Dank Stiftungs- und Lotteriegeldern sowie viel Goodwill: Hebammenzentrale Zentralschweiz ist vorerst gerettet

Frauen aus der Region können bei der Suche nach einer Hebamme auch in Zukunft auf die Hilfe einer Vermittlungsstelle zählen. Die Finanzierung der Zentralschweizer Hebammenvermittlung ist gesichert – aber nur für ein Jahr.

Evelyne Fischer
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Hebamme Karin Bachmann (links) zu Besuch bei Karin Hartmann, ihren Zwillingen Tim und Eva sowie Tochter Sophie. (Bild: Nadia Schärli, Altwis, 20. Mai 2019)

Hebamme Karin Bachmann (links) zu Besuch bei Karin Hartmann, ihren Zwillingen Tim und Eva sowie Tochter Sophie. (Bild: Nadia Schärli, Altwis, 20. Mai 2019)

Es war eine Zangengeburt, doch der Chrampf hat sich gelohnt: Frauen können bei der Hebammensuche auch 2020 auf die Hilfe einer Vermittlungsstelle zählen. Das ist nicht selbstverständlich. Denn: Die Hebammenzentrale Zentralschweiz, die jährlich bis zu 900 Müttern eine Betreuung verschaffte, stand auf der Kippe (Artikel vom 21. Mai). Seit 2000 gleist der Verein Lösungen auf, 18 Hebammen vermitteln freipraktizierende Berufskolleginnen an Wöchnerinnen – und dies über Jahre gratis. Seit 2017 kostet ein Anruf an die Zentrale 2,50Franken pro Minute.

Weil die fast unentgeltliche Vermittlung auf ehrenamtlicher Basis nicht mehr tragbar sei, will die Hebammenzentrale im Kanton Luzern ein einjähriges Pilotprojekt lancieren. Später soll dieses auf die Zentralschweiz ausgeweitet werden. «Fürs erste Jahr haben wir die finanziellen Mittel nun beisammen», sagt Vereinspräsidentin Karin Bachmann. «In diesen Tagen informieren wir Spitäler und Kliniken.» Die Erleichterung ist gross.

Vermittlungsplattform startet im Februar 2020

Konkret heisst dies: Ende Jahr löst sich der Verein Hebammenzentrale Zentralschweiz auf. «Am 1. Februar wollen wir mit der Vermittlungsplattform www.hebamme-zentralschweiz.ch starten», sagt Karin Bachmann.

«Dank Webseite und App soll das neue Modell allen Frauen mit Neugeborenen einen niederschwelligen Zugang zur Betreuung garantieren.»

Kostenlos. Online füllt die werdende Mutter oder ihre Hilfsperson ein Formular aus. Macht sie das vor der Geburt, meldet sich innert einer Woche eine Hebamme bei ihr, nach der Geburt innert 24 Stunden. Bachmann sagt: «Unser Ziel ist, dass wir mindestens 40 Hebammen im Personalpool haben, über 30 sagten bereits zu.»

Nebst Spenden in der Höhe von 7500 Franken leistet jetzt die Albert Koechlin Stiftung (AKS) einen wichtigen Beitrag zur Anschubfinanzierung. Sie spricht 45'000 Franken für die Anschaffung der App und den Aufbau einer Webseite. «Gemäss Statut setzt sich die Albert Koechlin Stiftung unter anderem für Familien ein und unterstützt Einrichtungen, die diesen Hilfe anbieten», sagt Barbara Renggli, Projektleiterin der AKS.

Gekoppelt ist der Zustupf an die finanzielle Beteiligung des Kantons Luzern. Und an dieser hatten die Hebammen zu beissen: «Gesundheitsdirektor Guido Graf zeigte zwar Verständnis für unser Anliegen, betonte aber, ihm seien die Hände gebunden», sagt Vereinspräsidentin Karin Bachmann.

«Solange die Arbeit der frei praktizierenden Hebammen gesetzlich nicht verankert ist, schiebt jeder die Verantwortung ab.»

Weil die Hebammen hartnäckig blieben und auch den Präventionsaspekt unterstrichen, liess sich dennoch eine Lösung finden: der Lotteriefonds. «Das Gesundheits- und Sozialdepartement anerkennt, dass die Zentrale einem Bedürfnis entspricht und stellt daraus rund 50'000 Franken zur Verfügung», bestätigt Noémie Schafroth, Leiterin der Kommunikation. «Vorausgesetzt, das Projekt Hebamme Zentralschweiz kommt zustande und die gesamte Finanzierung ist sichergestellt.»

Sockelbeitrag pro Geburt: Kantonsspital ziert sich

Alle Wünsche der Hebammen gingen dennoch nicht in Erfüllung: Die bisher grössten Profiteure der Zentrale – das Luzerner Kantonsspital mit knapp 3400 Geburten jährlich und die 83 Gemeinden – werden sich vorerst nicht an den Kosten der Vermittlungsstelle beteiligen. Die Hebammen hofften auf einen Sockelbeitrag von 15 respektive 10 Franken pro Geburt.

Immerhin: Die Hirslanden-Klinik St. Anna in Luzern mit rund 800 Geburten jährlich wird den Sockelbeitrag für ein Jahr leisten. «Als Geburtsklinik wollen wir die Frauen nicht nur während ihres stationären Aufenthalts optimal betreuen, sondern auch sicherstellen, dass sie über die Geburt hinaus in guten Händen sind», sagt Lukas Hadorn, Leiter der Klinikkommunikation, auf Anfrage unserer Zeitung. «Die Hebammenzentrale leistet einen sehr wichtigen Dienst für die Zentralschweizer Bevölkerung. Deshalb werden wir sie finanziell, aber auch mit gemeinsamen Weiterbildungsangeboten und der kostenlosen Nutzung von Räumlichkeiten unterstützen.»

Auf grosses Wohlwollen stiessen die Hebammen auch beim Geburtshaus Terra Alta in Oberkirch: «Terra Alta beteiligt sich ein Jahr lang an den Startkosten, indem das Geburtshaus die Koordination der Hebammenbetreuung unentgeltlich, an sieben Tagen die Woche, übernimmt», sagt Geschäftsführerin Renate Ruckstuhl. Für Notfälle, die Überprüfung eingehender Anmeldungen und der Hebammenverteilung ist eine solche Anlaufstelle vonnöten. Ruckstuhl hält aber fest: «Künftig sollten Spitäler und Gemeinden diese wichtige Dienstleistung finanziell mittragen. Insbesondere, weil die stationären Wochenbettaufenthalte in den Spitälern in den letzten Jahren immer kürzer wurden.» In der «ersten, sensiblen Phase» nach der Geburt bräuchten Mütter eine Ansprechperson, etwa für die Klärung von Stillfragen oder die Pflege der Neugeborenen. Auch sei es Hebammen möglich, Probleme früh zu erkennen und Wiedereintritte ins Spital zu verhindern.

Geldsuche wird auch 2020 die Hauptaufgabe bleiben

Ursprünglich war für das Projekt Hebamme Zentralschweiz eine eigene Vermittlungsstelle vorgesehen. Ein 60-Prozent-Pensum, verteilt auf drei Stunden täglich, das ganze Jahr über. Karin Bachmann, Präsidentin des Vereins Hebammenzentrale Zentralschweiz, rechnete mit einem jährlichen Aufwand von knapp 130'000 Franken – nebst der nötigen Anschubfinanzierung von knapp 120'000 Franken. Sie sagt:

«Bei der Hebammenvermittlung bewegen wir uns mit den jetzigen finanziellen Mitteln noch immer im Bereich der Gratisarbeit, können uns aber wenigstens anständiges Werkzeug anschaffen.»

Das Augenmerk wird daher auch im nächsten Jahr auf der Geldsuche liegen. Karin Bachmann hofft nicht zuletzt auch auf eine Entwicklung auf der politischen Ebene, wo Vorstösse hängig sind (siehe Kasten am Ende des Textes). «Denn angesichts der geplanten millionenschweren Investitionen ins neue Verwaltungsgebäude am Seetalplatz, in den Campus Horw oder das neue Sicherheitszentrum in Rothenburg wirkt unser Anliegen wie ein Witz.»

Linksgrün weibelt für politische Unterstützung

Sowohl im Luzerner Kantonsrat wie auch im Stadtparlament sind Vorstösse zum Projekt hebamme-zentralschweiz.ch hängig: Grüne-Kantonsrätin Noëlle Bucher (Luzern) verlangt vom Regierungsrat, den Aufbau und die Umsetzung des Projekts finanziell sicherzustellen. Gleichzeitig soll er sich auch bei den Gemeinden, Spitälern und Geburtshäusern im Kanton für eine Unterstützung starkmachen. Die Antwort des Regierungsrates auf Buchers Vorstoss wird voraussichtlich im ersten Quartal 2020 veröffentlicht.

Ebenfalls ein Postulat eingereicht hat die Luzerner SP-Grossstadträtin Maria Pilotto: Im «Sinne der frühen Förderung und Investition in die frühe Kindheit» soll der Stadtrat prüfen, «wie er die rasche und lückenlose Betreuung aller in der Stadt wohnhaften Familien im Wochenbett gewährleisten kann». Als eine der Möglichkeiten nennt auch Pilotto die Zusammenarbeit mit der Hebammenzentrale. 

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