GROSSDIETWIL: Heuschrecken und Mehlwürmer: Urs Fanger züchtet die Mahlzeit der Zukunft

Ab dem 1. Mai dürfen hierzulande Heuschrecken, Mehlwürmer und Grillen zum Verzehr verkauft werden. Urs Fanger, Geschäftsführer der grössten Zuchtfirma, hat deshalb die Produktion angekurbelt.

Niels Jost
Merken
Drucken
Teilen
Urs Fanger, CEO der Entomos AG, mit Mehlwürmern. (Bild: Eveline Beerkircher (Grossdietwil, 1. Februar 2017))

Urs Fanger, CEO der Entomos AG, mit Mehlwürmern. (Bild: Eveline Beerkircher (Grossdietwil, 1. Februar 2017))

Niels Jost

niels.jost@luzernerzeitung.ch

Es ist warm in der Zuchtstätte der Entomos AG in Grossdietwil. 30 Grad, um genau zu sein. Die Luft ist stickig; es riecht wie in einer Zoohandlung. Kaum ist die Türe des rund 100 Quadratmeter grossen Raumes geöffnet, sieht man überall etwas krabbeln. Ein lautes Zirpen ist aus den rund 15 Plastikboxen zu hören, die auf dem Boden aufgestellt sind. Darin leben gut 45 000 Hausgrillen.

Die Grillen bewegen sich blitzartig zwischen Eierkartons, die in den Boxen liegen. Geschäftsführer Urs Fanger erklärt, wieso: «Der Karton vergrössert die Fläche, auf der die Insekten leben. Durch die Wölbungen können sie sich vor dem Licht und vor Artgenossen verstecken.» Auffallend ist, dass die Boxen nicht verschlossen sind. Das eine oder andere Insekt huscht denn auch vor den Füssen vorbei. Ansonsten sieht die Produktionsstätte des grössten Schweizer Insektenzüchters steril aus, wirkt gar etwas unspektakulär. Mit Grund: Alles, was die Grillen, Wanderheuschrecken und Mehlwürmer derzeit brauchen, ist Futter, Wasser und Verstecke – und etwas Platz, um ihre Eier abzulegen. Denn für den Verzehr sind diese bis zu sechs Wochen alten Bioinsekten noch nicht vorgesehen, sondern für die Zucht. Oder besser: um Nachkömmlinge zu generieren. «Die Grillen, Heuschrecken und Mehlwürmer, die wir derzeit halten, sind die Vorfahren jener Insekten, die wir ab Mai für den Verzehr verkaufen dürfen», sagt Fanger.

Insekten-Burger und Mehlwürmer-Kroketten

Ab dem 1. Mai 2017 ist es in der Schweiz erlaubt, Insekten als Esswaren zu verkaufen. Mitte Dezember hat der Bundesrat die Lebensmittelgesetzgebung entsprechend angepasst. Zugelassen sind nur die drei erwähnten Insektenarten. Sie könnten dann beispielsweise zu einem protein- und fetthaltigen Insekten-Burger oder zu Mehlwürmer-Kroketten zubereitet werden (siehe Kasten).

Solche verarbeiteten Lebensmittel gibt es bei der Entomos aber nicht zu kaufen. Die Tochterfirma der bekannten Andermatt-Gruppe, die sich auf den biologischen Pflanzenschutz spezialisiert hat, beschränkt sich auf die Zucht. Abnehmer sind Gastrobetriebe und Lieferanten von Grossverteilern. «Die Gespräche mit Detailhändlern wie zum Beispiel Coop und Migros laufen», sagt Urs Fanger (siehe Kasten).

Zurück zur Zuchtstätte in Grossdietwil: Wie viele Grillen, Heuschrecken und Mehlwürmer Urs Fanger in seinen Plastikboxen und auf seinen Blechen derzeit hält, kann er nicht genau beziffern. «Sie werden sich in den kommenden Wochen exponentiell vermehren, sodass wir am 1. Mai parat sind für den Verkauf.» 24 Stunden bevor sie bei minus 18 Grad schockgefroren werden, bekommen die Insekten ihr letztes Mahl, damit der Verdauungstrakt möglichst leer ist. Um Keime abzutöten, werden die Tiere anschliessend erhitzt und schliesslich durch Gefriertrocknung haltbar gemacht.

Wie viele Insekten die Firma künftig verkaufen kann, das sei momentan noch die grosse Ungewissheit. «Das Interesse, Insekten zu essen, ist durchaus vorhanden», weiss Fanger. Das Marktvolumen betrage rund 80 Tonnen Insekten pro Jahr.

Frische Mehlwürmer gibts ab 30 Franken pro Kilo

Der Preis ist derzeit noch hoch. Ein Kilogramm frische – also nicht gefriergetrocknete – Mehlwürmer gibts derzeit ab 31.50 Franken. «Unser Bioprodukt ist bis zu drei Mal so teuer wie Insektenimporte aus dem Ausland.» Deswegen sieht Fanger zunächst mehr Potenzial in der experimentierfreudigen Gastronomie oder in Kantinen als bei Grossverteilern. Sollte die Nachfrage schlagartig steigen, sind Fanger und seine beiden Mitarbeiter in der Lebensmittelabteilung aber bestens vorbereitet. So lassen sich die Wände in der Zuchtstätte verschieben und sich der Raum dadurch beliebig vergrössern. Zudem dürfte im März mit dem Bau des neuen, 1000 Quadratmeter grossen Gebäudes begonnen werden. «Wir können unsere Produktion jederzeit erhöhen – einzig die Nach­frage muss kommen.»

Trotz der unausgeschöpften Kapazitäten ist sich Fanger durchaus bewusst, dass Insekten noch ein Nischenprodukt sind. «In etwa zehn Jahren könnte die Bevölkerung sensibilisierter sein, was das Essen von Insekten angeht.» Schliesslich habe sich vor 30 Jahren auch niemand erträumt, Sushi zu essen.