HEIRASSA-FESTIVAL: Treue Fans, sinkende Verkäufe

Zum sechsten Mal ist Weggis am Wochenende vom Ländler-Fieber gepackt: Weit über 10'000 Menschen geniessen im ganzen Dorf die über 30 Konzerten mit 40 verschiedenen Formationen.

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Kapelle Jost Ribary und René Wicki spielen beim Pavillon am See. (Bild Corinne Glanzmann/Neue LZ)

Kapelle Jost Ribary und René Wicki spielen beim Pavillon am See. (Bild Corinne Glanzmann/Neue LZ)

Das Fernsehen zeichnet gleich drei «Hopp de Bäse»-Sendungen auf (werden im September ausgestrahlt), das Radio war gestern zwei Stunden live dabei, als unter anderen die legendäre Kapelle Jost Ribary zu ihrem 100. Geburtstag aufspielte. Fröhliche Menschen, engagierte Musikantinnen und Musikanten. Das in einer Branche, die indes beim Tonträgerverkauf ebenso leidet wie andere. Über massive Verkaufs-Einbrüche klagt vor allem die Pop- und Rock-Sparte: Seit 2002 gingen die Verkaufszahlen um mindestens 50 Prozent runter, bei den Singles sogar bis zu 90 Prozent. Wie steht es denn in der Volksmusik genau?

«Auch wir mussten in den letzten Jahren markante Rückgänge hinnehmen», hält der Schwyzer Ländler-König Carlo Brunner fest. «Es ging maximal ebenfalls bis zur Hälfte gegenüber den früheren Umsätzen nach unten.» Noch gebe es Spitzenverkäufer, wie etwa die Berner Familienformation «Oesch's die Dritten». Diese würden aber lediglich knapp fünf Prozent der Szene ausmachen. «70 Prozent unserer Plattenverkäufe tätigen wir heute an den Konzerten vor Ort», so Brunner weiter. René Wicki von Corema-Records in Oberägeri ZG will «kein grosses Klagelied» anstimmen. «Aber es ist nicht mehr so gut wie früher. Man spürt den Verkaufsrückgang zwar schon, er liegt jedoch nicht so tief wie in der Rock- und Pop-Branche», sagt Jost Ribary-Musiker Wicki.

Handel am Pranger
«Die Volksmusik boomt nach wie vor, besonders in der Zentralschweiz», stellt Jakob Baumgartner vom «Grüezi»-Label in Siebnen SZ fest. «Unser treue Publikum ist nach wie vor da, wir stellen Verkaufsrückgänge, aber keine Einbrüche fest. Das Problem liegt mehr darin, dass wir nicht mehr richtig in den Handel kommen. Dort fehlt es uns an Verkaufsflächen und kompetent beratendem Personal», klagt Baumgartner an. Baumgartner schöpft Hoffnung: «Das legale Runterladen zieht in unserer Branche an. Dieser interessante Markt wird unsere Zahlen langfristig wieder in den ansteigenden Bereich führen.»

Generation Download
Beat Hägger
bestätigt den Download-Trend. «Auch in der Volksmusik wird die Computer-Generation täglich grösser», sagt der Geschäftsführer der Hersteller- und Produzenten-Vertrerorganisation IFPI Schweiz. «Über kurz oder lang wird diese Sparte ihre Online-Produkte stark ausbauen.» Hägger bestätigt weiter: «Der Verkaufsrückgang in der Volksmusik ist markant geringer als im Rock- und Pop-Business. Etwa ähnlich gering wie in der Klassik und teilweise auch beim Jazz/Blues.» Warum? «Weil das Publikum in diesen Sparten eben noch weniger zur computergewohnten Download-Generation gehört», begründet Hägger.

Mit Bligg&Jordi
Was tun, um den Verkaufsrückgang zu stoppen? «Den möglichst nahen Kontakt zu den treuen Fans suchen und den Konzertverkauf forcieren», lautet die Devise von «Hopp de Bäse»-Moderator Kurt Zurfluh aus Weggis. «Vielleicht können wir mit unseren Sendungen dazu beitragen, dass das Kaufinteresse wieder etwas ansteigt.» Man dürfe die Köpfe nicht hängen lassen, meint Gaby Näf von Willi Valotti's Wyberkapelle. «Wenn Rapper Bligg Hackbrett-Virtuose Nicolas Senn und Schlagerstar Francine Jordi den Jodlerclub Wiesenberg entdecken, ist die Volksmusik lebendiger denn je.» «Unsere Volksmusik besticht immer noch mit seiner Qualität, es ist und bleibt ein Qualitätsprodukt», erklärt Gaby Näf von Willi Valottis Wyberkapelle. «Optimistisch bleiben», rät der Luzerner Regierungsrat Anton Schwingruber, der sowohl klassische wie auch volkstümliche Musik mag und von sich von den sinkenden Verkaufszahlen «sehr erstaunt» zeigte. «Das Beste ist es wohl, man stellt sich darauf eins und entwickelt neue Verkaufsstrategien in Richtung moderne Bezugsquellen wie das Internet.»

André Häfliger