Grosse Parade mit 16 von 21 Schiffen

Die Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) feiert ihren 175. Geburtstag. Zum Jubiläum des bestfrequentierten Schifffahrtsunternehmens der Schweiz gibt's am kommenden Samstag eine Parade mit fünf Dampf- und elf Motorschiffen.

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Am Samstag stehen 16 Schiffe der SGV im Einsatz. Das Bild stammt von der Dampferparade anlässlich der Wiederinbetriebnahme des Dampfschiffs Unterwalden. (Bild: Archiv Manuela Jans / Neue LZ)

Am Samstag stehen 16 Schiffe der SGV im Einsatz. Das Bild stammt von der Dampferparade anlässlich der Wiederinbetriebnahme des Dampfschiffs Unterwalden. (Bild: Archiv Manuela Jans / Neue LZ)

Die Initiative zur Dampfschifffahrt verdankt die Region Vierwaldstättersee einem Ausländer. Der Strassburger Casimir Friedrich Knörr, der in Luzern ein Bank- und Handelshaus führte, schickte am 24. September 1837 sein erstes Schiff, die «Stadt Luzern», auf die Jungfernfahrt.

Vorausgegangen waren der Premiere Auseinandersetzungen mit Behörden. So gab der Grosse Rat des Kantons Luzern seine Zustimmung zur Konzession nur unter dem Vorbehalt, dass die Tarife für den Transport von Menschen, Tieren und Gütern dem Rat zur Genehmigung zu unterbreiten seien.

Auch nach der Jungfernfahrt gab es Probleme. In Uri war das dampfende Schiff nicht willkommen. Es wurde in Flüelen mit einem Hagel von Steinen empfangen. Dem Kapitän drohte die Verhaftung, sollte er mit der «Stadt Luzern» anlegen.

Ursache der feindseligen Haltung war der Widerstand der Zunft der Urner Schiffsleute. Sie fürchteten um ihr Einkommen. Die Urner Regierung beugte sich dem Druck. 1847 - Knörr liess mittlerweile ein zweites Dampfschiff auf dem See kreuzen - gründeten die Urner ihre eigene Post-Dampfschiff-Gesellschaft mit dem «Waldstätter».

Konkurrenzkampf auf dem Wasser

Der Konkurrenzkampf war gross. Beide Gesellschaften unterboten sich mit den Preisen. 1848 etwa musste ein Fahrgast für eine Retourfahrt Luzern-Flüelen in der ersten Klasse 50 Rappen bezahlen. Eine nachhaltigen Rendite liess sich damit nicht erwirtschaften.

Als 1869 eine dritte Schifffahrtsgesellschaft gegründet wurde, schlossen sich die Urner und die Luzerner zusammen. Schon ein Jahr später war auch die jüngste Firma im selben Boot, in der Vereinigten Dampfschiffgesellschaft des Vierwaldstättersees (ab 1885 Dampfschiffgesellschaft des Vierwaldstättersees, DGV).

Mochte auch der grosse Gewinn vorerst ausbleiben, für die Entwicklung des Tourismus am Vierwaldstättersee ist die Bedeutung der Schifffahrt kaum zu unterschätzen. Nicht nur in Luzern, rund um den See entstanden Bergbahnen und Luxushotels, erschlossen von den Dampfschiffen.

1873 wurde mit der Rigibahn in Vitznau die erste Bergbahn Europas gebaut. 1887 folgte die Bürgenstock-Bahn zu dem entstehenden Hoteldorf. Von Alpnachstad auf den Pilatus wurde 1889 die steilste Zahnradbahn der Welt in Betrieb genommen. Brunnen-Morschach (1905) und Treib-Seelisberg (1916) sind weitere Beispiele. An den Bergstationen warteten repräsentative Hotelbauten auf die Gäste.

Tourismus leidet unter Weltkriegen

Mittlerweile blühte das Geschäft - bis die beiden Weltkriege den steten Strom der Touristen zum Erliegen brachten. Dafür half die DGV, Geschichte zu schreiben. 1940 brachte die «Stadt Luzern» General Guisan und seine Truppenkommandanten zum Rapport aufs Rütli. Guisan erläuterte dort erstmals die Idee des Réduits und stärkte damit den Widerstandswillen der Schweiz.

Erst in den 1950-er Jahren konnte sich die DGV wieder vom Rückschlag durch die Weltkriege erholen und an die Erneuerung der Flotte gehen. 1960 wurde der Name passenderweise in Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) geändert.

Beinahe hätte das Unternehmen einen verhängnisvollen Fehler begangen. Vom Fortschrittsgeist erfüllt, wollte es die anachronistischen und im Unterhalt teuren Dampfschiffe ausrangieren. Doch das Volk mache der SGV einen Strich durch die Rechnung. Es wollte auf die liebgewordenen Dampfschiffe nicht verzichten.

1970 lancierten die «Luzerner Neusten Nachrichten» eine Unterschriftenaktion zur Rettung der Raddampfer. 18'200 Personen unterschrieben das Begehren. 1972 wurde der Verein der Dampferfreunde gegründet. Für zwei Dampfschiffe kam die Aktion zu spät; eines steht heute als Restaurant im Luzerner Seebecken. Die andern fünf Dampfschiffe aber wurden gerettet.

Aus Gegnern werden Partner

Für die Dampferfreunde hegte die Geschäftsleitung freilich keine freundschaftlichen Gefühle. Sie sah in ihnen erbitterte Gegner. Nur langsam fand bei der SGV ein Umdenken statt. Allmählich aber entdeckte man auch dort den nostalgischen Charme und das touristische Potenzial der prachtvollen Raddampfer.

Inzwischen sind aus den Feinden Partner geworden. Für die SGV spielen die Dampferfreunde eine wichtige Rolle bei der Propagierung der Dampfschiffe und bei der Spendenbeschaffung für die aufwendigen Sanierungen der ehrwürdigen Fahrzeuge.

Tatsächlich haben die fünf Dampfer - neben der eindrücklichen Landschaft - wesentlichen Anteil an den Frequenzen der SGV. Seit Jahren belegt sie mit rund 2,4 Millionen Passagieren unangefochten den Spitzenplatz unter den Schweizer Schifffahrtsunternehmen - vor der Zürichsee-Fähre und der Genfersee-Schifffahrt.

Die SGV-Flotte umfasst heute 21 Schiffe. Die meisten sind in der eigenen Werft gebaut oder saniert worden. Im Geschäftsjahr 2011 erzielte die SGV-Gruppe bei einem Umsatz von 58 Mio. Franken einen Gewinn von 2,2 Mio. Franken. Das Unternehmen beschäftigte 623 Personen, verteilt auf 383 Vollzeitstellen.

Meinrad Buholzer, sda

Grosse Parade mit 16 der 21 Vierwaldstättersee-Schiffe

Seit 25 Jahren gab es kein Spektakel dieser Grösse mehr auf dem Vierwaldstättersee. Zum 175-jährigen Bestehen veranstaltet die Schifffahrtsgesellschaft (SGV) eine Parade mit 16 ihrer insgesamt 21 Schiffe.

Ab 18 Uhr werden von sämtlichen Armen des Vierwaldstättersees Dampf- und Motorschiffe - insgesamt fünf Dampf- und elf Motorschiffe - in den See stechen und sich auf eine Rundfahrt begeben. Im Küssnachter Becken werden sich die einzelnen Schiffe um den Katamaran «Cirrus» versammeln: auf dessen Dach gibt Polo Hofer mit seiner Band ein Konzert.