GROSSHOF: Er trägt die frohe Botschaft ins Gefängnis

Seit fünf Jahren betreut Stefan O. Hochstrasser (63) als Seelsorger gefangene Frauen und Männer in Kriens. Zur Theologie fand der Familienvater dank eines Musicals.

Roger Rüegger
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Stefan O. Hochstrasser greift auch bei Gefängnisfeiern ab und zu in die Saiten. Bild: Eveline Beerkircher (Greppen, 15. Dezember)

Stefan O. Hochstrasser greift auch bei Gefängnisfeiern ab und zu in die Saiten. Bild: Eveline Beerkircher (Greppen, 15. Dezember)

Sein Ziel ist es, Gefangene zu befreien. So beschreibt Stefan O. Hochstrasser (63) seine Arbeit. Doch der gebürtige Solothurner, dessen Gesicht ein wilder Bart ziert und der sich nie ohne Kopftuch zeigt, holt nicht etwa Insassen als deren Komplize aus den Zellen. Er ist seit fünf Jahren Seelsorger in der Justizanstalt Grosshof in Kriens.

«Meine Aufgabe sehe ich darin, Gefangene innerhalb der Mauern zu befreien», präzisiert er. Was er unter Befreiung versteht, veranschaulicht er uns im Gespräch bei sich zu Hause in Greppen. «In Gefängnissen ereignen sich immer Vorfälle. Die können medizinisch, disziplinarisch oder andersartig sein. Wenn ich in den Grosshof eintrete, verschaffe ich mir einen Überblick darüber. Danach suche ich mit Gefangenen das Gespräch, oder sie wenden sich an mich», schildert er seine Arbeit. Hochstrasser ist zudem Mitglied der Seelsorge der Seepfarreien und Diakonieverantwortlicher im Pastoralraum Greppen-Weggis-Vitznau.

Familienväter in der Einzelzelle

In der Vorweihnachtszeit gehen in Gefängnissen viele Menschen ihren Gedanken nach und sind eine Spur sensibler als in anderen Jahreszeiten. Laut Hochstrasser haben hauptsächlich Leute in Untersuchungshaft, denen jeglicher Kontakt zu Personen, inklusive Familie, untersagt ist, grosse Mühe, mit ihrer Situation klarzukommen. «Ich denke da an Familienväter, die nicht einmal am Weihnachtsgottesdienst oder an der Weihnachtsfeier im Gefängnis teilnehmen dürfen.»

Er sei die einzige Person, mit denen diese Leute persönliche Gespräche führen könnten. Der vierfache Vater und achtfache Grossvater legt dar, wie er diesen scheinbar verlorenen Seelen Weihnachten näherbringt: «Als Fest der Geburt. Doch nicht in dem Sinn, dass in Bethlehem der Sohn Gottes geboren wurde. Sondern, dass in jedem Kind Gott zur Welt kommt. Also auch in ihnen, den Insassen», sagt er. Viele seien von der Emotionalität her in einer speziellen Situation und butterweich, sodass sie auf seine Gedanken eingehen würden.

Bei Weihnachtsfeiern in den Abteilungen oder in Gottesdiensten in der Anstalt geht er nach keinem Muster vor. Zwar bereite er die Feiern vor, jedoch animiere er die Teilnehmer im Vorfeld, sich selber einzubringen, weshalb oft improvisiert werde. «Es ist wichtig, auf die Situationen dieser Leute einzugehen. Das funktioniert, wenn man sie im Voraus motiviert, sich zu engagieren und zu öffnen.» So wünschten Häftlinge oft, dass man für ihre Familien und Freunde bete, weil diese trotz allem zu ihnen halten. Vor einem Jahr habe ein Gefangener ein Gebet für seine kranke Mutter vorgetragen. «Er musste davon ausgehen, dass sie sterben würde, während er sich in Haft befand, und dass er ihrer Beerdigung nicht beiwohnen können würde. Der Mann betete dafür, dass die Mutter in Frieden gehen konnte.»

Entlassung auf Heiligabend vorverschoben

Der Tod sei immer ein Thema im Strafvollzug. «Bei Leuten, die länger im Gefängnis sind, gibt es kaum jemand, der keine Suizidgedanken hat», verrät er. Dann erzählt er eine Geschichte einer Frau Anfang dreissig, die seit Jahren drogenabhängig war. «Sie klaute, um an Geld zu kommen. Im Oktober begann ihr Gefängnisaufenthalt. Sie freute sich so sehr auf Weihnachten, weil sie ihren Sohn, der damals bei seinem Vater lebte, wiedersehen würde», erzählt Hochstrasser. Ihr Entlassungsdatum sei auf den 26. Dezember festgelegt worden. Ein paar Tage vor Weihnachten habe eine Weihnachtsfeier mit einer kleinen Besinnung und einem Rockkonzert stattgefunden. Als die Frau danach in die Zelle hinaufgebracht worden sei, habe ihr der Betreuer die Nachricht überreicht, dass sie am Morgen des 24. Dezember entlassen würde. Sie konnte mit ihrem Sohn zum zweiten Mal Weihnachten feiern. Diesmal in Freiheit. «Für sie war Weihnachten ein wahres Wunder. Halleluja», freut er sich noch heute.

Speziell beeindruckt war Hochstrasser von einer Aussage eines Insassen nach einem Gottesdienst. «Er sagte: Danke, ich habe für einmal eine Stunde lang vergessen, dass ich im Gefängnis bin.» Der Seelsorger strahlt: «Eine schönere Bestätigung für mich in meinem Beruf gibt es nicht.» Er ist in der Tat ein Mann, der seiner Berufung folgte. Allein sein Entscheid, das Theologiestudium anzutreten, beweist dies. Den Entschluss dazu fasste der junge Mann 1976, nachdem er den Film «Jesus Christ Superstar» zum dritten Mal gesehen hatte. «Das war aber nur einer von mehreren Impulsen», sagt der Sohn eines Hilfsarbeiters.

Er wäre zwar gerne Astronom geworden, dazu hätte er jedoch Mathematik oder Physik studieren müssen. Finanziell wäre dies für ihn unmöglich gewesen. Das war mit ein Grund, weshalb er sich für Theologie entschied. Er stellte beim Bistum Basel einen Antrag für ein Stipendium. Da im Bistum erst im Dezember über Stipendien beraten wurde, das Studium an der Theologischen Fakultät in Luzern aber schon im Oktober begann, nahm Hochstrasser mit seiner Frau, die damals in Erwartung des zweiten Kindes war, aufs Geratewohl den Weg in die Innerschweiz auf sich und schrieb sich fürs Studium ein. «Ich glaubte und glaube immer noch, dass es so etwas wie Vorsehung gibt: Wenn das mein Weg ist, ergibt sich eine Lösung», sagt er sich. Wenig später habe der Regens des Bistums Hochstrassers theologische Bestimmung bestätigt. Die finanzielle Hürde war überwunden und der Weg zum Studium geebnet.

In diesen Tagen ist Hochstrasser bei den Leuten, die im Justizvollzug sind, ein gefragter Mann. Letzten Freitag feierte er in der Frauenabteilung im Grosshof Weihnachten. Die Feier sei wunderbar gewesen, die Frauen hätten sich feierlich zurechtgemacht und so ihrer Freude Ausdruck verliehen, sagt der Seelsorger und ergänzt, dass selbst er für eine Weile vergass, dass er sich hinter Gefängnismauern befand.

Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch