GRAFFITI: «Das ist ein richtiger Kilbi-Betrieb»

Beinahe täglich rücken SBB-Mitarbeiter aus, um bei Bahnhöfen und Unterführungen Schmierereien zu entfernen. In gewissen Gegenden avanciert der Kampf gegen die Sprayer zum Katz-und-Maus-Spiel. Zum Beispiel in Wolhusen.

Pascal Imbach
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Aufwendige Arbeit: SBB-Mitarbeiter Mus Marjakaj entfernt diese Woche Schmierereien vom Bahnhofsgebäude an der Luzerner Güterstrasse. (Bild Dominik Wunderli)

Aufwendige Arbeit: SBB-Mitarbeiter Mus Marjakaj entfernt diese Woche Schmierereien vom Bahnhofsgebäude an der Luzerner Güterstrasse. (Bild Dominik Wunderli)

Wenn die Nacht über die Bahnhöfe der SBB hereinbricht, leeren sich die Perrons und Unterführungen. Dann kommen ungebetene Besucher zum Zug. Schnell, lautlos und mit Spraydosen im Gepäck tauchen sie auf, verschmieren Wände, Böden, Treppenaufgänge – und es vergeht kaum ein Tag, an dem frühmorgens nicht irgendwo in der Zentralschweiz ihre Spuren zu sehen sind. Für viele Passanten, die am Bahnhof Schmierereien anschauen, und nicht selten auch rassistische, frauenfeindliche oder obszöne Sprüche lesen müssen, ist das ein Ärgernis. Ein noch grösseres aber ist es für die SBB. «Praktisch jeden Tag rücken wir aus, um irgendwo Graffiti-Schmierereien zu entfernen», sagt René Messmer. Er ist für die Abteilung Rail-Clean, also die Immobilien der Bundesbahnen in der Zentralschweiz, zuständig. Und er weiss, dass das Problem der Sprayer wohl nie ganz gelöst werden wird. Denn «an gewissen Orten machen sich die Sprayer einen regelrechten Sport daraus, uns zu ärgern», sagt Messmer. Was er damit meint: Kaum hat das Graffiti-Team der SBB, das aus gelernten Malern besteht, irgendwo eine Schmiererei entfernt, wird sie innert kürzester Zeit wieder erneuert.

Wechselnde Sprayfarben und Altöl

Als Graffiti-Hotspots im Zuständigkeitsgebiet von René Messmer gelten unter anderem Rotkreuz, Gisikon-Root, Ebikon, Emmen und Rothenburg. Besonders aktiv sind derzeit aber Sprayer in Wolhusen. Die kleine Unterführung des örtlichen Bahnhofs wird dermassen penetrant verschmiert, dass die SBB-Mitarbeiter «jede Woche ein bis zwei Mal» ausrücken müssen. «Das ist ein richtiger Kilbi-Betrieb», ärgert sich Messmer. Wer die Täter sind, ist noch nicht bekannt. Doch gelingt es den SBB immer wieder, Sprayer auf frischer Tat zu ertappen und diese dann für ihr Vergehen zur Verantwortung zu ziehen.

Doch nicht nur die Häufigkeit der Vorfälle nervt. «Die Sprayer geben sich auch alle Mühe, um uns die Reinigungsarbeit so schwer wie möglich zu machen.» Sie verwenden zum Beispiel immer wieder andere, neue Flüssigkeiten, deren Reinigung aufwendig ist. Details sollen an dieser Stelle nicht verraten werden – um keine Anleitung zu geben. Es kam auch schon vor, dass Feuerlöscher mit Farbe befüllt und dann als Spraygerät zweckentfremdet wurden. Eine ziemliche Sauerei!» – im wahrsten Sinn des Wortes.

Dicke Rechnung

Wie viel Geld das Geschmiere die Bundesbahnen jedes Jahr kostet, bleibt ein Betriebsgeheimnis. Denn verständlicherweise will man den Plagegeistern keine zusätzliche Genugtuung verschaffen, indem sie erfahren (und sich in der Szene damit brüsten), wie hoch der Schaden ist, den sie anrichten. Wenn man René Messmer aber zuhört, kann man sich dem finanziellen Ausmass auch selber annähern. Er sagt: «Rechnet man zwei Personen, plus den Zeitaufwand, sowie Geräte- und Materialkosten zusammen, dann kostet uns nur schon ein kleiner Einsatz mindestens 500 bis 1000 Franken.» Nimmt man die Angaben von Messmer, wonach praktisch jeden Tag irgendwo ein Graffiti zu entfernen ist, kommt man auf einen dicken, sechsstelligen Betrag. Ganz abgesehen davon, dass grossflächige Graffiti, Sprayereien also, die ganze Wände «zieren», noch um einiges aufwendiger (und teurer) zu entfernen sind als das übliche, kleinere Geschmiere. Berücksichtigen muss man auch, dass Messmer und seine Leute nur für die Graffiti auf Immobilien verantwortlich sind. Lokomotiven und Waggons, die ebenfalls zum Ziel selbst ernannter Spraydosenartisten werden, gehören in einen anderen Zuständigkeitsbereich.

Konsequentes Durchgreifen

Allem Ärger zum Trotz wird man bei den SBB in Sachen Graffiti niemals klein beigeben, wie René Messmer betont. «Selbst wenn Sprayereien vereinzelt sogar als schön empfunden werden, handelt es sich dabei um eine Sachbeschädigung. Da machen wir keine Unterscheidung.» Es sei deshalb wichtig, den Sprayern zu zeigen, dass jedes ihrer Werke wieder entfernt wird. «Einige hören dann irgendwann auf. Und genau das ist unser Ziel.» Bei den SBB gibt es im Umgang mit Graffiti klare Richtlinien: Rassistische, sexistische oder pietätlose Sprüche und Zeichen sollten innert 24 Stunden beseitigt werden. Alles andere innert ein paar Tagen. Zudem bringen die SBB jeden Vorfall konsequent zur Anzeige. René Messmer staunt darüber, dass sich viele (erfahrungsgemäss junge) Sprayer nicht darüber im Klaren sind, was sie sich einbrocken, wenn sie erwischt werden. «Es gibt Fälle, wo Sprayer grosse Beträge abstottern müssen. Das kann einen Jugendlichen finanziell nahezu ruinieren.»

Zusammenarbeit mit der Polizei

Doch wieso setzten die SBB im Kampf gegen die Sprayer nicht auf Überwachungskameras? «Das ist sehr kostspielig», sagt Messmer. Seien aber über lange Zeit Vandalen am Werk, würden solche Anlagen dennoch installiert. «Wir arbeiten aber zuerst eng mit der lokalen Polizei zusammen, können zusätzliche Patrouillen unserer Transportpolizei veranlassen oder unseren Lokführern sagen, sie sollen an bestimmten Brennpunkten ein wachsames Auge haben. Dadurch gehen immer wieder Sprayer ins Netz.»

Wohl oder übel wird die Graffiti-Truppe der SBB aber auch weiterhin rastlos durch die Gegend reisen müssen. Nach Wolhusen – und überall hin, wo sich Sprayer sonst noch ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Bundesbahnen liefern.
 

Pascal Imbach