GLEICHSTELLUNG: Kaderfrauen sind Mangelware

Bei der kantonalen Verwaltung sind Führungspositionen Männersache. Der Kanton steht in der Kritik, weil er Kaderfrauen nicht genügend fördere.

Guy Studer
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Frauen in einer Männerdomäne: junge Luzerner Polizisten anlässlich ihrer Vereidigung Ende September. (Bild Roger Grütter)

Frauen in einer Männerdomäne: junge Luzerner Polizisten anlässlich ihrer Vereidigung Ende September. (Bild Roger Grütter)

Die Verwaltung des Kantons Luzern beschäftigt 6111 Personen. Mit 2972 (48,6 Prozent) sind knapp die Hälfte davon Frauen. Anders sieht das Bild bei den Führungspositionen (siehe Box) aus: Dort sind die Männer praktisch überall deutlich in der Mehrheit. Einzige Ausnahme sind Stellen im unteren Kader bei den Gerichten (siehe Tabelle). Besonders eklatant ist der Unterschied beim mittleren Kader. 81,4 Prozent Männer stehen hier 18,6 Prozent Frauen gegenüber. Die Zahlen wurden im zweiten Quartal 2014 erhoben und sind Bestandteil der Antwort der Regierung auf eine Anfrage von Kantonsrätin Michèle Bucher (Grüne).

Bei Patt wird die Frau bevorzugt

In ihrem Vorstoss, den fast alle Fraktionsmitglieder von SP und Grünen mit unterzeichnet haben, wollte Michèle Bucher etwa wissen, worauf der Kanton die Unterschiede bei den Geschlechteranteilen zurückführt und was er gegen die Untervertretung der Frauen in den Führungspositionen unternimmt. Die Chancengleichheit von Frauen und Männern sei im Gesetz über das öffentlich-rechtliche Arbeitsverhältnis verankert, schreibt die Regierung einleitend in ihrer Antwort. Heute gilt bei der kantonalen Verwaltung: Erfüllen sowohl weibliche wie auch männliche Personen das Anforderungsprofil, sind Frauen zu bevorzugen.

Zusätzlich seien die einzelnen Verwaltungsbereiche angewiesen, den Frauenanteil im Kader schrittweise zu erhöhen. «Die Umsetzung dieser Vorgabe erweist sich in der Praxis aber teilweise als schwierig, weil sich oft viel weniger Frauen als Männer auf eine Kaderstelle bewerben», schreibt die Regierung weiter. Und: «Verschiedene Studien zeigen auf, dass sich die bestehenden Geschlechterrollen relativ schwer verändern lassen.»

Dennoch wolle sich die Regierung auf einen längerfristigen Prozess konzentrieren und «kontinuierlich Personalmassnahmen fortsetzen». Dazu zählt die Exekutive als wichtige Punkte etwa die «familienfreundlichen Anstellungsbedingungen» wie 16 Wochen bezahlten Mutterschaftsurlaub sowie eine Woche Vaterschaftsurlaub. Weitere Punkte seien der Service Kinderbetreuung der Dienststelle Personal und Beiträge an die Kinderbetreuung.

Kanton habe «keine Strategie»

Für Michèle Bucher geht das klar zu wenig weit: «Diese Antwort ist ernüchternd», sagt sie auf Anfrage. «Daraus ist keine klare Strategie herauszuhören.» Die Regierung mache es sich in den Augen der grünen Kantonsrätin schlicht zu einfach. «Auf Topkaderstufe sagt man sich offenbar: ‹Es geht nicht.› Und ich erkenne auch keine Bereitschaft bei der Regierung, sich noch mehr für die Gleichstellung anzustrengen.» Das Argument der bestehenden Geschlechterrollen lässt sie nicht gelten. «Die Regierung nutzt das Geschlechterbild vielmehr als faule Ausrede.»

Die Regierung beruft sich in ihrer Antwort auf das «Topsharing» – also das Jobsharing im Kaderbereich. Dieses habe die Erwartung nicht erfüllen können, «bisherige Erfahrungen sind ernüchternd». Die Regierung verweist dabei auf eine Untersuchung zum Jobsharing der Fachhochschule Nordwestschweiz vom Februar dieses Jahres. Diese ergab, dass bei 180 000 Angestellten in 384 Betrieben lediglich 300 Jobsharing-Paare erfasst worden seien.

Für Bucher bedeuten diese Resultate, dass zu wenig unternommen wird. Sie erwartet etwa auch, dass bei der Luzerner Verwaltung nicht nur Frauen in Kaderpositionen willkommen sind, sondern auch gezielt gesucht würden: «Gewisse Kaderstellen sollten gezielt im Topsharing ausgeschrieben werden.»

«Schwierig umsetzbar»

Roland Haas, Leiter der Dienststelle Personal, antwortet schriftlich auf die Vorwürfe. Dem Jobsharing stehe der Kanton auf allen Stufen offen gegenüber, so Haas. Allerdings hat der Kanton bisher keine Stellen explizit im Job- oder Topsharing ausgeschrieben. «Geteilte Führungsverantwortung beurteilen wir in der Praxis eher als schwierig umsetzbar.» Allgemein hält Haas fest, dass der Frauenanteil im Kader über alle Kaderstufen gerechnet bei rund 30 Prozent liege. Ähnliche Quoten seien etwa auch im Kanton Bern und in der Bundesverwaltung zu beobachten. «Das Ziel ist es, im Selektionsprozess die am besten geeignete Person für eine spezifische Stelle zu finden.»

Kanton lehnt Frauenquote ab

In ihrem Vorstoss thematisiert Mi­chèle Bucher auch die Frauenquote. Die Antwort der Regierung ist klar: «Die Einführung von Quoten lehnen wir ab.» Diese könnten zu ungünstigen Kompromissen bei Personalentscheiden führen. Roland Haas fügt an: «Reines Quotendenken finden wir nicht sinnvoll, denn keine Frau will eine Stelle aufgrund einer fixen Quotenberechnung, sondern aufgrund ihrer Qualifikation.» Er ist auch überzeugt: «Kompromisse bei Personalentscheiden würden wohl zu Qualitätsverlusten führen.»

Bucher ihrerseits befürwortet die Frauenquote ausdrücklich. «Ich wäre sogar stolz, eine Quotenfrau zu sein», sagt sie überzeugt. Das Argument, dass dadurch das Geschlecht wichtiger werde als die Qualifikation, lässt sie nicht gelten. Das Problem ortet Bucher im Anstellungsprozess von Kaderleuten: «Im Unterschied zu Frauen verbinden Männer das perfekte Führungsverhalten mit Männlichkeit.» Da der Personalentscheid bei Neubesetzungen von Führungspositionen im Kanton in den allermeisten Fällen bei einem Mann liege, würden die Frauen indirekt benachteiligt. «Das ist ein Teufelskreis.»

Für Haas ist dieses Argument «an den Haaren herbeigezogen». Die Dienststelle Personal achte vielmehr bei der Rekrutierung darauf, dass die Chancengleichheit gewahrt sei.

So viel verdienen Führungskräfte

Kaderstellen red. Die drei Kadergruppen der kantonalen Verwaltung definieren sich wie folgt:

Oberes Kader:Magistratspersonen sowie oberste Führungspersonen der Verwaltung, der Strafverfolgung und der Gerichte. Diese sind in die Lohnklassen 14 bis 18 eingeteilt, was gemäss Besoldungsordnung 107 500 bis 214 100 Franken pro Jahr entspricht.

Mittleres Kader: Abteilungsleiter, höhere Schulleitungsmitglieder der kantonalen Schulen sowie Fachmitarbeitende auf Stufe Abteilungsleitung. In der Regel sind sie in die Lohnklassen 13 bis 16 eingeteilt, was 100 000 bis 185 800 Franken entspricht.

Unteres Kader:Bereichsleiter, übrige Schulleitungsmitglieder sowie vergleichbare Fachkader. In der Regel sind sie in die Lohnklassen 10 bis 12 eingeteilt. Das entspricht 80 200 bis 139 300 Franken.