Glosse
Ein männlicher Aufruf zum Fasnachtsverzicht erhält ganz plötzlich weiblichen Support

Politiker und Fasnachtsgewaltige appellieren an die Luzerner Bevölkerung, auf die rüüdigen Tage und das närrische Treiben zu verzichten. Äussern sich in der Videobotschaft zunächst neun Männer, tauchen einen Tag später ganz plötzlich auch Frauen auf.

Roseline Troxler
Roseline Troxler
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Der Appell in der angepassten Version.

Quelle: Kanton Luzern

«Liebe Luzernerinnen und Luzerner, liebe Fasnächtler, ich weiss, die Fasnacht ist das Grösste, auch für mich», sagt Justiz- und Sicherheitsdirektor Paul Winiker in die Kamera, nachdem er seine Schutzmaske mit Fasnachtsmotiv abgelegt hat. «Mit der Coronaseuche können wir die Fasnacht nicht durchführen. Geht Langlaufen, geht Spazieren, geht an die frische Luft», zeigt der Regierungsrat auch gleich ein mögliches, gesundheitsschonenderes Alternativprogramm auf.

Reich geschmückt mit ihren geheimnisvollen Insignien und mit ernster Miene treten Schlag auf Schlag Politiker, Behördenmitglieder und Fasnächtler vor die Kamera. Ob Daniel Medici, Zunftmeister der Zunft zu Safran, Weyzunftmeister Rolf Birchler oder Hirsmändigbote Guido Bucher im Schneegestöber – sie alle drücken im vom Kanton Luzern verbreiteten Video ihr Bedauern über den nötigen Fasnachtsverzicht aus. Dabei wird deutlich: Hygiene-Maske und Grend, das geht einfach nicht zusammen. Ein dramatischer Appell von Dani Abächerli, Präsident des Luzerner Fasnachtskomitees, bringt die Stimmungslage der Fasnachtsgewaltigen auf den Punkt:

«Liebe Fasnächtler, auch uns blutet das Herz ganz fest. Aber bitte seid vernünftig.»

Zu Wort kommen auch ein Tuba spielender Luzerner Stadtrat Adrian Borgula, ein bastelnder Maurus Frey, Stadtrat von Kriens, oder ein musizierender Hitzkircher Gemeindepräsident David Affentranger. Was auffällt: Egal ob Vertreter der Politik oder des fasnächtlichen Adels, Winikers Support ist allsamt männlich. Zumindest bis am Freitagnachmittag.

25 Stunden nachdem der Kanton das Video online stellte, folgt eine aktualisierte Version. Plötzlich sprechen da auch drei Frauen in die Kamera. Die Luzerner Stadträtin Franziska Bitzi Staub, die letztes Jahr noch als Fasnachts-Virus unterwegs war, Galli-Mutter Susann Hartmann und die Wikoner Gemeindepräsidentin Michaela Tschuor. Was ist bloss passiert? Darüber lässt sich nur rätseln. Fakt ist: Die Fasnacht ist halt in Luzern seit jeher fest in Männerhand.

Zu leuchten beginnen die Augen der Appellierenden, wenn sie an die Fasnacht 2022 denken. Eine ganz rüüdiges Spektakel muss das werden. Da wird nachgeholt, auf was heuer solch schweren Herzens verzichtet werden muss. Gut möglich, dass die Fötzeli-Menge beim Urknall verdoppelt oder verdreifacht wird. Da werden Grende zu sehen sein, wie manch Luzerner sie nicht für möglich gehalten hätte. Mit den Worten von Paul Winiker:

«Nächstes Jahr gilt erst recht: Wir werden die Fasnacht wieder feiern, wie es sich gehört.»

Und vielleicht sind dann ja sogar wir Frauen von Anfang an mit von der Partie.