«Happiger Abbau»: SBB streichen die schnelle Verbindung von Luzern nach Zürich

Ab Donnerstag fährt der Interregio zwischen Luzern und Zürich nur noch stündlich. Gestrichen wird ausgerechnet die schnelle Verbindung, die gute Anschlüsse aus Obwalden und dem Luzerner Hinterland ermöglichte.

Christian Glaus
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Der Interregio 70 von Luzern nach Zürich fährt ab Donnerstag nicht mehr.

Der Interregio 70 von Luzern nach Zürich fährt ab Donnerstag nicht mehr.

Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 27. März 2017)

Die SBB dünnen ihr Fahrplanangebot wegen der Coronakrise weiter aus. Die Zentralschweiz ist dieses Mal zwar nur von der Streichung einer Linie direkt betroffen. Dafür aber von einer Linie, die von grosser Bedeutung ist: Ab Donnerstag fällt der Interregio 70 Luzern–Zürich ganztags aus. Es handelt sich um jenen Zug, der Luzern jeweils um x.10 Uhr verlässt und 46 Minuten später nach Stopps in Zug und Thalwil im Zürcher Hauptbahnhof ankommt. Weiterhin im Stundentakt verkehrt der Interregio 75 mit Zwischenhalt in Rotkreuz, Zug, Baar und Thalwil. Dieser braucht für die gleiche Strecke 50 Minuten. Der wesentliche Unterschied ist aber, dass der gestrichene Interregio 70 gute Anschlüsse aus Obwalden und aus dem Luzerner Hinterland Richtung Zürich bot. Diese fallen nun weg.

Auf Anfrage unserer Zeitung erklärt Romeo Degiacomi, Sprecher des Verkehrsverbunds Luzern (VVL):

«Wir sind mit der Streichung des IR 70 überhaupt nicht glücklich. Dieser ist aufgrund der guten Anschlüsse eine wichtige Verbindung Richtung Zürich.»

Weil auch auf anderen Strecken der Fahrplan bereits ausgedünnt wurde, sind die Auswirkungen in der Tat gewaltig. Wer aus der Region Willisau Richtung Zürich fahren will, muss in Luzern rund 50 Minuten auf den nächsten Schnellzug warten. Fast gleich lang ist der Aufenthalt in Luzern für Reisende aus dem Kanton Obwalden oder beispielsweise aus Dallenwil. Aus dem Raum Luzern Süd gibt es für Passagiere der Zentralbahn nur noch einmal pro Stunde eine gute Verbindung nach Zürich. «Wir verstehen zwar, dass wegen des Coronavirus Anpassungen beim Fahrplan notwendig sind. Trotzdem: Dieser Abbau ist happig für unsere Region und trifft insbesondere Personen, die weiterhin mit dem ÖV zur Arbeit pendeln müssen», betont Degiacomi.

Zentralbahn hält an ihrem Fahrplan fest

Die Zentralbahn erklärt auf Anfrage, sie habe ihr Fahrplanangebot in Absprache mit den weiteren ÖV-Unternehmen wie SBB und Postauto geplant und umgesetzt. «Die Aufhebung des Halbstundentaktes zwischen Luzern und Zürich wurde in einem zweiten Schritt entschieden», sagt Sprecher Thomas Keiser. Daraufhin habe die Zentralbahn ihr Fahrplankonzept erneut geprüft und mit den Kantonen vereinbart, den aktuellen Fahrplan beizubehalten. «Eine weitere kurzzeitige Änderung wäre sehr komplex und hätte in der Summe bezüglich der Anschlüsse in Luzern mehr Nach- als Vorteile.»

Weshalb hat der VVL nicht verhindert, dass die SBB den Interregio 70 streichen? «Das Problem ist, dass die Kantone und der VVL kein Mitspracherecht haben.» Die SBB und Postauto seien die jeweiligen Systemführer und würden die Abbaumassnahmen in Zusammenhang mit der Coronakrise vorgeben. Der VVL hat statt der Streichung der wichtigen Interregio-Verbindung nach Zürich andere Massnahmen vorgeschlagen, sagt Degiacomi. Er schlug etwa die Beibehaltung der Verbindung während der Hauptverkehrszeiten vor oder regte eine Reduktion des Angebots zwischen Luzern und Arth-Goldau von stündlich drei auf zwei Verbindungen an. Darauf seien die SBB nicht eingegangen.

Weitere Reduktion ab Mitte April

Die SBB bedauern, «dass die Angebotsreduktion negative Auswirkungen auf einzelne Reisende haben kann», wie Sprecherin Sabine Baumgartner gegenüber unserer Zeitung erklärt. Der Abbau sei in Absprache mit dem Bundesamt für Verkehr erfolgt und soll sicherstellen, dass der öffentliche Verkehr so lange wie möglich mit einem reduzierten Angebot funktionieren kann. Wegen des Coronavirus sei die Nachfrage im öffentlichen Verkehr landesweit um 80 bis 90 Prozent zurückgegangen, zu einzelnen Linien machen die SBB keine Angaben.

Die Zugfahrer in der Region Zentralschweiz müssen sich darauf einstellen, dass es in den nächsten Wochen zu einem weiteren Abbau kommt. Der nächste Schritt soll per Mitte Monat erfolgen: zuerst bei der S-Bahn, dann im Fernverkehr. Details dazu sind noch nicht bekannt.

Die Streichung des IR 70 lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Deshalb denkt der VVL bereits an die Zeit nach der Coronakrise. «Es dauert einige Zeit, um das Bahnangebot wieder hochzufahren. Wir erwarten von den SBB, dass sie den Betrieb dieser wichtigen Verbindung rasch wieder aufnehmen.» Zu dieser Forderung äussert sich SBB-Sprecherin Baumgartner nur vage: Der Übergang zum ordentlichen Betrieb werde schrittweise erfolgen. «Zu Zeitraum und Modus können wir aktuell keine genaueren Aussagen machen.»