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HAUSAUFGABEN: Das sagen Pädagogen zum Krienser Modell

Die Präsidentin des Lehrerinnen- und Lehrerverbandes steht den Plänen der Volksschule Kriens, die Hausaufgaben abzuschaffen, eher kritisch gegenüber. Ein Dozent der PH Luzern erklärt hingegen, wie neue Modelle funktionieren können.
Susanne Balli
Annamarie Bürkli, Präsidentin des Lehrerverbands. (Bild: Dominik Wunderli (Neue LZ) (Neue Luzerner Zeitung))

Annamarie Bürkli, Präsidentin des Lehrerverbands. (Bild: Dominik Wunderli (Neue LZ) (Neue Luzerner Zeitung))

Als erste Gemeinde im Kanton Luzern streicht Kriens ab dem nächsten Schuljahr die Hausaufgaben auf der Primarstufe. Neu sollen die Kinder jeden Vormittag während des regulären Unterrichts 20 bis 30 Minuten individuell Aufgaben lösen, um Gelerntes vertiefen zu können (wir berichteten am 19. März). Damit will die Volksschule Kriens einerseits die Kinder entlasten und andererseits die Chancengleichheit in der Bildung fördern.

Was sagen erfahrene Pädagogen zum Krienser Modell? «Hausaufgaben sind immer wieder ein Thema in den Lehrerzimmern. Besonders seit der Einführung des Lehrplans 21», sagt Annamarie Bürkli, Präsidentin des Lehrerinnen- und Lehrerverbandes Kanton Luzern. Mit dem Lehrplan 21 sei die Zahl der Lektionen gestiegen. Vielfach werde darum in der Diskussion um Hausaufgaben der Lehrplan 21 vorgeschoben. «Hier muss man aber klar sehen, dass Kinder in anderen Kantonen schon lange eine höhere Anzahl an Lektionen besuchen.»

Zweifel an freiwilligen Lernzeiten

Dass Kriens nun den Pilotversuch wagt und die klassischen Hausaufgaben abschafft, sieht Bürkli ambivalent. «Man muss schauen, wie sich das Krienser Modell bewährt. Es gibt immer gewissen schulischen Stoff, den man individuell lernen und vertiefen muss.» Ob das Modell gelingen könne, hänge darum davon ab, wie konsequent die täglichen 20 bis 30 Minuten der obligatorischen Lernzeit in der Praxis umgesetzt würden. «Da bin ich eher noch skeptisch. Ich zweifle auch daran, ob die freiwilligen Lernzeiten am Nachmittag dann wirklich von jenen Schülerinnen und Schülern besucht werden, die diese nötig haben», so Bürkli.

Eher kritisch gegenüber der Abschaffung von Hausaufgaben ist sie noch aus einem weiteren Grund: «Die Einsicht der Eltern, was die Kinder in der Schule machen, bleibt auf der Strecke.»

Im Krienser Modell sieht Bürkli aber auch Vorteile. Es sei eine Tatsache, dass Hausaufgaben in den Familien häufig zu Konflikten führen, und dass ein beträchtlicher Teil der Eltern keine Zeit habe, das Kind bei den Hausaufgaben zu begleiten. «Früher war ein Elternteil immer zu Hause. Heute sieht dies bei einem grossen Teil der Familien anders aus. Und ob man nach einem Acht-Stunden-Arbeitstag noch Zeit und Nerven hat, mit dem Kind die Hausaufgaben durchzugehen, bezweifle ich», so Bürkli. Dies sei ein Punkt, der für die Abschaffung der klassischen Hausaufgaben spreche. Andererseits achte ein Grossteil der Lehrpersonen darauf, Hausaufgaben zu erteilen, welche die Kinder nicht überfordern und welche sie alleine machen können.

Generell stünden zahlreiche Kinder heute unter Zeitdruck und Stress. «Die Freizeitgestaltung ist heute ein grosses Problem. Häufig sind Kinder in der Freizeit zu stark verplant.» Und es stünden auch nicht allen Kindern zu Hause der nötige Platz und die erforderliche Ruhe für Hausaufgaben zur Verfügung. «Darum ist es legitim, dass die Schulen andere Wege suchen, und die Art der Vertiefungs- und Übungsarbeit überdenken.» So oder so: Im Grundsatz sei es den Lehrpersonen bereits heute freigestellt, Hausaufgaben zu geben oder nicht. «Am Ende muss der Schulstoff sitzen.»

Bürkli kann sich gut vorstellen, dass das Krienser Modell auch für andere Schulen interessant klingt. Bis sich ein neues System etabliere, werde es aber noch ein paar Jahre dauern. Denn: «Hausaufgaben sind ähnlich stark verwurzelt wie das Notensystem. Sie lassen sich nicht so einfach abschaffen.»

Rolle der Eltern auch an der PH ein Thema

Auch die PH Luzern setzt sich mit dem Thema Hausaufgaben auseinander. «In der Ausbildung gehen wir auf Chancen, aber auch auf die Problematik von Hausaufgaben ein», sagt Marco Wyss. Wyss ist Dozent für erziehungswissenschaftliche Fächer im Studiengang Primarstufe der PH Luzern und begleitet Studierende in Praktika. Das Schwergewicht der Ausbildung liege im Erteilen von sinnvollen Hausaufgaben. Es gehe also weniger um die Frage «Hausaufgaben – ja oder nein», sonder vielmehr darum, die angehenden Lehrpersonen zu einem reflektierten Umgang mit Hausaufgaben zu befähigen. «Es ist unerlässlich, dass die Kinder Aufträge erhalten, die sie versehen und selbstständig machen können.» Die Rolle der Eltern werde ebenfalls thematisiert. «Elterliche Hilfe kann hilfreich, aber auch kontraproduktiv sein», sagt Wyss.

Verschiedene Wege zum selbstständigen Lernen

Die Frage, ob es Sinn macht, die klassischen Hausaufgaben abzuschaffen, ist laut Wyss zwar berechtigt, aber wenig Gewinn bringend. «Vielmehr geht es um die Frage, wie und in welcher Art die fachlichen und überfachlichen Kompetenzen der Kinder gestärkt werden können.» Die Schule müsse und solle selbstständiges Lernen fördern. «Dies lässt sich auf verschiedenen Wegen erreichen. Regelmässige, gut auf die Lernbedürfnisse der Kinder abgestimmte Aufträge können sowohl im Rahmen der Schule als auch zu Hause eingesetzt werden», sagt er.

Zum Argument der Chancengleichheit meint Wyss, dass die Startchancen ungleich verteilt seien. Einige Kinder verfügten zu Hause über keinen geeigneten Arbeitsplatz, müssten Familienaufgaben übernehmen, hätten zeitintensive Hobbys oder Eltern, die aufgrund sprachlicher Barrieren ihre Kinder nicht unterstützen könnten. «Deshalb können Hausaufgaben die Chancenungleichheit verstärken.»

Fest steht auch für Wyss: «Üben und Vertiefen sind wichtige Phasen im Lernprozess.» Ändern würde sich aber mit solchen «Lernzeiten», wie Kriens sie plane, nicht viel. Das Üben in der Schule habe den Vorteil, dass die entsprechende Lernumgebung vorhanden sei. Zudem sei die Verbindung zwischen Unterricht und Hausaufgaben eher gegeben. «Damit das Modell aber funktioniert, braucht es Lehrpersonen, die es mittragen. Und auch die Bereitschaft der Eltern, der Weiterentwicklung der Hausaufgabenthematik eine Chance zu geben.» Deshalb müsse das Modell allen Beteiligten gut erklärt und begründet werden. Zudem sei es wichtig, die Erfahrungen mit dem neuen Modell sorgfältig zu analysieren und auszuwerten.

Zur Frage, ob Hausaufgaben in der Zukunft ausgedient haben, sagt Wyss: «Das wird sich weisen. Es gibt eigentlich keinen Grund, intelligent gestellte, gut vor- und nachbereitete Hausaufgaben gegenüber der integrierten Form auszuspielen. Mit Blick auf die Chancengerechtigkeit und die volle Wochenstundentafel kann man neue Formen wagen.»

Susanne Balli

susanne.balli@luzernerzeitung.ch

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