HERTENSTEIN: Villa Senar: Kanton prüft Denkmalschutz

Bis Ende Jahr soll die Villa des ehemaligen Komponisten und Pianisten Sergei Rachmaninoff zu einem Kulturzentrum werden, so verlangt es das Testament seines Enkels. Die Rachmaninoff-Stiftung setzt nun aber ein Fragezeichen hinter den Zeitplan.

Roseline Troxler
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Exklusiver Einblick in die Villa Senar in Hertenstein, dem Zuhause des Pianisten Sergei Rachmaninoff. Das Haus mit Seeanstoss (unten eine Ansicht von 1936) ist ein Zeugnis der Bauhausstil-Architektur. (Bilder: PD)

Exklusiver Einblick in die Villa Senar in Hertenstein, dem Zuhause des Pianisten Sergei Rachmaninoff. Das Haus mit Seeanstoss (unten eine Ansicht von 1936) ist ein Zeugnis der Bauhausstil-Architektur. (Bilder: PD)

Roseline Troxler

roseline.troxler@luzernerzeitung.ch

SR – die Initialen des russischen Komponisten und Pianisten Sergei Rachmaninoff empfangen den Besucher bereits bei der Tür zum schlichten Bau der Villa Senar in Hertenstein. Rachmaninoff liess das Gebäude, das auf einem 20000 Quadratmeter grossen Grundstück steht, 1933 bauen. Es hat einen direkten Anstoss an den Vierwaldstättersee. Die Bauhausstil-Architektur ist für jene Zeit in der Region einzigartig. Im Innern offenbart sich eine Mischung aus russischer Nostalgie und modernen Bauhauselementen.

Seit bald fünf Jahren steht das Gebäude, das Rachmaninoff zwischen 1934 und 1939 während des Sommers mit seiner Familie bewohnt hatte, nun leer. Doch das soll sich ändern. Grund ist das Testament von Sergeis Enkel Alexander Rachmaninoff Conus. Der letzte Besitzer der Villa Senar verstarb im November 2012. Sein testamentarischer Wille ist, dass die einstige Residenz Rachmaninoffs bis Ende Jahr öffentlich zugänglich wird (wir berichteten). Werden sich seine vier Erben und die von Rachmaninoff gegründete Stiftung nicht einig, geht das Anwesen an den Kanton Luzern über. Laut Stiftungspräsident Urs Ziswiler sind die Verhandlungen noch im Gang. Die Stiftung stellt nun allerdings den Zeitplan in Frage, wie er erläutert: «Ein Gutachten kommt zum Schluss, dass ab Ende Jahr nach einer Lösung gesucht und nicht dass mit den neben der Stiftung als Erben eingesetzten vier Kindern eine Einigung gefunden werden muss.» Die Stiftung wartet nun auf die Stellungnahme der Erben.

Ein Streitpunkt bei den Verhandlungen ist der Wert der Villa. Eine Marktschätzung hat für das Haus und den Garten einen Wert von 18 Millionen Franken ergeben, plus 4 Millionen Franken für das Inventar. Ziswiler betont: «Es handelt sich dabei aber um einen hypothetischen Preis, denn die Villa steht unter kommunalem Denkmalschutz.» Ein kommerzieller Verkauf widerspreche dem testamentarischen Willen. Komme hinzu, dass die Villa bald auch vom Kanton unter Denkmalschutz gestellt werden könnte. Karin Pauleweit, Leiterin der Dienststelle Hochschulbildung und Kultur, bestätigt, dass «die kantonale Denkmalpflege zurzeit prüft, ob bei der Villa Senar aus fachlicher Sicht eine Unterschutzstellung angezeigt ist».

Villa soll kein Museum werden

Interesse an der Residenz gibt es laut Ziswiler nach wie vor seitens Rachmaninoffs Heimatland Russland, das die Villa als russisches Kulturerbe erhalten will. «Wir stehen über einen Pianisten in Kontakt mit der russischen Regierung», sagt Ziswiler. Ihm selbst schwebt für die Villa Senar dereinst ein russisch-schweizerisches Kulturzentrum vor, bei dem es um einen kulturellen Austausch gehe. Doch dies sei – nicht zuletzt wegen der angespannten politischen Lage – Zukunftsmusik, so der ehemalige Schweizer Botschafter in den USA. Bekanntlich finde zwischen den beiden Ländern ein intensiver Kulturaustausch statt. «Namen wie Dostojewski, Strawinsky, Skrjabin, Kandinsky, Trezzini und selbstverständlich Rachmaninoff seien hier genannt», erzählt Ziswiler.

Ausgeschlossen sei für ihn, dass die einstige Residenz Rachmaninoffs zu einem täglich geöffneten Museum werde. «Das wäre finanziell nicht tragbar.» Vielmehr soll gemeinsam mit regionalen Organisationen das Werk Rachmaninoffs gefördert werden, und es sollen Konzerte oder Wettbewerbe in Hertenstein stattfinden. Dort, wo Rachmaninoff nach einer längeren Pause zum Komponieren zurückfand. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs liess er sich dann ganz in den USA nieder.

ETH analysiert Kosten für Originalzustand

Zurück in die Gegenwart. Derzeit läuft ein Projekt der ETH Lausanne. Rachmaninoffs Enkel Alexander hat im Haus Veränderungen vorgenommen. So hat er die Bäder modernisiert oder Teppiche verlegt. «Studenten analysieren nun, wie hoch die Kosten sind, um das Gebäude wieder in den Originalzustand zu setzen», führt Ziswiler aus. Der Stiftungspräsident rechnet mit Kosten zwischen 1,5 und 3 Millionen Franken.

Ausserdem sind derzeit Historiker aus Amsterdam damit beschäftigt, alle Dokumente in der Villa zu archivieren und zu digitalisieren. Es handelt sich um Tausende Fotos, Partituren und gar detaillierte Rechnungen zum Bau der Villa. «Die Dokumente haben einen enormen historischen Wert», sagt Ziswiler.

Tantiemen decken die Unterhaltskosten

Trotz vieler offener Fragen gibt es in einem Punkt seit kurzem Klarheit: bei den Tantiemen. Sie fallen an, wenn irgendwo auf der Welt ein Stück von Rachmaninoff gespielt wird. «Gemeinsam mit den Erben haben wir eine Konvention unterzeichnet», sagt Ziswiler. Knapp ein Drittel der Tantiemen gehe nun an die Stiftung. «Damit können wir einen minimalen Unterhalt an Haus und Garten sicherstellen.» Die Regelung gelte aber nur bis Ende Jahr. Für den Unterhalt, die Sanierung und die allfällige Auszahlung der Anteile an die Erben ist die Stiftung auf der Suche nach Sponsoren. Ziswiler zeigt sich optimistisch.