Hans Erni: «Es gibt noch so viel zu tun»

Ich will die Gegenwart erfahren, nicht die Vergangenheit.» Hans Erni, geboren am 21. Februar 1909 in Luzern, ist ein unbeirrbarer Optimist.

Kurt Beck
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Zu Hause im Atelier: Hans Erni gestern mit seiner Frau Doris. (Bild Pius Amrein)

Zu Hause im Atelier: Hans Erni gestern mit seiner Frau Doris. (Bild Pius Amrein)

Auch im Alter von 105 Jahren richtet der gefeierte Künstler den Blick nach vorn. «Es gibt noch so viel zu tun», sagt Erni, dem Veränderung willkommen und Neues zu schaffen ein existenzielles Bedürfnis sind. Aufgaben, die sich ihm stellen, sind ihm Ansporn, die tägliche Arbeit daran hält ihn am Leben, wie er immer wieder betont.

Künstlerisches Phänomen

105 Jahre alt ist Hans Erni heute, ein aussergewöhnlich hohes Alter, auch in Zeiten gestiegener Lebenserwartung. Hans Erni ist auch ein künstlerisches Phänomen, das eine bemerkenswerte und wechselvolle Karriere erlebt.

Als Bauzeichnerlehrling lernte er zeichnerische Präzision, eine Fertigkeit, auf die er in seinem künstlerischen Schaffen immer wieder zurückgreifen kann. Die grossen zeichnerischen Qualitäten sind auch ein herausragendes Charakteristikum seiner Bilder. Sie prägen den Stil, den der Künstler über Jahrzehnte entwickelt hat. Die zeichnerische Virtuosität und die Vitalität der Linien machen Ernis Werke unverwechselbar.

Hans Erni wollte ursprünglich Architekt werden, doch 1927, nach der Lehrzeit, entschied sich der Sohn eines Schiffsmaschinisten, der auf dem Vierwaldstättersee Dienst tat, für die freie Kunst. In der Affinität zur Architektur liegt möglicherweise auch ein Grund, dass Hans Erni grosse Formate souverän bewältigt und so viele Wandbilder schuf. Kaum 30-jährig realisierte Hans Erni das 100 mal 5 Meter grosse Wandbild «Die Schweiz – Ferienland der Völker» für die Landesausstellung 1939 in Zürich. Das 12-teilige Bild ist ein Schlüsselwerk im Œuvre des Künstlers und machte ihn schweizweit bekannt.

Der Karriereknick folge allerdings umgehend. Hans Erni, der sich in einem Plakat für den Dialog Schweiz–Sowjetunion einsetzte, war schnell als Kommunist gebrandmarkt, wurde in der Öffentlichkeit als Landesverräter beschimpft und von staatlichen Institutionen boykottiert. Eine von ihm gestaltete und bereits gedruckte Schweizer Banknotenserie wurde sogar eingestampft.

Eigenes Museum

So schwierig diese Zeit war, künstlerisch hat Hans Erni den Rückschlag verkraftet, und seine Kunst fand zunehmend eine internationale Käuferschaft. Der Erfolg ermöglichte es Hans Erni als erstem Schweizer Künstler, ein eigenes Museum zu realisieren. 1979 wurde das Hans-Erni-Museum im Verkehrshaus Luzern eröffnet.

Hans Erni ist ein sehr öffentlicher Künstler, der sich für eine bessere Welt engagiert und politisch Stellung bezieht: für die AHV, für den Schutz der Natur, gegen den Atomkrieg, für Solidarität mit Hungernden, für Europa und die UNO. Rund 300 Plakate hat der Künstler gestaltet. Durch sie hat er ein Massenpublikum gewonnen, im Alltag ist er präsent wie kein anderer Künstler in der Schweiz. Und erschwinglich wie kein anderer. Für 5 Rappen konnte man einen echten Erni kaufen – als Briefmarke, von denen er über 90 kreiert hat. Allerdings: Billig ist Ernis Kunst nicht, Gemälde des Künstlers erzielen an Auktionen Preise von über 40'000 Franken.

«Ein grosser und wichtiger Künstler»

Reto Wyss. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Reto Wyss. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Hans Erni ist für mich mehr als ein «grosser und wichtiger Luzerner Künstler». Ich habe seit meiner Jugend einen ganz persönlichen Bezug zu ihm. Im meinem Zimmer im Elternhaus hatte ich über dem Pult den «Albert Einstein» von Hans Erni. Dieses Bild kannte und kenne ich in- und auswendig, weil ich es täglich, bis zum Auszug aus dem Elternhaus, vor Augen hatte. Und dazu kam etwas, das ich nie erwartet hätte: Als ich meine Lehre als Bauzeichner bei der seinerzeitigen Hans-Beat Schumacher AG begann, was hing da an meinem Arbeitsplatz? Das Plakat «Rettet das Wasser» von Hans Erni.

Zufälle? Mag sein. Aber vielleicht zeigen diese Erlebnisse ganz einfach, wie stark der internationale Künstler Hans Erni auch in unserer Region verankert ist. Dass ich diese Persönlichkeit, die mich während der ganzen Jugend- und Ausbildungszeit begleitete, Jahrzehnte später als Kulturdirektor dieses Kantons persönlich kennen lernen und würdigen darf, das berührt mich. Ich freue mich, dass ich heute Hans Erni persönlich zu seinem 105. Geburtstag gratulieren kann. Vor seinem Werk, vor seiner Schaffenskraft bis ins hohe Alter habe ich Respekt, Ehrfurcht – und, eben, beste Jugenderinnerungen!

Als Kulturdirektor bin ich dankbar und stolz, dass Hans Erni einer der wichtigsten Botschafter unseres Kulturkantons ist.

Reto Wyss, Regierungsrat, Bildungs- und Kulturdirektor Kanton Luzern

«Möglichkeiten der bildenden Künste ausgelotet»

Isabelle Chassot. (Bild: Harry Ziegler / Neue LZ)

Isabelle Chassot. (Bild: Harry Ziegler / Neue LZ)

Hans Erni ist eine der ganz grossen Persönlichkeiten der Schweizer Kunstszene. Schon in den 1930er-Jahren zeigte ihm die Eidgenossenschaft ihre Anerkennung – er wurde 1936 und 1937 mit den eidgenössischen Preisen für angewandte Kunst ausgezeichnet – und als Visionär hat er die unermesslichen Möglichkeiten der bildenden Künste ausgelotet, von der Gestaltung der Briefmarke bis zum monumentalen Wandbild. Damit wurde er weltbekannt, und damit hat er das Bild des schweizerischen Kunstschaffens in die Welt getragen.

Er setzte sich seinerzeit für das Frauenstimmrecht ein, er setzte sich immer für den Frieden ein, und so gestaltete er seine Plakate, mit denen er eindringliche Botschaften vermittelte, die sich bis heute in unser Gedächtnis eingeprägt haben. Seine Werke im Hans-Erni-Museum im Verkehrshaus in Luzern zu sehen, ist ein wahrhaft schönes Erlebnis.

In diesem Sinne ist es uns ein Vergnügen und eine Ehre, ihm zu seinem 105. Geburtstag herzlich gratulieren zu dürfen.

Isabelle Chassot, Direktorin Bundesamt für Kultur

«Uns fasziniert Ihre Liebe zu den Menschen»

Doris Leuthard. (Bild: Keystone)

Doris Leuthard. (Bild: Keystone)

Lieber Hans Erni – herzliche Gratulation zum 105. Geburtstag! Sie faszinieren als Mensch und als Künstler. Als Mensch, der im Laufe seines langen Lebens durch das Erlebte immer wieder politisiert wurde. Sie griffen zu Pinsel und Staffelei und mobilisierten so die Politik. Als Künstler, der Weltorganisationen wie das Rote Kreuz, die UNO oder die Unesco mit seinen Bildern schmückte.

Uns fasziniert Ihre Liebe zu den Menschen. Wer uns mit seinen Werken lehrt, in einer menschlichen Welt menschlich zu bleiben, den darf man ruhig einen Menschenfreund nennen.

Ein Menschenfreund wäre aber kein Freund der Menschen, würde er nicht aufrütteln und zum Nachdenken anregen – etwa mit dem Totenkopf-Plakat gegen den Atomkrieg (1954) oder symbolisch mit einem verschmutzten Glas zur Rettung des Wassers (1961).

Mit Ihren Plakaten waren Sie immer aktuell dabei, prägten den Zeitgeist und beeinflussten den politischen Lauf der Schweiz. Beispielsweise 1942 mit dem Plakat für die SBB und den Güterverkehr oder 1983 mit dem Plakat zur Rettung des Waldes.

Lieber Hans Erni, wir schätzen Sie als Zeitzeugen von gestern, als Zeitgenossen von heute und als Wegbereiter für morgen.

Doris Leuthard, Bundesrätin

«Hans Erni, Sie sind ein Phänomen!»

Stefan Roth. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Stefan Roth. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Lieber Hans Erni, Sie sind nicht nur der älteste Luzerner, Sie sind bestimmt auch einer der berühmtesten Bewohner unserer Stadt. Und Sie sind vermutlich der am häufigsten mit Auszeichnungen bedachte.

Beispielsweise erhielten Sie 1967 den Kunstpreis unserer Stadt, seit 1984 tragen Sie die Luzerner Ehrennadel, seit 2004 sind Sie unser Ehrenbürger. Die französische Stadt Saint-Paul de Vence hat Sie 2005 mit der Médaille de la Cité für Ihr Lebenswerk ausgezeichnet, 2008 erhielten Sie den Schweizer Life Time Award, 2009 wurde Ihr Schaffen zu Gunsten der Schweizer Philatelie mit der Goldenen Taube geehrt.

Sie blicken auf ein immenses Lebenswerk zurück, schon zu Zeiten der Landi 1939 waren Sie künstlerisch aktiv. Sie könnten – ohne irgendwelche Vorwürfe befürchten zu müssen – getrost Pinsel und Palette zur Seite legen. Sie blicken auf ein vollendetes Werk zurück.

Sie, Hans Erni, gedenken nicht aufzuhören. Ihre Schaffenskraft ist ungebrochen und scheint nicht enden zu wollen. In Worten versuche ich meine Freude auszudrücken. Sie könnten dies mit ein paar wenigen Pinsel- oder Bleistiftstrichen viel schöner.

Hans Erni, Sie sind ein Phänomen! Zu Ihrem 105. Geburtstag gratuliere ich Ihnen im Namen des Luzerner Stadtrates und der Luzerner Bevölkerung von ganzem Herzen und wünsche Ihnen weitere Jahre mit kreativer Lebensfreude.

Stefan Roth, Stadtpräsident Luzern

«Ein wichtiger Vermittler neuer künstlerischer Ideen»

Vorstand der Kunstgesellschaft Luzern:Heute erreicht Hans Erni das wahrhaft biblische Alter von 105 Jahren. So lang wie seine Lebensspanne, so vielfältig sind auch das Werk und die Verdienste dieses wohl bekanntesten Zentralschweizer Künstlers. Nach Lehre und Kunststudium in Luzern, Paris und Berlin wurde Hans Erni als profunder Kenner der avantgardistischen Kunst und Gründungsmitglied der Künstlervereinigung Abstraction-Création in seiner Heimat ein wichtiger Vermittler neuer künstlerischer Ideen. Diese Funktion machte Erni auch über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt.

In seiner Heimat erhielt er nun zahlreiche öffentliche Aufträge. Zum offiziellen Maler der Schweiz aber wurde Erni 1939 durch die Ausführung des monumentalen Wandbildes «Die Schweiz, das Ferienland der Völker» für die Landesausstellung.

Hans Erni erhielt nun immer wieder wichtige öffentliche Aufträge. Dennoch blieb der Künstler auch immer ein Querdenker, so als er 1945 mit einem Plakat für die «Gesellschaft Schweiz–Sowjetunion» in Konflikt mit der Neutralitätspolitik des Landes geriet.

Für sein umfangreiches Schaffen erhielt Erni zahlreiche Ehrungen und Einzelausstellungen; so fand 1972 im Kunstmuseum Luzern Ernis zweite dortige Einzelausstellung statt. 1979 eröffnete der Künstler auf dem Gelände des Verkehrshauses der Schweiz das Hans-Erni-Museum. Zu seinem 100. Geburtstag wurde Erni vom Kunstmuseum Luzern erneut mit einer umfassenden Retrospektive geehrt.

Der Vorstand der Kunstgesellschaft Luzern sendet dem ihr eng verbundenen Künstler zu seinem Geburtstag die besten Wünsche.