HERGISWIL AM NAPF: Hier gedeihen die Ricola-Kräuter

Bevor die berühmten Ricola-Zältli auf den Markt kommen, müssen dreizehn ausgewählte Kräuter wachsen. Die Familie Theiler in Hergiswil am Napf pflanzt einen grossen Teil davon an.

Rahel Schnüriger
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Alois Theiler (vorne) jätet mit seiner Frau Rösy und der Praktikantin Enikö György Apfelminze. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Alois Theiler (vorne) jätet mit seiner Frau Rösy und der Praktikantin Enikö György Apfelminze. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Neben dem Klappern der Hacken sind nur das Zirpen der Grillen und ein paar Kuhglocken zu hören, die ennet dem Hügel weiden. Alois und Rösy Theiler jäten derweil schweigend zusammen mit der rumänischen Praktikantin Enikö György. Die Kräuterfelder liegen direkt neben ihrem Hof in Hergiswil am Napf, abseits von jedem städtischen Trubel. «Jäten ist eine schöne Arbeit», sagt Rösy Theiler, 72 Jahre alt. «Es ist ein schönes Gefühl, wenn wir das saubere Feld danach verlassen.»

Die Luft ist durchsetzt mit dem Geschmack der Pfefferminze, der jetzt, kurz vor der Blüte, einen Höhepunkt erreicht hat. Das Kraut wird also bald geschnitten. Immer wieder bückt sich der 73-jährige Alois Theiler tief, um das Beikraut, wie er es nennt, direkt an der Wurzel zu packen. «Unkraut gibt es für mich keines», sagt Theiler, «denn jedes Kraut ist für etwas gut.» Das Spitzgras, das er gerade in der Hand hält, könnte auch für Tee verwendet werden, und die Blüte der weissen Winde hilft gegen Fieber. Doch die heilende Wirkung der Kräuter überlässt er lieber den Drogisten.

Stattdessen konzentriert sich Theiler auf die saubere Arbeit, die er dem weltberühmten Abnehmer Ricola schuldig ist. Nur 1 Prozent «fremde» Kräuter werden bei der Lieferung toleriert. Die Kräuteranbaugenossenschaft Luzerner Hinterland baut zehn der dreizehn Sorten für Ricola an. In die bekannten Zältli gehören «Frauenmantel, Eibisch, Bibernelle, Spitzwegerich, Malven» und noch einige mehr. «Alles sollte man ja nicht verraten», sagt Alois Theiler. Dabei entwischt dem sonst eher sachlichen Mann ein Lachen.

Bild: Pius Amrein / Neue LZ
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Vom Vortrag zum Geschäftsmodell

Dass Hergiswil heute als Kräuterdorf gilt, ist massgeblich auf Theiler zurückzuführen. Vor 27 Jahren ging er ins Dorf an einen Vortrag des Bauernverbandes, wo über Kräuter referiert wurde. Die Grossverteiler möchten mehr Tee aus Schweizer Kräutern verkaufen, hiess es damals. Bis dahin mussten die Detailhändler den Tee aus Kräuteranbau von Deutschland, Österreich und Italien verkaufen. Für den jungen Familienvater eine interessante Lösung: Denn der Hof, den er von Rösys Eltern übernehmen konnte, bot keine Existenz für eine Familie. «Ausserdem wollte ich schon immer etwas machen, was der Nachbar nicht auch macht», sagt der 73-Jährige verschmitzt. Garantien und Erfahrung gab es in diesem Bereich keine, die Familie Theiler musste sich den Kräuteranbau erst beibringen und tüfteln, welche Pflanzen wie reagieren. Auch die Abnehmer mussten sie selber finden. Alois Theiler amtete daraufhin 25 Jahre lang als Präsident der Kräuteranbaugenossenschaft Luzerner Hinterland und engagierte sich auch in der schweizerischen Arbeitsgemeinschaft. Hergiswil wurde touristisch bald nicht mehr als Goldsucher-, sondern fortan als Kräuterdorf vermarktet.

1,5 Tonnen Tee verarbeitet

Im Nachhinein hat sich die Veränderung auf dem Hof gelohnt: Nicht nur, weil Rösy gerne jätet und Alois in der Pause die Kirschen direkt ab dem Baum pflücken kann. Sondern auch, weil ihr Sohn Martin Theiler mit seiner Familie den Betrieb erfolgreich weiterführt. Mittlerweile verarbeiten sie eineinhalb Tonnen Tee und über 10 000 Flaschen Sirup im Jahr und bieten zudem Führungen im Schaugarten an. Neben dem Verkauf von Kräutern an die Ricola erreicht die Napfkräuter GmbH den grössten Teil des Umsatzes durch direkte Vermarktung von eigenen Produkten.

Auf die Farbe kommts an

Dafür landen die geernteten und zerkleinerten Kräuter erst für drei bis vier Tage in der 32 Grad heissen Trocknungsmaschine. Rösy Theiler füllt das Ergebnis daraufhin in grosse Säcke und steckt diese zur Entkeimung in den Tiefkühler. Einmal pro Woche mischt sie schliesslich Pfefferminze, Zitronenmelisse, Lindenblüte und Schlüsselblüemli zum beliebten «Napfkräuter-Tee» und andere Kombinationen der insgesamt zehn Teesorten, die es auch in die Regale von Migros und Landi geschafft haben. Dabei schaut sie nicht zuletzt, dass die Farbe stimmt: Deshalb gehören neben den geschmacksintensiven Kräutern ebenso die orangen Ringelblumen, violetten Malven und dunkelroten Goldmelissen dazu.