GREPPEN: Er kämpft um seine Kastanien

Die Marronisaison steht vor der Tür. Besitzer von Kastanienbäumen setzten sich seit Jahren gegen einen Pilz zur Wehr. Doch das ist nicht ihre einzige Sorge.

Stephan Santschi
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Josef Muheim betrachtet den Ast seines Kastanienbaums mit einer gesunden grünen und einer kranken Frucht. (Bild Pius Amrein)

Josef Muheim betrachtet den Ast seines Kastanienbaums mit einer gesunden grünen und einer kranken Frucht. (Bild Pius Amrein)

Josef Muheim steht mit ernüchtertem Gesichtsausdruck vor dem Kastanienbaum, den er 1976 auf seinem Hof in Greppen gepflanzt hat. Zu seinen Füssen liegen mehrere Igel. So nennen sich die stacheligen Hülsen, in denen sich die Kastanien befinden. Anstatt auf dem Baum zu reifen, sind die Igel vorzeitig und gebräunt zu Boden gefallen. «Viel Rechtes ist heuer noch nicht runtergekommen», sagt Muheim und schaut nach oben. Der Baum weist mehrere dürre Bereiche mit verwelkten Blättern auf. Und dort, wo sich Lücken auftun, hat der 72-jährige Landwirt bereits Hand angelegt. Dort hat er die Äste abgesägt und entsorgt.

Der Parasit sitzt in der Rinde

Muheims Kastanienbaum macht der Kastanienrindenkrebs zu schaffen. Die Sporen des Pilzes verbreiten sich über die Luft, Insekten oder Vögel und nisten sich an Stellen ein, wo der Baum durch Hagelschlag oder Ähnliches beschädigt ist. Der Parasit nimmt dem Baum das Leben. Über 100 Kilo Früchte habe sein Baum 2011 abgeworfen, sagt Muheim. Und in diesem Jahr? Der Landwirt stutzt: «Lassen wir uns überraschen.» Zuversichtlich tönt das nicht.

Der Kastanienrindenkrebs treibt nicht nur in Greppen sein Unwesen. «Er ist in der ganzen Zentralschweiz ein Sorgenkind», sagt Josef Waldis, Präsident der IG Pro Kastanie Zentralschweiz, welche die Kastanienkultur fördert. Die Chronik verrät, dass bereits Anfang der Neunzigerjahre vor allem in der Kastanien-Hochburg Weggis sehr viele Bäume beseitigt werden mussten. Nie etablieren konnte sich die Behandlung mit einem Gegenpilz. «Der Gegenpilz ist auf ein dauerndes Vorkommen des Rindenkrebses angewiesen. Wir haben hier im Vergleich zur Südschweiz zu wenig Kastanienbäume und demzufolge zu wenig Rindenkrebse, damit der Gegenpilz überleben könnte.» Unterstützt worden seien die Bekämpfungsmassnahmen früher mit finanziellen Mitteln durch Bund und Kanton. «Nun verhindern staatliche Sparmassnahmen weitere Gegenpilz-Züchtungen», so Waldis.

Gallwespe ist eine neue Bedrohung

Doch der Rindenkrebs ist nicht die einzige Sorge der Kastanienliebhaber. Seit drei Jahren macht ihnen ein 2 bis 3 Millimeter grosses Insekt zu schaffen: die aus Asien stammende Edelkastaniengallwespe. Sie legt ihre Eier in die Knospen. Beim Austrieb der Blätter entstehen Gallen, welche zu Einschränkungen der Vitalität der Pflanze und einem massiven Ernteausfall führen. 2010 ist die Gallwespe in Walchwil aufgetreten. Die Folge: Im Umkreis von 15 Kilometern dürfen auf Anweisung des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) bis 2014 keine Jungbäume mehr verkauft oder verschoben werden. Davon betroffen ist auch die Baumschule von Toni Sidler in Küssnacht. «Der Verkauf von Kastanienbäumen ist einer meiner Betriebszweige. Durch die Sperre bin ich ein gebranntes Kind», sagt Sidler. Er hofft, dass die Sperre im nächsten Jahr nicht verlängert werde. «Es gibt nur ganz kleine Populationen von Gallwespen in unserer Region. Bei mir ist noch nie ein Befall festgestellt worden. Die Sperre ist eine drastische Massnahme.»

Kein Geschäft mit Kastanien

Während Baumschulen wie jene von Toni Sidler finanzielle Abstriche machen müssen, ist der wirtschaftliche Aspekt für Besitzer von Kastanienbäumen kaum relevant. «Der Verkauf von Kastanien lohnt sich schon lange nicht mehr», sagt Muheim. Zählte die Kastanie einst zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln, ist sie von Kartoffel und Mais verdrängt worden. Heute wird der Grossteil der verkauften Kastanien importiert. Muheim betrieb während 30 Jahren Milchwirtschaft. Sein Sohn Christian, der nun den Hof führt, setzt zudem auf den Verkauf von Beeren und die Trutenmast. Obwohl die Grepper «Chestene-Chilbi» auch Kastanien von Muheim bezieht, betrieb er die Ernte stets nur als Hobby. Traurig macht ihn der Anblick des kranken Baumes trotzdem. «Je älter man wird, umso mehr muss man sich mit dem Kommen und Gehen befassen.»