HERGISWIL BEI WILLISAU: Im Spital fand er Traumberuf und Frau

Nach 33 Jahren als Hausarzt verabschiedet sich heute Hanspeter Rölli in den Ruhestand. Er erzählt, wie er als junger Mann zum Arztberuf kam – und warum ihn der Pfarrer lieber im schwarzen statt im weissen Kittel gesehen hätte.

Roger Rüegger
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Hanspeter Rölli in seiner ehemaligen Arztpraxis. (Bild: Dominik Wunderli (Hergiswil bei Willisau, 5. Mai 2017))

Hanspeter Rölli in seiner ehemaligen Arztpraxis. (Bild: Dominik Wunderli (Hergiswil bei Willisau, 5. Mai 2017))

Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch

Das Sprechzimmer in Hanspeter Röllis Praxis ist einfach, gemütlich und strahlt Ruhe aus. Auf dem Pult liegen Büroutensilien, ein Kinderbuch und ein Blutdruckmessgerät. Der 66-Jährige ist seit 33 Jahren Hausarzt in Hergiswil bei Willisau. Bei unserem Besuch am Donnerstag hat er noch einen Arbeitstag vor sich. Danach geht er in Pension. Heute Morgen wird er von der Gemeinde und Patienten in der Steinacherhalle verabschiedet.

«Die Wertschätzung und die Dankbarkeit meiner Patienten mir gegenüber sind überwältigend und beeindruckend», sagt Rölli. Auf die Frage, ob man ihn nicht zum Weitermachen motivierte, sagt er: «Doch, man hätte mich noch lange gewünscht.» Daraus wird nichts. Der passionierte gelegentliche Töfffahrer hat seine Praxis vor drei Monaten an den deutschen Arzt Thomas Haehner übergeben. «Ich war seitdem in einem 50-Prozent-Pensum bei ihm angestellt, habe aber voll gearbeitet. Ab dem Übergabedatum war für mich die Situation jedoch befreiend.»

Zu Beginn seiner Tätigkeit war Rölli Tag und Nacht für die Patienten da. Seit dem Eintritt in die Notfallpraxis am Spital in Wolhusen 2010 hatte sich einiges geändert. Nachtpikett und Wochenenddienst sind seitdem geregelt und werden auf mehrere Ärzte aufgeteilt – so hatte er etwas mehr Freiraum. Wobei er sich nie beklagte. Im Gegenteil: «Je länger ich als Hausarzt tätig war, desto mehr war ich überzeugt, den richtigen Beruf gewählt zu haben. Ich würde wieder alles genauso machen. Vor allem habe ich die Patienten immer mehr ins Herz geschlossen.» Nun sei aber die Zeit gekommen, zurückzutreten. Er habe zwar den schönsten Beruf der Welt, aber es sei ihm auf Dauer nicht mehr möglich, Top-Leistungen zu bringen. «Die Ermüdung hielt irgendeinmal Einzug. Die geistige Frische und schnelle Entscheidungsfähigkeit nehmen langsam ab.» Seit Sommer 2015 habe er einen Nachfolger gesucht. Die Praxis schliessen zu müssen, wäre ihm schwergefallen. «Ich war der erste Hausarzt in Hergiswil. Inzwischen habe ich viele Patienten, denen ich es schulde, sie in neue Hände zu übergeben», sagt der gebürtige Willisauer.

Andere Pläne als der Dorfpfarrer

Aufgewachsen ist Rölli mit vier Geschwistern auf einem Bauernhof. Er sei ein braver Bub gewesen, der gerne zur Schule gegangen sei. «Das merkten meine Eltern, der Pfarrer und die Lehrer. Bald war für die Eltern und die Willisauer Geistlichkeit klar, dass ich studieren müsse. Studieren hiess damals nichts anderes, als Pfarrer werden», so der Mediziner. Er habe aber bereits als Zehnjähriger gewusst, dass das nichts werden würde. Auch dass er von den Eltern und vom Pfarrer nach Einsiedeln ans Kollegium geschickt wurde, änderte nichts. «Das war sogar gut. Die Matura wollte ich abschliessen.»

Mit 18 habe er dann den Eltern und der Geistlichkeit gebeichtet, dass er nicht Theologie studieren werde. Die Eltern hätten die Nachricht noch gut auf­genommen, der Pfarrer jedoch habe seine bodenlose Enttäuschung nicht verheimlichen können und ihn verachtend nach Hause geschickt. «Ich aber fühlte mich befreit», sagt Rölli lächelnd.

Er habe sich danach für ein Studium als Tierarzt entschieden, weil er mit der Landwirtschaft verbunden sein wollte. Im zweiten Jahr entschied er sich aber, den Beruf Hausarzt zu lernen. «Ich will mich für Menschen engagieren. Meine Eltern glaubten zwar nicht so recht daran, waren aber sehr erfreut, als der Studiengang problemlos Fahrt bekam.»

Wolhusen und Sursee als wichtige Anlaufstellen

Es war genau das Richtige. 1978 konnte er das Studium mit dem Staatsexamen abschliessen und die Doktorarbeit eingeben. Die Assistenzzeit absolvierte er an den Spitälern Wolhusen und Sursee. Diese Spitäler waren für ihn nicht nur Ausbildungsstätten, sondern später wichtige Anlaufstellen für Problemfragen und natürlich Einweisungen. Im Spital Sursee lernte er auch seine heutige Frau Denise kennen.

Sehr verbunden ist er aber mit dem Spital Wolhusen. «Mit seinen kollegialen und zuvorkommenden Kaderärzten war Wol­husen wie ein schützender Bal­dachin über meiner späteren Praxis.» Eine spezielle Begegnung hatte er dort mit einem Bekannten. «Als ich in der Chirurgie arbeitete, erfuhr ich, dass der Pfarrer aus Willisau, der mich damals in die Wüste schickte, als Patient auf der Medizin lag. Ich ging zu ihm, um ihn zu begrüssen.» Der Pfarrer sah ihn muffig an. «Dann sagte er, dass mir Weiss gut stünde, Schwarz aber dennoch besser gewesen wäre ...»

Gegen Ende 1983 wurde Rölli von der Gemeinde Hergiswil kontaktiert, weil man einen Hausarzt suchte. «In den Verhandlungen ging es vor allem um den Standort und die Räumlichkeiten», erinnert er sich. Im Juni heiratete er seine Denise, und im August 1984 eröffnete er die Praxis. «Mit gemischten Gefühlen, ich wusste ja nicht, ob das Unterfangen gelingen würde.» Es funktionierte. Zu Röllis Überraschung suchten auch viele Leute aus der Umgebung den Weg in seine Praxis. «Ich wurde sofort akzeptiert und erlebte 33 schöne Jahre.»

Was jetzt komme, sei auch gut, meint Rölli. Nun habe er Zeit zu joggen, zu biken, vermehrt aufs Motorrad zu steigen und mit Kollegen Touren zu machen. Und vor allem möchte er viel lesen. Zuerst verreist der zweifache Vater (Patrizia, inzwischen auch Ärztin, und Nathanael) mit seiner Frau für zehn Tage nach Griechenland. «Die griechische Geschichte und Mythologie, die ich im Gymnasium lernte, hat mich immer sehr angesprochen.»