Hertenstein
Vermächtnis aus Beton und Melodien: Kanton Luzern will für 15,45 Millionen Franken Komponistenvilla kaufen

Der Kanton Luzern will die Villa des Komponisten Sergei Rachmaninoff kaufen. Damit wären nicht nur die Nachkommen zufrieden.

Alexander von Däniken
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Die Villa Senar soll bald öffentlich zugänglich sein – aber nicht im Rahmen grosser Festivals.

Die Villa Senar soll bald öffentlich zugänglich sein – aber nicht im Rahmen grosser Festivals.

Bild: Kanton Luzern

Das Haus ist so aussergewöhnlich wie sein Bauherr. Die Villa Senar, in den 1930er-Jahren auf der Weggiser Halbinsel Hertenstein gebaut, gilt mitsamt Park und Gärtnerhaus als bedeutende Zeugin des Bauhausstils in der Schweiz und steht unter Denkmalschutz. Bauherr war der russische Komponist, Dirigent und Pianist Sergei Rachmaninoff, der in der Villa zu alter Kreativität zurückfand. Jetzt soll die Liegenschaft in staatlichen Besitz übergehen: Der Luzerner Regierungsrat beantragt beim Kantonsparlament, einem Kredit von 15,45 Millionen Franken zuzustimmen.

Der parteilose Regierungspräsident Marcel Schwerzmann, Bildungs- und Kulturdirektor, äusserte sich am Mittwoch vor den Medien überzeugt von dem vorgesehenen Kauf: «Die Gelegenheit, ein so vollständig und lebendig erhaltenes kulturhistorisches Ensemble zu erwerben, ergibt sich äusserst selten. Das ist ein Glücksfall und zugleich eine kulturelle Verpflichtung für Luzern.»

Stiftung kümmert sich um kulturelles Angebot

Gemäss den Plänen der Regierung soll die Anlage Senar als Kulturzentrum etabliert werden, das mit einem vielfältigen Programm unterschiedliche Zielgruppen ansprechen und die Musikstadt Luzern ergänzen und bereichern soll. Der Kanton Luzern wird als Eigentümer die Sanierung und den Unterhalt der Liegenschaft sicherstellen sowie die Villa für die Veranstaltung kleinerer Anlässe selber nutzen oder Veranstaltern zur Verfügung stellen.

Das eigentliche kulturelle Angebot soll von der Stiftung Serge Rachmaninoff organisiert werden. Seit ihrer Gründung im Jahr 2000 kümmert sich diese um die Liegenschaft und führt bereits heute kulturelle Angebote in der Villa durch. Grosse Anlässe mit viel Platzbedarf und grossem Publikum eignen sich nicht für die Villa Senar, wie Stiftungspräsident Urs Ziswiler erklärte. «Aber das öffentliche Interesse ist riesig.» Darum werde eine möglichst breite Nutzung in den Bereichen Vermittlung, Talentförderung, Aufführungen sowie Tourismus angestrebt.

Eine Stiftung, vier Kinder und keine Auszahlungsmöglichkeit

Die Nutzung des Gebäudes als Kulturzentrum entspricht dem letzten Wunsch von Rachmaninoffs Enkel Alexandre, der bis zu seinem Tod 2012 in der Villa gelebt hat. Der Regierungsrat will mit dem Kauf aber auch eine Erbschaftssituation lösen, die so komplex ist wie der dritte Satz von Rachmaninoffs zweitem Klavierkonzert. Alexandre hinterliess als gesetzliche Erben eine Ehefrau und vier Kinder. Die Witwe hat aus dem Erbe im Sinne von Vermächtnissen eine Auszahlung erhalten und in der Folge auf weitere Erbschaftsansprüche verzichtet.

Das sieht das Testament vor

  • Die vier Kinder werden auf den Pflichtteil gesetzt.
  • Die Stiftung Serge Rachmaninoff wird als Erbin für die freie Quote eingesetzt und soll die Villa Senar sowie 15 Prozent an den Urheberrechten (Tantiemen) erben. Aber unter der Bedingung, dass sie innert fünf Jahren die gesetzlichen Erben entsprechend ihrem Pflichtteil ausbezahlt. Kann die Stiftung dies innert der vorgegebenen fünf Jahre nicht aus eigenem Vermögen oder aus den der Stiftung zufliessenden Tantiemen leisten, ist sie gehalten, finanzielle Unterstützung bei Dritten zu suchen.
  • Kann die Stiftung die Bedingung nicht erfüllen, erbt der Kanton Luzern die Villa Senar und 15 Prozent der Urheberrechte (Tantiemen) mit der Auflage, in der Villa Senar ein Kulturzentrum zur Dokumentation des Werks von Serge Rachmaninoff zu errichten und regelmässig Veranstaltungen mit hohem kulturellem Wert in der Villa zu organisieren.

Kanton soll Villa kaufen und Erbschaft ausschlagen

Nun hat die Stiftung in den letzten Jahren vergeblich versucht, Mittel aus dritter Hand aufzutreiben. Auch Kontakte in Russland führten laut Stiftungspräsident Ziswiler nicht zum Erfolg. Deshalb sei es die beste Lösung, wenn der Kanton die Liegenschaft kaufe. Der Preis habe sich wegen des Denkmalschutzes und der kulturellen Auflage in den letzten Jahren reduziert, wie Marcel Schwerzmann betonte.

Hinsichtlich der Rolle des Kantons ist unklar, ob er überhaupt Erbe oder Vermächtnisnehmer werden kann. Die Regierung schreibt in der Botschaft an das Parlament: «Die unklaren Vorgaben im Testament eröffnen dem Kanton Luzern die einmalige Gelegenheit, das Anwesen zu einem vorteilhaften Preis direkt aus dem Nachlass zu übernehmen.» Kaufe der Kanton die Villa vor dem Entscheid über Annahme oder Ausschlagung der Erbschaft, könne er sich aus einer allfälligen erbrechtlichen Auseinandersetzung zwischen Stiftung und den gesetzlichen Erben heraushalten. Entsprechend soll die Erbschaft nach Abschluss des Kaufes ausgeschlagen werden. Dafür verzichtet der Kanton auf Einnahmen durch Urheberrechte.

Diese Tantiemen versiegen in der Regel 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Wegen vieler Ausnahmen im Ausland würden laut Ziswiler aber noch bis etwa 2028 Einnahmen verzeichnet. Mit den vier Nachkommen und der Stiftung hat sich der Kanton geeinigt. Von den 15,45 Millionen Franken sind 8 Millionen für den Kauf der Villa Senar inklusive Mobiliar und Inventar vorgesehen. Rund 1,45 Millionen Franken werden für Grundstückgewinnsteuern und Gebühren benötigt, sowie je rund 3 Millionen für eine Sanierung und den Unterhalt während zehn Jahren.

Das Kantonsparlament wird am 6. Dezember über den Kauf der Villa entscheiden. Genau bis zu jenem Tag will das Teilungsamt Weggis wissen, ob der Kanton die Erbschaft annimmt oder ausschlägt. «Wir sind daran, eine Fristverlängerung zu vereinbaren», so Schwerzmann. Nach dem Kantonsratsentscheid läuft eine 60-tägige Referendumsfrist. An Tag 61 könne der Kauf besiegelt und mit den Renovationsarbeiten begonnen werden.