HEILIGABEND: «Die Kirche muss ein Gegenpol sein»

Kleinkinderfeier, Familiengottesdienst, Mitternachtsmesse: Seelsorgern steht heute ein Marathon bevor. Drei Pfarreileiter sagen, weshalb das Erzählen der Weihnachtsgeschichte wichtiger ist denn je.

Natalie Ehrenzweig
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Pfarreileiter Franz Zemp in der katholischen Kirche Maihof, damals im Umbau. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 19. Januar 2013))

Pfarreileiter Franz Zemp in der katholischen Kirche Maihof, damals im Umbau. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 19. Januar 2013))

Natalie Ehrenzweig

natalie.ehrenzweig@luzernerzeitung.ch

«Wir sind eine Grossfamilie. Am Nachmittag vor dem Heiligen Abend war die Erwartung sehr gross, man hat sich nach dem Abend gesehnt. Und ich erinnere mich an den Geruch von Lebkuchen – wir mussten immer viel Milch verarbeiten», erzählt Franz Zemp, der seit zwölf Jahren die Pfarrei MaiHof in Luzern leitet. Auch bei Gudrun Dötsch, die seit 19 Jahren mit ihrem Mann in Eich die Pfarrei leitet, steht die frohe Erwartung im Zentrum: «Die Stube war zu, da war das Christkind drin, es gab eine Spannung, alles war besonders, zauberhaft.» Für Markus Müller, Pfarreileiter von Nebikon, war die Mitternachtsmesse der Höhepunkt. «So spät durften wir sonst ja nicht raus.» Danach, gegen 1.15 Uhr, gabs Tee und Guetzli beim Grosi, das im gleichen Haus wohnte wie seine Familie.

Liturgisch ist Weihnachten nicht die wichtigste Feier im Kirchenjahr, sondern Ostern. «Historisch hat man sogar zuerst Ostern gefeiert, erst später kam das Weihnachtsfest dazu», sagt Gudrun Dötsch. Für die meisten sei Weihachten wichtiger, gerade weil es ein Fest im Winter ist, bei dem es auch um Licht gehe, ergänzt Franz Zemp. Und Markus Müller betont: «Ich möchte Ostern und Weihnachten nicht gegeneinander ausspielen. Die zwei Feierlichkeiten sind über das Licht miteinander verbunden.»

In Eich geht das Christkind verloren

Während Müller und Zemp mit den Weihnachtsvorbereitungen meist ab dem ersten Advent beginnen, ist Gudrun Dötsch schon im September aktiv: «Dann bastle ich die Weihnachtskarten fürs Dorf und mache Stimmung für den Ad-hoc-Kinderchor. Ab dem 1. Dezember habe ich mit den Schülern das Krippenspiel eingeübt.» Die Predigt habe dieses Jahr ihr Mann geschrieben. Nur so viel: Dieses Jahr geht das Christkind verloren und wird im Gottesdienst gesucht.

Franz Zemp brennen Themen wie die Wahl von Donald Trump oder die Angst vor Terror unter den Nägeln. «Gerade in den letzten Tagen wurde ich oft gefragt, wie man bei so einer Weltlage denn noch Hoffnung haben könne», sagt er. Zemp ist überzeugt: «Die Kirche muss ein Gegenpol sein. Wir müssen nicht nur reden, sondern handeln.» Der Pfarreileiter vom MaiHof ist auch Seelsorger der Gassenarbeit in Luzern. «Die Weihnachtsgeschichte hat Sprengkraft, sie ist eine clevere politische Geschichte, über einen kontrollierenden römischen Staat sowie eine junge Familie, die den Retter zur Welt bringt am Rand der Gesellschaft», sagt Zemp. Gerade wenn er für die Menschen auf der Gasse spricht, die selber in einer oft ausweglosen Situation sind, müsse er Mut machen: «Die Leute auf der Gasse sind dankbar für diese Geschichte. Wir haben alle ein Urbedürfnis nach Frieden, Geborgenheit, Licht.»

Besonders beliebter Familiengottesdienst

Markus Müller versucht, bei der Weihnachtsgeschichte Jahr für Jahr einen anderen Fokus zu setzen. Dieses Mal gehe es darum, wie es wohl wäre, würde Jesus heute geboren. «Wie würden wir davon erfahren? Wie würde darüber kommuniziert? Heute geht bei uns alles schnell. Ich möchte zu Aufmerksamkeit und Achtsamkeit aufrufen und dazu anhalten, den Moment bewusst wahrzunehmen.» Er dürfte dies vor vollen Kirchenbänken tun. Insbesondere im Familiengottesdienst. «Heute ist das die Hauptfeier. Da kommen auch jene, denen die Mitternachtsmesse zu spät ist. Und auch die Kleinkinderfeier bringt viele Familien mit Kindern in die Kirche.» Im MaiHof erlebe man seit einigen Jahren sogar einen Anstieg der Besucherzahlen an Weihnachten, sagt Franz Zemp. Es kämen Menschen, die vielleicht unter dem Jahr nicht in die Kirche gehen. «Deshalb ist es umso wichtiger, eine Sprache zu sprechen, die alle verstehen.»

Heiligabend ist für Pfarreileiter eine strenge Zeit. Oft steht auch am Weihnachtstag ein Gottesdienst an. Bleibt da noch Musse, um selber Weihnachten zu feiern? Oder hat man auch mal genug? «Genug? Nein! Auf keinen Fall», sagt Gudrun Dötsch lachend. Sie freue sich auf Weihnachten, wenn das Licht ausgehe und die Kinder «Stille Nacht» singen. «Wenn die Feiern mit der Gemeinde fertig sind, feiern wir noch daheim mit Gesang und Bescherung, wie es Tradition ist.»

Auch Franz Zemp möchte die Feiern mit Freunden und Familien an den Tagen nach Heiligabend nicht missen: «Da herrscht immer eine schöne Stimmung.» Markus Müller feiert ebenfalls heute Abend mit den eigenen Kindern, mit Spielen, Musik. Zuvor hilft er mit, die sieben Meter hohe Tanne aufzustellen und die Kerzen mittels Zündschnur zu entflammen. «Das mache ich noch so lange, wie diese Zündschnur produziert wird», sagt er lachend. Während der diesjährigen Weihnachtszeit sicher dreimal.