HEIMKINDER: Kanton Luzern behindert Aufarbeitung

Sensible Personendaten müssen nach 30 Jahren vernichtet werden. Für diese Praxis erntet der Kanton Luzern harsche Kritik. Jetzt will man nochmals über die Bücher.

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Kinder in der Erziehungsanstalt Sonnenberg Kriens, aufgenommen im Jahr 1944. (Bild: Paul Senn/Kunstmuseum Bern)

Kinder in der Erziehungsanstalt Sonnenberg Kriens, aufgenommen im Jahr 1944. (Bild: Paul Senn/Kunstmuseum Bern)

Vernachlässigung, sexuelle Vergehen und brutale Gewalt: Es ist ein düsteres Kapitel, das der Kanton Luzern und die katholische Kirche aufgearbeitet haben – Jahrzehnte nach den systematischen Missbräuchen in Luzerner Kinderheimen. Die Erkenntnisse basieren unter anderem auf historischen Dokumenten und Personenakten aus den Heimarchiven. Genau diese Quellen sind im Kanton Luzern jetzt in Frage gestellt. So gilt bereits seit Sommer 2011 eine neue Regel, wonach soziale Einrichtungen persönliche Akten vernichten müssen – und zwar 30 Jahre nach dem Austritt einer Person aus der Institution. Betroffen sind neben Behindertenheimen auch Heime für Kinder und Jugendliche.

Nicht alles ist fürs Staatsarchiv

Eigentlich schreibt das kantonale Archivgesetz vor, dass öffentliche Einrichtungen sämtliche Unterlagen, die nicht mehr benötigt werden oder deren Aufbewahrungsfrist abgelaufen ist, dem Staatsarchiv anbieten müssen. Dieses bewertet die Unterlagen dann auf ihren Wert und entscheidet, ob sie archiviert werden. Allerdings ist dieses Gesetz relativ allgemein formuliert. Deshalb hat die Luzerner Kommission für Soziale Einrichtungen (Koseg) im Jahr 2011 die Bestimmungen präzisiert. Sie ist zum Schluss gekommen, dass die Pflicht, Akten dem Staatsarchiv anzubieten. Andere, insbesondere medizinische Akten oder Aufzeichnungen über besondere Ereignisse wie Unfälle müssen nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist vernichtet werden. Das ist umso brisanter, als genau diese Dokumente ehemaligen Heimkindern helfen können, ihre Geschichte aufzuarbeiten.

Für Opfer wird die Zeit knapp

Die Weisung der Koseg geht für Jrma Omlin Bolzern «in die völlig falsche Richtung». Sie ist Präsidentin des Kinderschutz-Vereins SEHIN Zentralschweiz, welcher unter anderem Selbsthilfegruppen für Betroffene sexueller Gewalt anbietet. Der Luzerner Historiker Markus Furrer hat für den Kanton die Missbrauchsfälle um Rathausen aufgearbeitet. Über die neue Praxis sagt er: «Das kann zu gravierenden Problemen führen. Für Betroffene kann es schlimm sein, die Erlebnisse nicht mehr rekonstruieren zu können. Gerade medizinische Akten geben Aufschluss darüber, ob und wie die körperlichen Folgen von Misshandlungen dokumentiert worden sind.» Deutlichere Worte findet Beat Gnädinger, Präsident der Schweizerischen Archivdirektorenkonferenz: «Aus fachlicher Sicht müsste man kritisch prüfen, ob sich die Weisung nicht gegen das Gebot richtet, das Handeln eines demokratischen Staats und seiner Organe umfassend und authentisch zu dokumentieren.»

«Vor Vernichtung bewahren»

Ähnlich sieht das die Schweizer Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren (SODK). «Wichtiges und begründetes Anliegen von Seite der Betroffenen ist der Zugang zu ihren persönlichen Akten», sagt Fachbereichsleiterin Veronika Neruda. Darum empfehle die SODK, dass die entsprechenden Akten gesichert und vor der Vernichtung bewahrt werden. Diese Empfehlung bleibt auch in Luzern nicht ungehört. Man wolle die Praxis nochmals überprüfen, sagt Irmgard Dürrmüller. Wann das sein wird, sei noch unklar.

Alexander von Däniken

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