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GUNZWIL/ROM: Spitzbub im Dienste des Papstes

Der Luzerner Gardist Matthias Gisler wird heute vereidigt, zusammen mit 31 Kameraden. Es ist dies der Höhepunkt von elf bewegten Monaten im Dienst, die Gisler zwar verändert haben – aber nicht komplett.
Raphael Zemp
Matthias Gisler in der Galauniform der Schweizergarde. (Bild: Raphael Zemp (Rom, 4. Mai 2018))

Matthias Gisler in der Galauniform der Schweizergarde. (Bild: Raphael Zemp (Rom, 4. Mai 2018))

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Matthias Gisler ist zarte 20 Jahre alt – und ein Shootingstar. Zehntausende haben ihn schon abgelichtet. Eingebrannt hat sich sein Antlitz auf Speicherkarten aus aller Welt. Und auch jetzt wieder werden in seiner Gegenwart emsig Kameras hervorgekramt, Smartphones gezückt. Denn Gisler ist Schweizergardist und wird heute zusammen mit 31 Kameraden offiziell vereidigt.

Rückblende. Es ist Freitag, die offizielle Vereidigungs-Pressekonferenz in der gut besuchten und dadurch etwas stickigen Gästekantine des Gardequartiers, unmittelbar hinter dem Sankt-Anna-Tor des Vatikans, ist gerade zu Ende gegangen. Kommandant Christoph Graf stillt die letzten hungrigen Journalisten mit Informationen, während sich die meisten Kameras und Mikrofone bereits von ihm abgewandt und auf die nächsten Opfer gestürzt haben: Eine Handvoll Gardisten, die kurz vor Ihrer Vereidigung stehen – darunter auch Gisler. Nur wenige Augenblicke, da hat sich um jeden von ihnen eine Menschentraube gebildet:

«Wie fühlt es sich an ...?»

«Was sagen Sie zu ...?»

«Warum haben Sie ...?»

Selbst für den blitzlichterprobten Gisler ist der Rummel ungewohnt. Denn bis anhin interessierten seine bunte Uniform, die glänzende Hellebarde, allenfalls sein strammes Dastehen, sein bedeutungsvoller und doch leerer Blick in die Ferne. Ein Bild, das für viele Romtouristen so selbstverständlich abgeknipst gehört wie das Kolosseum oder der ­Trevi-Brunnen. Jetzt aber dreht sich plötzlich alles um ihn. Was er erfahren und erlebt hat. «Damit bin ich fast ein ­wenig überfordert», gesteht Gisler.

Landei kommt in die Ewige Stadt

Überfordert war er auch vor elf Monaten, als er, «ein richtiges Landei», in Rom ankam. Zum ersten Mal in einer Millionenstadt, im Gepäck die Worte Pizza, Pasta und Buongiorno und grosse Erwartungen. Zurückgelassen die beschauliche Heimat, den elterlichen ­Bauernhof in Gunzwil, eingebettet in der lieblichen Hügellandschaft oberhalb des Sempachersees: 180 Mastschweine, 35 Milchkühe und 5 ältere Brüder. Warum man so was tut?

Da waren die Erzählungen von seinem Cousin, der vor über zehn Jahren schon in der Garde gedient hatte. Und da war eine abgeschlossene Berufslehre als Detailhändler in der Landi und die Frage: Was nun? Gislers Entscheid fiel schliesslich auf die Garde: «Etwas Sinnvolles tun im Ausland und dabei noch eine Sprache lernen – was will man mehr?» Wobei: Die Frage nach dem Sinn hat sich ihm in den vergangenen Monaten doch das eine oder andere Mal aufgedrängt. Denn Schweizergardist zu sein, heisst vor allem auch: viel Wache schieben. «Wozu stehe ich mir hier die Beine in den Bauch?», habe er sich anfangs gewundert, etwa nach einer sechsstündigen Nachtschicht, bei der man keine Menschenseele zu Gesicht gekriegt hat. «Würde man nicht gescheiter eine Puppe hinstellen?» Inzwischen lässt ihn das kalt: «Das gehört halt zum Job dazu.» Gisler wirkt sehr abgeklärt für sein Alter. Seine Antworten wählt er mit Bedacht, formuliert schnell, präzise und klar. Verräterisch ist einzig sein spitzbübisches, schelmisches Lächeln. Da blitzt durch: Da ist nicht nur einer, der gehorsam Befehle ausübt. Nein, hinter der bunten Uniform, dem schief aufgesetzten Béret und der Halskrause steckt ein junger Mann, voller Witz und Lebensfreude.

Einer, der leidenschaftlich gerne musiziert, und deshalb auch in der Garde-«Banda» mit dem Flügelhorn mitbläst. Einer, der nach Schichtende gerne mit seinen Gardekameraden ein Feierabendbier nuckelt. Einer, der in der Freizeit – «ja, die haben wir tatsächlich» – die Welt ausserhalb der Vatikanmauern erkundet, durch Rom radelt, in den seinen Parks joggt. In andere italienische Städte, ans Meer reist und sich auch mal am Römer Nachtleben schnuppert. «Wyybere» nennt das Gisler. «Auch das muss sein.»

Händeschütteln mit dem Papst

Kein Heiliger, aber doch einer, der als Gardist mit Überzeugung für die Kirche dient. Dabei ist er sich stets den Grenzen bewusst. Sich etwa bis in die frühen Morgenstunden sorglos treiben lassen? Das geht nicht. Um spätestens 2 Uhr muss Gisler in der Kaserne sein, wo er sich ein Zimmer mit einem welschen Gardisten teilt. Das möge manchmal nerven, «aber diesen Deal bin ich eingegangen, daran halte ich mich auch». Halten wird sich Gisler auch an die vereinbarte Mindestdienstdauer, was bedeutet: 15 weitere Monate in der Garde, «vielleicht auch ein wenig länger». Aber ebenfalls Teil dieses Deals sind: neue Freundschaften, eine neue Sprache und das gelegentliche Händeschütteln mit dem Papst. «Er kennt mich zwar nicht beim Namen, aber zumindest vom Aussehen», glaubt Gisler.

Der Gardist blickt zunehmend unruhig um sich: Sämtliche Journalisten sind abgezogen, der Innenhof füllt sich mit Gardekollegen, die ihm auffordernde Blicke zuwerfen. Gisler reiht sich ein zum Antritt: Blick nach vorne, ernste Miene, stramme Haltung. Und dann schielt er kurz zur Seite, lächelt verschmitzt, nur um einen Wimpernschlag später sich wieder in soldatischer Strenge zu üben. Er kann es nicht lassen, der Spitzbub – der doch nicht aus der Reihe tanzt.

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