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HELLBÜHL: Diese Steinplatte erzählt von längst vergangenen Zeiten

Beim Bau eines Mehrfamilienhauses sind die Arbeiter auf etwas Aussergewöhnliches gestossen: Eine mehrere tausend Jahre alte Felsplatte aus der Eiszeit.
Noah Knüsel
In Hellbühl wurde diese 300 Quadratmeter grosse Felsplatte mit Gletscherschrammen entdeckt. Darauf liegt ein 15 Tonnen schwerer Findling. (Bild Pius Amrein)

In Hellbühl wurde diese 300 Quadratmeter grosse Felsplatte mit Gletscherschrammen entdeckt. Darauf liegt ein 15 Tonnen schwerer Findling. (Bild Pius Amrein)


Der Geologe Klaus Louis aus Weggis staunt nicht schlecht, als er wegen Abklärungen zu Wasserproblemen an eine Baugrube in Hellbühl gerufen wird: «Ich habe schon über 300 Baugruben geologisch begleitet, aber ein so gut erhaltenes Relikt aus der Eiszeit habe ich in unserem Raum bisher noch nicht gesehen.» Vor ihm liegt eine 300 Quadratmeter grosse, glatt geschliffene Felsplatte, überzogen mit Gletscherschrammen. Als wäre er extra dort drapiert worden, liegt in der Mitte ein grosser Findling wie auf dem Präsentierteller. Der Findling ist laut Bauherr Hans Bachmann der grösste von mehreren Lastwagenladungen, die aus der Grube geschafft wurden: «Das war Moräne pur!»

Mehrere glückliche Zufälle

Das Einmalige an diesem Fund sind laut Klaus Louis nicht einmal die Spuren an sich: Im Prinzip sähe der ganze Untergrund des ehemals von Gletschern bedeckten Mitteleuropa so aus. Damit aber eine zusammenhängende Platte mit solch gut sichtbaren und schön ausgeprägten Schrammen in einer Baugrube freigelegt wird, müssen eine Reihe von glücklichen Zufällen zusammenspielen: Das Gestein muss genügend hart sein, der Aushubbagger darf nichts zerstört haben, und nicht zuletzt muss jemand vor Ort sein, der den geologischen Wert einer solchen Platte einzuordnen weiss. Louis: «Ich bin ja selbst nur durch Zufall dazugestossen. Möglicherweise existieren Dutzende solcher Baugruben, doch niemand bemerkt oder meldet es.»

Bei Bauherr Bachmann, selbst ehemaliger Gymnasial-Sprachlehrer mit Geologieaffinität, kribbelte es schon ein wenig im Bauch, als er die Platte und die Findlinge zum ersten Mal sah. Aber erst als der Geologe zur Baustelle kam und hell begeistert war, wurde ihm wirklich bewusst, was da für ein Fund gemacht worden war.

Die Platte selbst besteht zum grössten Teil aus Sandstein und Nagelfluh, wie man ihn zum Beispiel auf der Rigi findet. Die grösseren, annähernd runden Einbuchtungen stammen von massiveren Steinbrocken, unter denen mehr Wasser hindurchspülte, wodurch der Fels über die Zeit stärker verwitterte. Ursprünglich kommt der Findling höchstwahrscheinlich aus der Brienzer Gegend. Der Brünig-/Aaregletscher, welcher aus Brienz/Marbach floss, trug den Steinbrocken über 60 Kilometer weit aus den Voralpen heraus.

Findling ist über 10 000 Jahre alt

Für sein Alter hat sich der Findling aber gut gehalten: Er stammt aus der Würm-Eiszeit, ist ungefähr 12 000 bis 15 000 Jahre alt. Die Würm-Epoche war die letzte Kaltzeit, die Europa erlebt hat, 400 bis 800 Meter dick lag das Eis damals auf dem felsigen Untergrund. Darüber lebten typische Eiszeittiere, so zum Beispiel Höhlenbären oder Mammuts. Für die Menschen war das Klima jedoch zu frostig, sie zogen in eisfreie Gebiete in Richtung Frankreich. Bis in den Aargau war alles vom Eis zugedeckt. Dort findet man heute schöne Endmoränen.

Auch die Zentralschweizer Landschaft wurde stark vom Fluss der Gletscher geprägt. Im Raum Meggen oder im Gebiet zwischen Hertenstein und Greppen existieren schöne Gletscherlandschaften. Typisch hierfür sind Seitenmoränen (Schutt, der am seitlichen Gletscherrand abgelagert wurde), Drumlins (tropfenförmige, längliche Hügel aus Gletscherablagerungen) und Rundhöcker (vom Gletscher rundgeschliffene, felsige Geländeköpfe). Die Seen sind ein weiteres Beispiel für das Wirken der Gletscherzungen. Im Prinzip sind alle Zentralschweizer Seen von Gletschern ausgeschliffen worden. Besonders eindrücklich: Das Felsrelief des Vierwaldstättersees reicht bis auf Meerestiefe und sogar noch ein Stück darunter. Allerdings beträgt die durchschnittliche Tiefe heute aufgrund von Ablagerungen «nur» gerade 104 Meter.

Sprengung ist nötig

Zurück nach Hellbühl: Die Felsplatte muss demnächst gesprengt werden, da unter dem neu entstehenden Mehrfamilienhaus ein Keller entstehen soll. Dies bedauern sowohl der Geologe als auch der Bauherr zutiefst. Klaus Louis: «Es ist sehr schade, aber da kann man nichts machen. Wenigstens hatten wir die Gelegenheit, diese Spuren der Vergangenheit für eine kurze Zeit zu bestaunen.» Und auch Hans Bachmann will die Eis-Zeitzeugen nicht in Vergessenheit geraten lassen: Er wird im Treppenhaus Fotos der Felsplatte aufhängen, um die Erinnerung mit den künftigen Bewohnern zu teilen.

Übrigens: Der Findling ist noch zu haben. Wer ihn gerne zu sich nehmen und in seinen Garten stellen möchte, kann ihn in den nächsten Tagen in Hellbühl abholen. Mitzubringen sind allerdings einige Freunde und ein grosses Fahrzeug: Das gute Stück wiegt rund 15 Tonnen.

Noah Knüsel

Bei Bauarbeiten wurde in Hellbühl eine Felsplatte entdeckt, welche Spuren eines Gletschers aufweist. (Bild: Pius Amrein (Neue LZ))
Der Geologe Klaus Louis beim Fachsimpeln mit dem Architekten Ruedi Sorg. (Bild: Hans Bachmann)
Der Findling aus dem Alpenmassiv weist viele Gletscherkratzer auf, für die sich der Geologe Klaus Louis interessiert. (Bild: Hans Bachmann)
Der Star auf der Gletscherplatte. (Bild: Hans Bachmann)
Die Gletscherplatte wird gereinigt. (Bild: Hans Bachmann)
Die Reinigung der Gletscherplatte. (Bild: Hans Bachmann)
6 Bilder

Zeuge der Eiszeit: Gletscherplatte in der Baugrube


Mehr Bilder aus Hellbühl finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/bilder

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