HERDENSCHUTZ: Sie untersuchte das Lama-Experiment

Priska Ineichen schrieb ihre Bachelorarbeit über Lamas, die Schafherden beschützen. Dazu ging sie im Sommer auf Beobachtungstour auf Alpweiden.

Florian Weingartner
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Studentin Priska Ineichen (22) mit den Tieren, die sie einen Sommer lang beobachtet hat. Fotografiert auf der Lama-Farm Riedweg in Escholzmatt. (Bild: Boris Bürgisser)

Studentin Priska Ineichen (22) mit den Tieren, die sie einen Sommer lang beobachtet hat. Fotografiert auf der Lama-Farm Riedweg in Escholzmatt. (Bild: Boris Bürgisser)

Mit Lamas statt Hunden Schafherden schützen. Dieser Versuch wurde im Sommer vergangenen Jahres gemacht. Im Rahmen eines Pilotprojekts der Fachstelle Herdenschutz der Landwirtschaftsorganisation Agridea wurden sechs Lamas eingesetzt. Die ETH-Studentin Priska Ineichen (22) aus Hochdorf wertete die Versuche auf der Alp Schlund (Schrattenfluh), in Gfellen (Finsterwald) und auf der Alp Champillon (Col des Mosses) in ihrer Bachelorarbeit in Umweltwissenschaften aus.

Dazu verbrachte sie pro Betrieb je zwei Tage zu Beginn und am Ende der Sömmerung auf der Weide und beobachtete das Verhalten der Lamas und der Schafe. «Ich achtete vor allem auf die Interaktionen zwischen den Tieren. Welchen Abstand halten die Lamas zur Schafherde, bleiben sie in Sichtkontakt, beschnuppern sie sich, oder verjagen sie die Schafe – all dies schrieb ich auf. Damit der Herdenschutz funktioniert, müssen Schafe und Lamas zu einer Herde werden», sagt Priska Ineichen.

Keine Risse auf den drei Weiden

Doch genau das hat zumindest auf der Alp Schlund, die rund 100 Hektaren umfasst, nicht wie gewünscht geklappt. «Die Lamas wurden erst kurz vor der Sömmerung in die Schafherde integriert», sagt die Hochdorferin, das sei wohl etwas zu spät gewesen. So seien auf der grossen Alp Schlund die Lamas und die Schafe grösstenteils getrennte Wege gegangen. Besser hat die Integration auf den kleineren Weiden in Gfellen und auf der Alp Champillon funktioniert. «Bei der waadtländischen Herde hat sich der Lama-Wallach besonders stark um die Lämmer gekümmert.»

Die Frage, ob die von ihr beobachteten Lamas Wirkung gezeigt haben, sei nicht mit Sicherheit zu beantworten. Zumindest habe es auf den drei Alpen keine gerissenen Schafe gegeben. «Auf der benachbarten Alp der Alp Schlund gab es im Sommer Risse, auf der Alp Schlund selber hingegen nicht. Der Besitzer der Weide in Gfellen hatte zudem im Gegensatz zu den Vorjahren keine Probleme mehr mit streunenden Hunden», sagt Priska Ineichen. Aus dem kleinen Pilotversuch mit vier Betrieben, von denen sie drei genauer beobachtet hat, könnten jedoch nach streng wissenschaftlichen Kriterien keine allgemeingültigen Schlüsse gezogen werden. Immerhin wiesen die langjährigen Erfahrungen in den USA und in Aus­tralien darauf hin, dass Lamas gegen Kojoten und streunende Hunde Wirkung zeigen.

Am Dienstag präsentierte Priska In­eichen ihre Ergebnisse den beteiligten Schafbesitzern, Lamazüchtern sowie Vertretern der Organisation Agridea des Kantons Luzern. «Das Interesse an einer Weiterführung des Projekts ist von allen Seiten vorhanden», so Priska Ineichen.

Daniel Mettler, Leiter der Fachstelle Herdenschutz bei Agridea, sagt: «Wir haben am Dienstag bereits entschieden, dass wir das Projekt weiterverfolgen wollen. Welche Betriebe mitmachen werden, ist aber noch offen. Ziel ist es, auch den Schutz von Ziegenherden zu erproben.» Verbesserungspotenzial gebe es bei der Integration und Selektion der Lamas, so Mettler. «Die Tiere brauchen einen starken Charakter mit Abwehrverhalten, um ihre Schutzfunktion wahrzunehmen.» Grundsätzlich wäre eine ständige Integration von Lamas in Schafherden möglich. «Die beiden Tierarten haben dieselben Bedürfnisse. Ein grosser Vorteil der Lamas gegenüber den Schutzhunden», erklärt Priska Ineichen. Für Hunde müsse extra Futter auf die Alp gebracht werden. Während ein Lama pro Arbeitsjahr rund 300 Franken kostet, wird für einen Schutzhund mit Kosten von rund 1500 Franken gerechnet. Ein weiterer Vorteil sei die Vermeidung von Konflikten mit Wanderern. «Die Lamas beobachteten die Wanderer, gingen auch neugierig auf diese zu. Wenn die Wanderer Hunde dabeihatten, gingen die Lamas auf sie zu, worauf die Hunde den Schwanz einzogen und zu den Besitzern zurückkehrten», erzählt sie. Probleme habe es dabei keine gegeben.

Hatte Priska Ineichen zu Beginn des Projekts noch gar keinen Bezug zu den aus den Anden stammenden Tieren, so kann sie sich inzwischen auch vorstellen, in Zukunft mal «ein Lama oder besser ein Paar» zu besitzen, wie sie mit einem Lächeln sagt. «Mich fasziniert der Gegensatz zwischen der Neugier der Tiere und gleichzeitig der distanzierten Unabhängigkeit von den Menschen.» Zwar seien sie Nutztiere, ihre wilde Seite sei aber noch spür- und sichtbar.

Interesse spät erwacht

Priska Ineichen ist passionierte Klarinettistin, wohnt wochentags in Zürich, ist aber noch immer in der Feldmusik Hochdorf aktiv. Sie wuchs auf einem Landwirtschaftsbetrieb mit Mutterkuhhaltung auf, den ihr älterer Bruder später übernehmen wird. «Im Zwischenjahr machte ich den Landdienst und verbrachte zweieinhalb Monate auf einer kanadischen Farm.» Die Begeisterung für die Thematik ist ihr im Gespräch anzusehen. Insbesondere das Entlebuch hat es der Seetalerin angetan, wie sie sagt: «Irgendwie zieht es mich immer wieder hierher.» Schon ihre Maturaarbeit hatte den Auenwald in der «Ämmematt» entlang der Kleinen Emme vor Wolhusen zum Thema. Im Rahmen ihres Studiums befasste sie sich auch schon mit der ­Biodiversität in Marbach. «Mich interessiert das Konfliktfeld zwischen der Natur und der Nutzung derselben.» Ihr Master­studium, welches Priska Ineichen nach erfolgreichem Bachelorabschluss angehen will, soll in dieselbe Richtung gehen. Beruflich könnte sie sich eine Tätigkeit in der Agrarberatung vorstellen. Am ­liebsten an der Grenze zwischen wilder Natur und landwirtschaftlicher Kultivierung.