HERGISWIL: Ein edler Riese wacht über das Napfdorf

Die Pfarrkirche St. Johannes der Täufer ist ein wahres Monumentalwerk. Ihre Masse stellt so manche Landkirche in den Schatten.

Evelyne Fischer
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Blick in den Innenraum der klassizistischen Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Hergiswil bei Willisau. 1840 fand die Grundsteinlegung statt. (Bild Manuela Jans-Koch)

Blick in den Innenraum der klassizistischen Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Hergiswil bei Willisau. 1840 fand die Grundsteinlegung statt. (Bild Manuela Jans-Koch)

Es gibt kaum einen Winkel im 1870 Einwohner zählenden Hergiswil bei Willisau, von dem aus man keinen Blick auf die Pfarrkirche mit dem 63 Meter hohen Turm erhaschen kann: Die Dimensionen von St. Johannes dem Täufer sind beeindruckend. 54 Meter lang, 23 Meter breit und im Innern 15 Meter hoch, gilt sie als klassizistischer Monumen­-tal­bau, der im Kanton seinesgleichen sucht. Stuckaturen mit verspielten Blattmotiven überspannen das Gewölbe, betonen die Weite des Raumes. Dazwischen Deckenbilder in kräftigen Farben, edle Kronleuchter darunter. Dunkel sind nur die Hoch- und die Seitenaltäre sowie die langen Holzbänke, auf denen 400 Leute Platz haben.

Spärlich dokumentiert

Seit 1605 ist Hergiswil als eigenständige Pfarrei in den Annalen verzeichnet – zuvor war die Gemeinde nach Willisau kirchgenössig. Um 1800 wuchs das Dorf am Fusse des Napfs auf 2500 Einwohner an. «Alle restlos katholisch», sagt Robin Marti. Der 19-jährige Hergiswiler, Aktuar im Pfarreirat und Lektor («ich schätze die gute Akustik der Kirche»), hat die spärlichen Akten zusammengetragen, nachgeforscht und die Ergebnisse niedergeschrieben. «Taufe, Erstkommunion, Firmung – mit der Hergiswiler Kirche verbinde ich viele prägende Erlebnisse», sagt Marti. «Gotteshäuser interessieren mich.» Dem Berner Münster könne keine andere Kirche das Wasser reichen.

Zurück zu Hergiswil: Anfang 19. Jahrhundert platzte die 1577 erbaute Kapelle auf dem Kreuzmätteli aus allen Nähten. «Zudem missfiel gewissen Personen ihr Standort vis-à-vis dem Wirtshaus, vermutlich vor allem der Geistlichkeit.» Man entschied sich für einen Neubau auf der Storchenmatte. 1840 wurde der Grundstein gelegt, zwei Jahre später war der Bau vollendet. Ein Relikt der alten Kapelle ist wohl im Chor zu finden: Die Schnitzereien im Gestühl zeigen frühbarocke Formen. «Dies spricht dafür, dass dem heutigen Gestühl ein älteres zu Grunde liegt», sagt Marti.

Die Pläne von St. Johannes stammen von Josef Weibel – er war auch Baumeister der Kirche von Vitznau. Weibel orientiert sich am damals gängigen Singer-Purtschert-Schema. Diese Baumeisterfamilien haben im Kanton zahlreiche Kirchen errichtet. Ihr Markenzeichen: grosse einschiffige Hallenkirchen mit doppelgeschossiger Empore und Nordturm. Charakteristisch sind schräge oder nischenförmige Überleitungen, die das Kirchenschiff mit dem Chor verbinden – so zu sehen in Lu­thern, Ettiswil, Ruswil, Schüpfheim oder Dagmersellen. Hier wich Weibel vom Schema ab: Im Napfdorf erfolgt dieser Übergang rechtwinklig.

Bunte Zeiten durchgemacht

Die Pfarrkirche wechselte während knapp 80 Jahren ihr Kleid. «1903 war man offenbar der Meinung, eine Empore reiche, und entfernte die zweite», sagt Marti. Zugleich erhielten die Fenster Glasmalereien, Wände und Stuckaturen kamen plötzlich in Gelb- und Rottönen daher, ein Küchenkachel-Muster dominierte die Bodenplatten. Der Ursprungszustand wurde von 1978 bis 1980 im Laufe von 3,5 Millionen Franken teuren Sanierungsarbeiten wiederhergestellt – jedenfalls fast. Den Raum zwischen den Emporen wollte Hergiswil nun als Pfarreisaal nutzen, der sich mit Schiebewänden vom Kirchenschiff abtrennen lässt. Um genügend Raumhöhe zu erhalten, wurden die Säulen unter der ersten Empore gestutzt. Mit Blick auf die noch heute weisslich erkennbare Schnittlinie sagt Marti: «Nicht die glücklichste Lösung.»

An den 3,5 Millionen Franken hatte Hergiswil zu nagen – und die nächsten grossen Arbeiten stehen bereits an: Für 2017 ist eine Fassadensanierung geplant. Kostenpunkt: 1,3 Millionen Franken. Am 14. März stimmt die 1600 Mitglieder zählende Kirchgemeinde darüber ab. Marti hofft, dass sich die nötigen finanziellen Mittel finden lassen. «Ein solches Werk muss für die Nachwelt erhalten bleiben.»

Hinweis

Quellen: Unsere Kunstdenkmäler; Robin Marti, Die Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Hergiswil.

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