HERDENSCHUTZ: Die Alp ist zu gross für die Herdenschutz-Lamas

Ein Wolf hat fünf Schafe gerissen, die von Lamas bewacht wurden. Haben die Lamas versagt? Nein, sagen Fachleute.

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Hier bewachen Lamas auf der Alp Gfellen im Entlebuch eine Herde mit Lacaune-Milchschafen. (Bild: Keystone/Sigi Tischler)

Hier bewachen Lamas auf der Alp Gfellen im Entlebuch eine Herde mit Lacaune-Milchschafen. (Bild: Keystone/Sigi Tischler)

Es geschah letzte Woche, vermutlich in der Nacht auf Mittwoch. Auf der Alp Schlund (Schrattenfluh) in Escholzmatt riss ein Wolf fünf Schafe. Obs der Wolf M20 war, der seit längerem im Gebiet Entlebuch und Obwalden unterwegs ist, ist noch nicht bekannt. «Die Auswertung der DNA-Proben dauert zwei bis drei Wochen», sagt der kantonale Wildhüter Daniel Schmid. Zudem hänge die Zuverlässigkeit des Ergebnisses von der Qualität der DNA-Probe ab. «Je nachdem, wie alt die Tierkadaver waren und wie sauber das DNA-Material ist, kann eine klare Zuordnung schwierig werden», weiss Schmid. Er geht aber davon aus, dass es wohl der Wolf M20 war.

Lamas wachen seit letztem Sommer

Eigentlich hätte der Wolf gar nicht so nahe an die Schafe herankommen dürfen. Zwei Lamas hätten dies verhindern sollen. Seit letztem Jahr werden die aus Südamerika stammenden Tiere testweise zum Herdenschutz in verschiedenen Teilen der Schweiz eingesetzt. Denn Studien hätten gezeigt, dass sie Kojoten abschrecken könnten. Zudem sind sie neugierig und gehen auf ein fremdes Tier, wie etwa einen Wolf, zu, wenn dieses sich einer Herde nähert.

Haben die Lamas nun versagt? Nein, sagen die Beteiligten. Die Ursache liegt anderswo: «Einerseits ist die Alp Schlund mit 100 Hektaren sehr gross, dazu hügelig und unübersichtlich», sagt Schmid. Das Hauptproblem aber: «Die rund 250 Schafe stammen von zirka 25 verschiedenen Haltern und bilden keine homogene Herde.» Die einzelnen Herden würden sich deshalb zerstreuen, weshalb es für die Lamas unmöglich sei, alle im Auge zu behalten.

René Riedweg aus Escholzmatt ist der Besitzer der Lamas. Er bestätigt die Aussage von Schmid. Lamas müssten sich zudem während des Winters in eine Schafherde integrieren. «Bei 25 Haltern war das nicht möglich, die Lamas haben nur einige Wochen im Winter mit der einen Herde verbracht», sagt er. Diese Herde sei auch geschützt gewesen. «Dort, wo die Lamas präsent waren, hat der Wolf auch keine Schafe gerissen», hält Riedweg fest.

Dies gelte auch für die Alp Schafschimbrig bei Finsterwald, wo ebenfalls zwei Lamas eine Schafherde bewachen. «Die Herde dort ist homogen und die Lamas integriert, die Tiere bleiben stets zusammen.» Riedweg ist von der Wirkung der Lamas weiterhin überzeugt, auch deshalb: «Vor zwei Jahren habe ich den Wolf eines Morgens inmitten meiner Lamaherde entdeckt. Passiert ist nichts, die Lamas sind ihm sogar hinterhergelaufen.»

Risse sind «nicht erstaunlich»

Das Pilotprojekt mit den Lamas läuft seit letztem Sommer unter der Führung von Agridea, der Schweizerischen Vereinigung für die Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums. Daniel Mettler, Leiter Fachstelle Herdenschutz von Agridea, bestätigt, dass die Alp Schlund für den Herdenschutz durch Lamas eigentlich nicht geeignet ist. «Insofern ist es eher erstaunlich, dass der Wolf nicht bereits letztes Jahr dort Schafe gerissen hat», sagt er offen. Man habe versucht, verschiedenartige Betriebe für das Projekt zu finden, um die Grenzen und Möglichkeiten der Lamas auszuloten. «Für uns war von Anfang an klar, dass auf der Alp Schlund die Voraussetzungen sehr schwierig sind. Auch Herdenschutzhunde könnten unter diesen Bedingungen wenig bewirken.»

Im Idealfall müssten gemäss Mettler die Schafe aller Besitzer erst auf kleineren Flächen zu einer homogenen Herde zusammenwachsen, damit Herdenschutzhunde oder allenfalls Lamas die Herde schützen könnten.

Finanziell wird das Pilotprojekt unter anderem auch vom Kanton Luzern mitgetragen. Auch Heinrich Wachter von der kantonalen Koordinationsstelle Herdenschutz sagt: «Man kann nicht sagen, die Lamas hätten versagt.» Zwar gebe es einige Fragen, die man nun seriös abklären müsse. «Ein Ansatz wäre vielleicht, auf der Alp Schlund mehr Lamas einzusetzen.» Wegen des Vorfalls werde der Kanton nun aber nicht vom Projekt abspringen, «ein Fazit ziehen wir Ende Saison».

Wachter ergänzt: «Sicher sind Hunde für den Herdenschutz grundsätzlich effektiver.» Der Kanton trage das Projekt aber mit, weil es mit Herdenschutzhunden teilweise Probleme gegeben habe. Diese erschrecken öfters Wanderer und Touristen. Ausserdem sind Hunde viel teurer im Unterhalt.

Auch Agridea wird erst Ende Saison Bilanz ziehen. Der Vorfall von letzter Woche liefert gemäss Mettler auch keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse. «Wir werden in Zukunft aber vielleicht noch deutlicher davon abraten, Lamas einzusetzen, wo die Bedingungen nicht geeignet sind.»

Vier Lamas, zehn Hunde

Im Kanton Luzern sind insgesamt vier Lamas im Einsatz (Schlund und Schafschimbrig). Am Pilotprojekt sind zudem vier Betriebe in St. Gallen, zwei in Freiburg sowie je einer in Graubünden, in der Waadt und im Tessin beteiligt. Im Vergleich dazu: Im Kanton Luzern wachen zehn und in Ob- und Nidwalden drei Hunde über Tierherden.

Wölfe sind in der Schweiz derzeit rund 20 unterwegs, wie der eidgenössische Jagdinspektor Reinhard Schnidrig sagt. «Ganz genau wissen wir das natürlich nicht. Wir bestimmen die Zahl anhand von genetischen Analysen, Beobachtungen sowie von Schäden, welche die Tiere verursachen.» Abgesehen vom Wolf M20 sei in der Zentralschweiz kein weiterer bekannt. Weitere Wölfe gibt es im Calanda-Massiv bei Chur (das erste Rudel mit rund acht Tieren) sowie in anderen Teilen Graubündens, im Goms (zwei), im Tessin und im Berner Oberland.

Guy Studer