GLÜCKSSPIEL: Dubiose Masche mit Lottoverträgen

Die Brunner Euro-Lotto Tipp AG verkauft mit fragwürdigen Methoden Lottospielverträge. Swisslos ärgert sich seit Jahren darüber, nun läuft ein Verfahren der Aufsichtsbehörde.

Merken
Drucken
Teilen
Dubiose Lotto-Spiele werden angeboten. (Symbolbild Neue LZ)

Dubiose Lotto-Spiele werden angeboten. (Symbolbild Neue LZ)

Neulich in der Stadt Luzern: Ein junger Mann läutet bei Geraldine Sieber*. «Er war sehr freundlich und zeigte einen Ausweis mit Bild, wonach er von Euro Millions beauftragt sei», sagt Sieber gegenüber unserer Zeitung. Der Mann spricht von einem Wettbewerb und stellt ihr einige Fragen zur Mehrstaatenlotterie Euro Millions, etwa, ob sie spiele und wie oft. «Nach einigen Fragen sagte er mir, dass ich nun eine Reise gewonnen hätte.» Dazu verspricht er ihr künftig bessere Gewinnchancen. Für einen allfälligen Gewinn bittet der Mann um Siebers IBAN-Nummer – also ihre Bankverbindung. «Ich wurde da schon stutzig, aber weil er kein Wort darüber verlor, dass ich irgendetwas zu bezahlen hätte, gab ich die Nummer an.» Auch ihre Unterschrift setzt sie auf das Formular, das in einer Broschüre steckt.

Vertrag für drei Monate

Nachdem der nette junge Mann abgezogen ist, schaut sich Geraldine Sieber die Broschüre und das Kleingedruckte genauer an. Dabei erfährt sie, dass sie soeben einen Lottospiel-Vertrag bei der Firma Euro-Lotto Tipp AG abgeschlossen hat, für 144 Franken pro Monat, mit drei Monaten Laufzeit. Bezahlt wird per Lastschriftverfahren. Demnach spielt sie in einer Tippgemeinschaft. Sie erhält 1000 Tipps pro Monat, unter wie vielen Mitspielern der Betrag aufgeteilt wird, bleibt unklar. Die gewonnene «Reise» ist Bestandteil des Spielvertrages – ein «Dankeschön»: Sieber hat drei Nächte in einem Hotel für zwei Personen zugute. Auswählen kann sie aus 2500 Hotels in Europa. Die Halbpension muss sie aber selber berappen. «Ich habe mich natürlich sehr über mich selber geärgert», sagt sie selbstkritisch. «Man liest doch immer erst durch, bevor man etwas unterschreibt.»

Doch der junge Mann habe sie auch geschickt um den Finger gewickelt. Sieber ruft in der Folge die Firma Euro-Lotto Tipp AG mit Sitz in Brunnen an. Dort zeigt man sich verständnisvoll und bietet gar Hand, um den Vertrag zu kündigen.

Swisslos sind Hände gebunden

Dennoch: Eine Anfrage bei der Organisation Swisslos zeigt, dass die Firma Euro-Lotto Tipp AG keine Unbekannte ist. «Es ist eine leidige Geschichte», sagt Swisslos-Sprecher Willy Mesmer. Swisslos, die Euro Millions in der Deutschschweiz und im Tessin anbietet, habe rein gar nichts mit der Firma Euro-Lotto Tipp AG zu tun, was aber lange nicht allen Kunden klar sei. «Sie bietet zu hohen Preisen eine Teilnahme an der Lotterie Euro Millions an», so Mesmer. Von älteren Fällen weiss Mesmer, dass von den bezahlten Einsätzen der Spieler nur gerade ein Drittel als Wetteinsätze für Euro Millions eingesetzt wurden.

Für Swisslos sei es schwierig, gegen die Firma, die in der ganzen Schweiz tätig ist, vorzugehen. Für die unwahren Aussagen der Verkäufer, man arbeite mit Swisslos oder im Auftrag von Euro Millions, machte die Firma Euro-Lotto gemäss Mesmer immer mit der Akquisition beauftragte externe Firmen verantwortlich.

Auch auf Anfrage unserer Zeitung teilt die Lottofirma schriftlich mit: «Die Euro-Lotto Tipp AG führt selber keinerlei Verkaufsaktivitäten durch und hat dafür eigenständige Werbefirmen beauftragt.» Grundsätzlich sei das eingangs geschilderte Vorgehen «überhaupt nicht in unserem Interesse und entspricht auch in keinster Weise der Idee, wie Eurolotto angeboten werden soll». Die «selbstständigen Werbefirmen» würden «ausführlich geschult und müssen sich an unsere Anweisungen halten, die nicht dem von Ihnen erläuterten Vorfall entsprechen», schreibt Euro-Lotto weiter.

Ist Praxis missbräuchlich?

Warum aber setzt Euro-Lotto seit Jahren auf externe Firmen, die ihre Produkte mit offensichtlich unseriösen Methoden an den Mann bringen? Darauf war gestern keine Antwort erhältlich.

Tatsächlich sind die Angebote von Euro-Lotto nicht rechtswidrig – wie die Firma auch selber wortreich festhält. «Sie können auch einen Aufpreis für die Administration verlangen, solange dieser nicht missbräuchlich ist», sagt Mesmer. «Wir sind aber der Meinung, dass dieser bei der Euro-Lotto Tipp AG zu hoch ist.» Doch der Beweis sei schwierig zu erbringen.

Comlot erhält grünes Licht

Effektiv gegen die Firma vorgehen könnte gemäss Mesmer die interkantonale Aufsichtskommission Comlot. Sie überwacht in der Schweiz den Lotterie- und Wettmarkt. «Wir sind deshalb sehr froh, wenn solche Fälle konsequent der Comlot gemeldet würden», sagt Mesmer.

Tatsächlich läuft derzeit auch ein Verfahren der Comlot. So ersuchte die Loterie Romand, welche in der Westschweiz Euro Millions anbietet, 2012 die Comlot, gegen die Euro-Lotto Tipp AG Massnahmen zu ergreifen. Euro-Lotto aber gelangte mit einer Beschwerde ans Bundesgericht. Sie bestritt darin die Zuständigkeit der Comlot. Das Gericht wies die Beschwerde im vergangenen Juli ab, wie es in einer Medienmitteilung schrieb. «Gestützt auf dieses Urteil wird das Verfahren fortgeführt», teilt Patrik Eichenberger, Leiter Abteilung Sozialschutz und Sicherheit der Comlot, auf Anfrage mit. Mehr will er aufgrund des laufenden Verfahrens dazu aber nicht sagen. Euro-Lotto verweist dazu auf eine Medienmitteilung. Darin erklärt sie, im Rahmen der anstehenden Untersuchung «eng mit den Behörden zu kooperieren».

Vertrag kann widerrufen werden

Für Geraldine Sieber ist indes klar: Sie wird nicht mehr so schnell etwas an der Haustüre unterzeichnen. Sie hat auch den Vertrag mit der Euro-Lotto gekündigt. Dazu wählte sie den sicheren Weg: Innert sieben Tagen kann man gemäss Obligationenrecht (OR) ein sogenanntes Haustürgeschäft widerrufen. Dies gilt für Angebote, die einem am Arbeitsplatz, zu Hause, in der Öffentlichkeit oder bei Werbeveranstaltungen gemacht werden. Der Widerruf muss dem Anbieter schriftlich erklärt werden, am besten per eingeschriebenem Brief. Dieser muss spätestens sieben Tage, nachdem man den Vertrag angenommen hat, abgesendet werden. «Ich habe das getan mit dem Verweis auf den Artikel im OR», sagt Sieber. Nun hofft sie auf Ruhe.

Guy Studer

* Name geändert