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Harsche Kritik an der Stadtluzerner Digitalstrategie: Für die «Smart City» braucht es viel mehr

Der Luzerner Stadtrat will die Stadt Luzern in die Top-Liga in Sachen Digitalisierung katapultieren. Doch die ersten Reaktionen auf die 14,4 Millionen Franken teure «Digitalstrategie» sind vernichtend.
Robert Knobel
Wie soll die digitale Transformation gelingen? Darüber gehen die Meinungen auseinander. (Bild Getty)

Wie soll die digitale Transformation gelingen? Darüber gehen die Meinungen auseinander. (Bild Getty)

Der Luzerner Stadtrat hat kürzlich seine «Digitalstrategie» vorgestellt. Darin zeigt er auf, wie die Stadt Luzern die «digitale Transformation» in den nächsten 10 Jahren umsetzen soll (wir berichteten). Das Ziel ist, möglichst viele Informationen und Dienstleistungen der städtischen Verwaltung im virtuellen Raum abwickeln zu können – vom Baugesuch bis zur Raumreservation. 14,4 Millionen Franken soll die Strategie kosten, zu der unter anderem eine neue «Fachstelle Digitales» gehört. Luzern soll nach den Vorstellungen des Stadtrats in Sachen Digitalisierung «wegweisend» unter den Städten werden.

Ob dies gelingt, ist allerdings fraglich. Die ersten Reaktionen auf die Luzerner Digitalstrategie sind geradezu vernichtend. So schreiben die Grünen in einer Stellungnahme:

«Mit so wenig Innovation droht Luzern, zum Schlusslicht statt zur Leaderin zu werden».

Tatsächlich setzt die Strategie vor allem auf einen Umbau der Stadtverwaltung. Hingegen fehlen Ideen und Massnahmen im Bereich der «Smart City», der «vernetzten Stadt», in der die Abläufe des öffentlichen Lebens mit intelligenter Technik optimiert werden. Auch für Peter Delfosse ist die Luzerner Digitalstrategie bereits veraltet, bevor sie überhaupt in Kraft getreten ist. Delfosse ist CEO der Axon Active Holding AG. Das Unternehmen mit Sitz in Luzern begleitet die digitale Transformation von Firmen und Städten und hat weltweit rund 800 Mitarbeiter.

Delfosse stört sich vor allem daran, dass die Strategie der Stadt Luzern am «Portal-Prinzip» festhält. Dieses stammt aus den Anfängen des Internets und beschreibt ganz einfach die Tatsache, dass bestehende Informationen und Dienstleistungen in die virtuelle Welt übertragen und auf einem Portal rund um die Uhr verfügbar sind. So sagt Delfosse:

«Das Webportal hat sein Potenzial inzwischen erschöpft.»

Heute gehe es darum, Prozesse ganz neu zu denken und digital zu transformieren. Ein Beispiel: Ein Vater will für seine Tochter Betreuungsgutscheine beantragen. Auf der Website der Stadt kann er das entsprechende Formular ausfüllen und es vielleicht sogar online einreichen.

Das Gesuch, das sich selber einreicht

Was wäre aber, wenn sich das Formular selbständig ausfüllt, indem es die nötigen Informationen (z.B. steuerbares Einkommen, Name der Kita, Betreuungsumfang etc.) aus verschiedenen Datenbanken selber zusammen sucht? Dann wären die Betreuungsgutscheine im wahrsten Sinne nur noch einen einzigen Mausklick entfernt.

Die Voraussetzung dafür ist aber die umfassende technische Verfügbarkeit von privaten und staatlichen Daten, auf die die Systeme zugreifen können. Doch hier liegt bereits der erste Stolperstein: Wollen wir unsere persönlichen Daten auf diese Weise zur Verfügung stellen?

«Diesen berechtigten Bedenken kann heute mit den richtigen Massnahmen vollständig entsprochen werden», betont Peter Delfosse. Die Datenschutzgrundverordnung der EU habe hier eine wichtige Basis gelegt und sei dabei, weltweit zu einem Standard zu werden. «Der Datenschutz muss in jedem Fall und zu jedem Zeitpunkt gewährleistet sein. Das bedeutet, dass jede einzelne Person entscheiden kann, wer Einblick in ihre Daten haben kann.»

Google weiss viel mehr als die Stadtverwaltung

Heute haben die Datenriesen in Kalifornien wohl viel mehr Einsicht in unser Leben als unsere lokalen Behörden. Google erkennt zum Beispiel aufgrund der Bewegungen der Smartphones , wenn sich in der Region Luzern ein Verkehrskollaps abzeichnet. Die Stadt Luzern verfügt hingegen nicht über solche Informationen. Dabei könnten diese helfen, den Verkehr in geordnete Bahnen zu lenken.

«Es ist eigentlich erstaunlich: Wir diskutieren über neue Verkehrsprojekte wie den Tiefbahnhof oder die Spange Nord, ohne das Verhalten der Verkehrsteilnehmer im Detail zu kennen.»

Hier sei man weitgehend im «Blindflug» unterwegs, sagt Delfosse.

Bei der Mobilität liegt denn auch klar das grösste Potenzial der «Smart City». Statt den Verkehrsfluss wie heute mehr oder weniger dem Zufall zu überlassen, könnte man ihn gezielt steuern – was grosse Infrastrukturausbauten in gewissen Fällen überflüssig machen könnte.

Die App sagt Ihnen, ob Sie heute das Velo oder das Auto nehmen sollen

Delfosse nennt das Beispiel von Singapur, wo sein Unternehmen für die Regierung tätig ist. Dort wird die gesamte Mobilität zentral gesteuert – von der U-Bahn über Taxis bis zu Mietvelos. Ein persönlicher Assistent im Smartphone sagt dem Nutzer, mit welchem Transportmittel er gerade am besten zum Ziel kommt. Errechnet wird dieser Ratschlag durch laufend aktualisierte Verkehrsdaten – und selbst die Wetterprognose fliesst in die Erwägungen der künstlichen Intelligenz ein. Der Datenschutz bleibt gewährleistet, da keine Rückschlüsse auf die einzelnen Personen möglich sind.

Erst die Vernetzung von möglichst vielen Datenquellen ermöglicht eine «digitale Zivilisation», wie es Delfosse nennt. Dass die einzelnen Abteilungen der Stadtverwaltung ihren Datenaustausch vereinfachen, sei zwar löblich, bilde aber noch keine Digital-Strategie. «Bereits heute ermöglicht die Digitalisierung einen völlig neuen Austausch zwischen Bevölkerung und Verwaltung, der weit über das elektronische Ausfüllen von Formularen hinaus geht.»

Eine Stadt wie Luzern müsse sich zudem gut überlegen, was sie alleine überhaupt erreichen kann, sagt Delfosse:

«Digitale Prozesse machen nicht vor Gemeindegrenzen Halt.»

Nicht jede Stadt müsse das Rad neu erfinden. Für viele Applikationen gebe es bereits Beispiele aus anderen Städten, die funktionieren – zum Beispiel Sensoren, die freie Parkplätze melden. Doch ausgerechnet hier entwickelt die Stadt Luzern ein eigenes System für ihre Carparkplätze. Wenn die Stadt Luzern digitale Führerschaft anstrebt, wie das in der stadträtlichen Strategie festgehalten ist, dann müsse sie nicht nur schneller voran gehen als andere Städte, sondern auch Systeme entwickeln, die es nicht bereits gibt – und von denen später andere Interessenten profitieren können.

Es stellt sich aber auch die Frage, wie weit es überhaupt die Aufgabe von Behörden und Politik ist, die «Smart City» voranzutreiben. Der Luzerner Stadtrat hat bereits signalisiert, dass er sich eher in der Rolle sieht, private Projekte zu ermöglichen und weniger selber aktiv mitzumischen. Das eine soll das andere nicht ausschliessen, findet Edy Portmann. Der Luzerner forscht als Professor an der Uni Fribourg über intelligente Informationssysteme und deren Anwendung in Städten. Er sagt:

«Es braucht von beiden Seiten Initiativen, je nach Anliegen auch gemeinsame Projekte.»

Es gebe Schweizer Städte, deren Behörden bereits erste Massnahmen im Bereich Smart City umgesetzt haben. In Zürich können Bürger zum Beispiel über www.zueriwieneu.ch Missstände im öffentlichen Raum wie Schlaglöcher oder Sachbeschädigungen melden. In St. Gallen melden Parkplatzsensoren freie Plätze. Edy Portmann findet:

«Solche Konzepte könnten leicht auf Luzern umgemünzt werden.»

Amerikanische Städte haben zudem erste Versuche mit einem neuartigen Auskunftsdienst gestartet, den man schon vom Smartphone her kennt. Statt dass man nach Stichwörtern sucht, formuliert man eine Frage (z.B. «Wie kann ich meinen Pass erneuern?») und wird dann automatisch an die zuständige Stelle verwiesen. Doch bis zur funktionierenden Smart City ist es noch ein weiter Weg: Die Parkplatzsensoren in St. Gallen haben noch Kinderkrankheiten, und auch die erwähnten elektronischen Auskunftsdienste sind noch längst nicht massentauglich.

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