präsentiert, dürfte es Anfang nächstes Jahr sein.