GRIPPE: Pflegepersonal verweigert die Impfung

Nirgendwo in der Schweiz ist die Quote derart tief: Nur 6 Prozent des Pflegepersonals am Luzerner Kantonsspital impfen sich gegen die Grippe.

Christian Hodel
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Das Pflegepersonal am Luzerner Kantonsspital lässt sich nicht gerne impfen (Symbolbild). (Bild: Keystone)

Das Pflegepersonal am Luzerner Kantonsspital lässt sich nicht gerne impfen (Symbolbild). (Bild: Keystone)

Christian Hodel

Bis zu 300 Männer, Frauen und Kinder sterben jährlich, weil sie sich in einem Schweizer Spital mit der Grippe anstecken. Mit einer höheren Impfquote beim Pflegepersonal und bei den Ärzten könnten Todesfälle vermieden werden, sagt Andreas Widmer, stellvertretender Chefarzt am Unispital Basel und Präsident der Infektiologievereinigung Swissnoso (Ausgabe von gestern). Doch nur gerade 6 Prozent der 2393 per Ende 2014 beschäftigten Pflegemitarbeiter am Luzerner Kantonsspital (Luks) schützen sich durch eine Impfung vor der Grippe. Am Zuger Kantonsspital sind es 10 Prozent, wie Recherchen der «Sonntagszeitung» zeigen (siehe Tabelle).

«Zahl ist seit Jahren gleich»

So tiefe Impfquoten beim Pflegepersonal wie in Luzern und Zug weist kein anderes grosses Spital in der Schweiz auf. Warum? «Diese Zahl ist seit Jahren immer in etwa gleich», sagt Marco Rossi, Chefarzt Infektiologie am Luks. Allgemein sei die Zentralschweizer Bevölkerung gegenüber Impfungen eher skeptisch eingestellt. «Dies ist leider auch bei unseren Mitarbeitern nicht anders.» Viele Angestellte würden die Grippeimpfung als nicht nötig erachten, so Rossi. Dies, obwohl das Luks kostenloses Impfen während der Arbeitszeit anbiete. «Viele Pflegefachpersonen entscheiden sich aus einem Bauchgefühl heraus gegen eine Impfung. Wissenschaftliche Argumente bringen da wenig.»

Impfung schützt nicht gänzlich

Doch was bedeutet die geringe Impfrate am Luks für die Patienten? «Damit deren Risiko, im Spital an der Grippe zu erkranken, möglichst gering ist, braucht es ein Bündel von Massnahmen», sagt Rossi. Denn auch die Grippeimpfung biete nur einen Schutz von 60 bis 70 Prozent. «Wichtig sind etwa die Handhygiene, das Isolieren von erkrankten Patienten, die Instruktion von Besuchern oder das Tragen von Masken», sagt Rossi. «Da wir bezüglich Impfquote eher schwach sind, sind diese Massnahmen umso wichtiger.» Auf Risikoabteilungen gelte darum bei einer schweren saisonalen Grippe eine generelle Maskenpflicht. «Dies kam in den vergangenen fünf Jahren aber nie zur Anwendung.»

Gemäss einer Studie der Zeitschrift «Clinical Infectious Diseases» könnte bei einer Durchimpfung des Spitalpersonals die Grippetodesrate um 30 Prozent reduziert werden. Alleine in Genf starben 2013/14 während der vergangenen Grippeepidemie 25 Patienten an den Folgen des Influenza-Virus. 18 davon haben sich im Spital angesteckt.

Spital will nun Daten sammeln

Wie viele Patienten sich in Luzern oder Zug im Spital nosokomial infiziert haben – also durch Ärzte, Pflegepersonen oder Besucher angesteckt worden sind –, ist nicht bekannt. Solche Fälle würden nicht erhoben, erklärt Rossi. «Wir wollen aber ab diesem Jahr versuchen, solche Daten zu sammeln.» Mit verlässlichen Zahlen könne man künftig vielleicht auch einen grösseren Teil des Pflegepersonals zum Impfen motivieren.

«Es mag sein, dass in der Zentralschweiz und damit auch in Luzern die Stimmen der Impfskeptiker lauter sind als anderswo in der Schweiz», sagt auch Roger Harstall, Luzerner Kantonsarzt. Die Durchimpfraten bei «der einen oder anderen Infektionskrankheit» seien in der Vergangenheit zum Teil unter dem Schweizer Durchschnitt gelegen. Diesbezüglich habe Luzern aber in der Tendenz wieder «deutlich aufgeholt». Von einer eigentlichen Impffeindlichkeit zu sprechen, sei darum übertrieben. «Aber eine Impfskepsis ist in Teilen der Zentralschweizer Bevölkerung sicher vorhanden.»

Ein Thema in der Ausbildung

Warum sich gerade Pflegerinnen und Pfleger gegen eine Impfung sträuben, kann auch Jörg Meyer, Direktor der Höheren Fachschule Gesundheit Zentralschweiz, nicht abschliessend beantworten. Fest steht aber, dass «beim Pflegefachpersonal eine erhöhte Sorgfaltspflicht» bestehe. «Dieser kann aber etwa auch durch Tragen eines Mundschutzes nachgegangen werden.» Die Schulleitung empfehle ihren Studenten grundsätzlich eine Impfung – und thematisiere dies auch während des Unterrichts in diversen Fächern.

Auch Barbara Gassmann, Vizepräsidentin des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK), sagt: «Wir unterstützen eine Grippeimpfung beim Pflegepersonal grundsätzlich.» Letzen Endes liege der Entscheid aber bei jeder Person selbst.

Einen Impfzwang gibt es in der Schweiz nicht – auch nicht beim Personal von Risikoabteilungen. Der Basler Spitalarzt Andreas Widmer möchte dies aber ändern. Er begrüsse für Hochrisikoabteilungen ein Impfobligatorium, macht er klar. Ebenso sollen ungeimpfte Pfleger und Ärzte in der Grippesaison eine Maske und ein Abzeichen tragen, damit diese für die Patienten erkennbar sind. Eine solche Verordnung gibt es etwa am Universitätsspital in Genf. Im Luks und im Zuger Kantonsspital ist dies derzeit aber keine Thema.