Gnagi-Brüder verärgert - droht das Aus?

Die Eintrittskarten für das 90. Gnagi-Essen waren innert Stunden ausverkauft. Das freut nicht alle.

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Traditionelles Gnagi-Essen der Gnagi-Zunft. (Bild: Manuela Jans/Neue LZ)

Traditionelles Gnagi-Essen der Gnagi-Zunft. (Bild: Manuela Jans/Neue LZ)

Wenn gestandene Männer in fröhlicher Runde Schweinshaxen (Gnagi) essen und sich satirische Reden anhören, dann ist Gnagi-Essen. Der legendenumrankte Vorfasnachtsanlass Luzerns findet am 21. Februar zum 90. Mal statt. Doch trotz Jubelstimmung – am Luzerner Gnagi-Himmel ziehen dunkle Gewitterwolken auf.

Neues Anmeldesystem

Grund ist das neue Anmeldesystem. Anstatt schriftlich wie früher müssen sich Interessenten seit letztem Jahr online per Computer anmelden. Dieses Jahr waren die 380 Eintrittskarten für das Gnagi-Essen im Casino innert weniger Stunden ausverkauft. Das zeigt, wie beliebt der Anlass mittlerweile ist – über die Stadtgrenzen hinaus. Es hat aber auch eine unerfreuliche Folge: Viele altgediente Luzerner Gnagi-Brüder, die dem Anlass seit Jahren die Treue halten, bleiben ohne Tickets.

«Das ist ja wie bei einem Rockkonzert im Hallenstadion, wo die Tickets auch innert kürzester Zeit vergriffen sind», sagt Urs Liechti (45), der bei der Gnagi-Zunft als sogenannter Landschryber amtet. Ihm macht diese Entwicklung Angst. «Aus dem ursprünglichen Stammtischessen ist ein Mega-Event geworden. Der Ur-Geist geht verloren, Anonymität macht sich breit.»

«Etliche böse Briefe»

Ruedi Bürgi (82), seit 1997 ehrenwerter Gnagi-Vater, bestätigt: «Ich kenne heute nicht einmal mehr die Hälfte der Gäste, denen ich zur Begrüssung die Hand schüttle.» Und: «Ich habe deshalb viele böse Briefe erhalten.» Das bedauert er – und bleibt dennoch gelassen: «Man darf den Anlass nicht so ernst nehmen. Wenn Leute das zum ersten Mal erleben und danach begeistert sind, ist das doch auch schön.» Letztes Jahr hätten ihm viele Junge, die er noch nie gesehen habe, für den «wunderbaren Anlass» gedankt.

Das Gnagi-Essen erfreut, polarisiert und gibt zu reden. Die Medienpräsenz ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Die direkt Beteiligten erschrecken manchmal selbst darüber. «Wenn ich hinten in den Bus einsteige, drehen die Leute oft den Kopf nach mir um», sagt Landschryber Liechti, «dabei bin ich doch kein Prominenter.»

Dennoch: Wie und ob die Tradition nach 90 Jahren weitergeht, ist ungewiss. Das Problem ist, dass das Gnagi-Essen nicht von einem Verein, sondern von einigen Einzelpersonen lebt, die dafür ihr Herzblut und sehr viel Zeit hergeben. Neben Ruedi Bürgi ist dies vor allem der 65-jährige Hans Pfister, der als Schatzmeister amtet. «Wir wünschen es ihnen natürlich nicht, doch was passiert, wenn einer von ihnen zurücktritt oder gesundheitliche Probleme bekommt?», fragt Silvio Panizza, intimer Kenner der Luzerner Fasnacht und Herausgeber des «rüüdigen Fasnachtsfüerers».

Neuanfang?

«Vielleicht machen wir es wie Thomas Gottschalk bei ‹Wetten, dass ...?› und sagen, ‹jetzt ist genug›», sagt Panizza. Das wäre dann das Ende des Gnagi-Essens. Ganz so ernst meint er dies dann aber doch nicht. «Vielleicht braucht es einfach einen Neuanfang in einem kleineren Rahmen, etwa im ‹Stadtkeller›», sagt Panizza. Eines ist klar: Für Diskussionsstoff ist am nächsten Montag beim 90. Gnagi-Essen auf jeden Fall gesorgt.

Hugo Bischof / Neue LZ

In 90 Jahren nur drei Gnagi-Väter

Rechtzeitig zum 90. Gnagi-Essen nächsten Montag ist die erste «Gnagi-Zytig» herausgekommen. Verantwortlich dafür ist Silvio Panizza, Herausgeber des «rüüdigen Fasnachtsfüerers». In der «Gnagi-Zytig» ist einiges über die Geschichte des Gnagi-Essens zu erfahren – von den frühen Anfängen als bescheidenes Gastmahl für die Lehrlinge im katholischen Gesellenhaus der Stadt Luzern bis zum beliebten Gesellschaftsanlass.

Der Gnagi-Vater ist auf Lebenszeit gewählt. Kein Wunder, dass es in 90 Jahren nur drei Gnagi-Väter gab (inklusive des amtierenden Ruedi Bürgi). Spannend ist auch der Rückblick auf 22 Jahre Wyber-Gnagi-Essen; es wurde 2000 mangels Führungspersonal eingestellt.

Die «Gnagi-Zytig» wird am Gnagi-Essen gratis aufgelegt. Ab 22. Februar kann sie im LZ-Corner für 2 Franken erworben werden.

hb