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Hebammenzentrale vermittelt praktisch gratis: Sie fordert Unterstützung oder zieht die Reissleine

Die Hebammenzentrale Zentralschweiz vermittelt jährlich bis zu 900 Müttern eine Betreuung, praktisch gratis. Beteiligen sich Kliniken und Kanton künftig nicht an den Kosten, ziehen die Hebammen die Reissleine.
Evelyne Fischer
Katrin Hartmann (rechts) ist kürzlich Mutter von Zwillingen geworden. Hebamme Karin Bachmann betreut sie die ersten Monate. Auch im Bild ist Hartmanns Tochter Sophie. (Bild: Nadia Schärli, Altwis, 20. Mai 2019)

Katrin Hartmann (rechts) ist kürzlich Mutter von Zwillingen geworden. Hebamme Karin Bachmann betreut sie die ersten Monate. Auch im Bild ist Hartmanns Tochter Sophie. (Bild: Nadia Schärli, Altwis, 20. Mai 2019)

Obwohl viele Schwangere die Geburt herbeisehnen und das Kinderzimmer seit Monaten eingerichtet ist, geht eines oft vergessen: das rechtzeitige Organisieren einer Hebamme fürs Wochenbett. Hilfe gibt’s in solchen Fällen seit 2000 von der Hebammenzentrale Zentralschweiz: Innert 24 Stunden gleist der Verein eine Lösung auf. 18 Hebammen vermitteln freipraktizierende Berufskolleginnen an Wöchnerinnen – und dies über Jahre gratis. 2017 wurden 661 Hebammen organisiert, in den zehn Jahren zuvor im Schnitt rund 950.

Der markante Rückgang hat einen Grund: Seit 2017 ist die Telefonnummer kostenpflichtig, ein Anruf beläuft sich auf 2,50 Franken pro Minute. Denn: «Eine unentgeltliche Vermittlung auf ehrenamtlicher Basis ist mit Blick auf die zeitliche Belastung nicht mehr tragbar», sagt Vereinspräsidentin Karin Bachmann. Schon vor einem Jahr betonte die Hitzkircherin gegenüber unserer Zeitung: «Wir brauchen künftig ein Modell, das im Rahmen der Grundversorgung die Betreuung aller Frauen sicherstellt und den Hebammen attraktive Arbeitsbedingungen bietet.» Aufgrund der Fallpauschalen werden Mütter seit 2012 meist schon nach drei Tagen aus dem Spital entlassen. 2015 wurde zudem die Wochenbettbetreuung auf 56 Tage erhöht. Bachmann sagt: «Der Arbeitsaufwand pro Frau hat sich erhöht, die meisten freipraktizierenden Hebammen im Kanton sind stark ausgelastet.»

Kommt hinzu: Nach wie vor gibt es zu wenige Ausbildungsplätze, zudem leidet im Kanton Luzern wegen des unbezahlten Pikettdienstes die Attraktivität des Berufs («Zentralschweiz am Sonntag» vom 5. Mai). Kurzum: Längerfristig drohen Engpässe.

Rasche Hilfe dank Online-Anmeldung

Um die Situation zu entschärfen, will die Hebammenzentrale nun im Kanton Luzern ein dreijähriges Pilotprojekt lancieren. Später soll dieses auf die Zentralschweiz ausgeweitet werden. Karin Bachmann sagt:

«Das Versorgungsmodell Hebamme-Zentralschweiz soll dank einer App allen Frauen mit Neugeborenen einen niederschwelligen Zugang zur Betreuung garantieren.»

«Hebamme-Zentralschweiz» orientiert sich an Organisationen in Zürich und Basel. Das Prinzip: Online füllt die Frau oder ihre Hilfsperson ein Formular aus. Vor der Geburt meldet sich innert einer Woche eine Hebamme bei ihr, nach der Geburt innert 24 Stunden.

Für Notfälle, die Überprüfung eingehender Anmeldungen und der Hebammenverteilung soll eine Vermittlungsstelle eingerichtet werden. Ein 60-Prozent-Pensum, verteilt auf drei Stunden täglich, das ganze Jahr über. Zusammen mit der Geschäftsführung, Sozialversicherungsbeiträgen und übrigen Ausgaben rechnet Bachmann mit einem jährlichen Aufwand von knapp 130'000 Franken. Benötigt wird ferner eine Anschubfinanzierung in der Höhe von knapp 120'000 Franken, ein Viertel davon entfällt auf die Anschaffung des Online-Vermittlungssystems. Das Problem ist nun bloss: Wer zahlt dies alles?

Zentrale wünscht sich Sockelbeitrag pro Geburt

Geht es nach der Hebammenzentrale, ist der Fall klar: Die grössten Profiteure sind die Spitäler und die Gemeinden. Ergo sollen sie sich an den Kosten beteiligen – mit 15 respektive 10 Franken pro Geburt. Karin Bachmann sagt:

«In Gesprächen mit Chefärzten und Pflegepersonen wurde unser Modell durchs Band begrüsst.»

Dazu muss man wissen: Bevor die kostenpflichtige Nummer eingeführt wurde, hat in drei Viertel aller Fälle das Luzerner Kantonsspital die Zentrale kontaktiert, um ihren Patientinnen eine Hebamme zu organisieren. Seit 2017 ist es noch ein Drittel – ebenso viele gebären im Kantonsspital und rufen selber bei der Vermittlungsstelle an.

Im Projektbeschrieb von «Hebammen-Zentralschweiz» hält Martin Hafen, Dozent der Hochschule Luzern, fest: Die Vernetzung der Hebammen mit Spitälern und medizinischem Personal sei aus fachlicher Sicht «unverzichtbar» und «ein wichtiges Mittel zur Erreichung sozial benachteiligter und mehrfach belasteter Familien mit und ohne Migrationshintergrund». Diese Gruppe sei besonders auf Hilfe angewiesen, «da sie weniger gut in der Lage ist, die Zeit nach der Geburt vorsorglich zu planen».

Wissenschaftlich fundierten Argumenten zum Trotz: Auf den Teppichetagen findet das Anliegen der Hebammen kein Gehör (siehe Kasten). «Wir versuchen nun noch, Kantonsräte für unser Vorhaben zu gewinnen und werden auch auf Krankenkassen zugehen», so Bachmann.

«Unser Wunsch ist es, 2020 zu starten. Gelingt dies nicht, werden wir spätestens Ende Jahr die Reissleine ziehen und die Hebammenzentrale abschalten.»

Finanzierung ist eine Knacknuss

Es harzt mit der Finanzierung des Projekts «Hebamme-Zentralschweiz»: Eine schriftliche Absage erhielt der Verein Hebammenzentrale Zentralschweiz bereits von der Stadt Luzern, dem Verband der Luzerner Gemeinden sowie dem Zweckverband für institutionelle Sozialhilfe und Gesundheitsförderung.

Auch das Luzerner Kantonsspital (Luks), wo letztes Jahr 3370 Kinder zur Welt kamen, lehnt eine Kostenbeteiligung ab. Man helfe bei Bedarf bei der Vermittlung einer Hebamme, obwohl dies nicht Aufgabe des Spitals sei. «Die Hebammen sind freischaffend und demzufolge selbstverantwortlich bei der Organisation in ihrem Tätigkeitsbereich», sagt Mediensprecherin Angela Lötscher. «Das Luks kann die verschiedenen privaten Organisationen in seinem Umfeld nicht alle mitfinanzieren.»

Noch auf weitere Infos zur Umsetzung des Projekts wartet die Hirslanden-Klinik St. Anna mit rund 800 Geburten jährlich. «Der Entscheid, ob und wie das Projekt unterstützt werden kann, ist noch nicht gefällt worden», so Lukas Hadorn, Leiter der Klinikkommunikation. «Wir haben ein Interesse daran, die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Hebammenzentrale fortzuführen.»

Nicht beteiligen wird sich der Kanton Luzern. Laut Hanspeter Vogler, Leiter der Abteilung Gesundheit beim Gesundheits- und Sozialdepartement (GSD) anerkenne man, «dass das Angebot der Hebammenzentrale einem Bedürfnis entspricht. Es handelt sich jedoch um keine gesetzliche Aufgabe, die der Kanton mit ordentlichen Mitteln mitfinanzieren darf.» Immerhin: 45'000 Franken stellt das GSD aus dem Lotteriefonds in Aussicht. Die Zusage gilt, soweit das Vorhaben zustande kommt und die gesamte Projektfinanzierung sichergestellt werden kann.

Auf die Frage, wer künftig anstelle der Hebammenzentrale die Rolle der Vermittlung übernehmen soll, geben die drei Parteien keine konkrete Antwort.

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