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Heute beginnt für Luzerner das harte Leben als Grenadier

Für die neuen Rekruten soll der Militärdienst attraktiver werden. Deshalb sind die ersten Wochen der Ausbildung lockerer als in der Vergangenheit. Jasha Bättig aus Alberswil wird davon wenig haben: Am Montag rückt er in die Grenadier-RS ein. Für ihn kein Grund zum Jammern: «Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig.»
Kilian Küttel
Am Montag rückt Jasha Bättig in die Grenadier-Rekrutenschule in Isone ein. (Bild: Boris Bürgisser, Alberswil, 14. Juni 2018)

Am Montag rückt Jasha Bättig in die Grenadier-Rekrutenschule in Isone ein. (Bild: Boris Bürgisser, Alberswil, 14. Juni 2018)

Sie schiessen und schlagen. Sie stürmen Häuser, werfen Granaten. Sie rennen, kämpfen, schwitzen, schleppen und leiden. Sie finden es toll: die Grenadiere. Zusammen mit den Fallschirmaufklärern, dem Sonderkommando AAD10 und dem Spezialdetachement der Militärpolizei bilden sie die Spezialkräfte der Schweizer Armee. In der Kaserne von Isone (TI) werden sie geformt, gefordert und gedrillt. Ihr Leitspruch: «Semper fidelis!» – immer treu. Ihr Symbol: die Granate, die in Flammen steht.

Ein Aufkleber mit diesem Motiv prangt an der Stossstange eines schwarz-grauen Seat Leon Cupra, der vor einem Einfamilienhaus in Alberswil steht. Das Auto gehört Jasha Bättig, 19 Jahre alt, gelernter Carrosserie-Spengler und ab Montag Rekrut bei den Grenadieren. Es ist ein Donnerstagnachmittag, Mitte Juni. Bättig sitzt am Stubentisch, aufrecht, die Hände vor sich verschränkt. Sie sind gross wie Buchdeckel – und passen gar nicht zum Körperbau des jungen Mannes: gross, schlank, athletisch – die Venen auf den Unterarmen zeichnen sich ab wie das Relief auf einer Landkarte. Gefasst sitzt Bättig da und spricht darüber, was ihn erwartet, wenn er sein neues Leben antritt: «Viele meiner Freunde haben gefragt, ob ich wahnsinnig sei», sagt der 19-Jährige. Und lächelt. Wissend, was ihm blüht. «Aber wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig. Ich will etwas fürs Leben lernen.»

Wer Grenadier wird, muss das wollen

Bättig ist einer von 153 Männern, die übermorgen bei den Grenadieren einrücken müssen, 16 davon stammen aus der Zentralschweiz. Die Armee rechnet damit, dass etwa 145 tatsächlich kommen. Es gibt immer einige, die kurz vor dem RS-Start abspringen, beispielsweise, weil sie sich verletzt haben.

«Ich bin froh, aufgenommen worden zu sein» Jasha Bättig

Aus Faulheit wird sich aber wohl keiner drücken. Denn im Gegensatz zu anderen Truppengattungen werden die Rekruten nicht einfach bei den Grenadieren eingeteilt. Wer Grenadier wird, muss das wollen. Aufgeboten werden nur Freiwillige, welche die ersten Hürden der harten Selektion übersprungen haben. Diese beginnt mit den Abklärungen an der Rekrutierung. Am Sporttest sind 90 von 125 möglichen Punkten die Voraussetzung, um überhaupt in die engere Auswahl zu kommen. Diesen Test absolvieren alle, egal welcher Truppengattung sie später angehören. Bättig übertraf die Mindestanforderung, erreichte 100 Zähler. Und das, obwohl er zu Beginn gar nicht den Wunsch hegte, Grenadier zu werden. «Die Idee kam mir erst an der Rekrutierung selber. Ich habe also mein Bestes gegeben und bin froh, aufgenommen worden zu sein.»

Drei von vier schaffen die Ausbildung

Dabei weiss Bättig, dass er erst am Anfang eines langen Weges ist, der abrupt enden könnte. In den ersten elf RS-Wochen warten 21 Prüfungen mit über 100 Teilwertungen auf ihn. Will er bestehen, muss er im Durchschnitt mindestens die Note «gut bis sehr gut» erreichen. Hinzu werden laut der Armee die sozialen Kompetenzen mitberücksichtigt, ebenso gilt es, die Abschlussübung zu bestehen. Für viele ein Stolperstein: Gemäss Militärangaben überstehen etwas mehr als zwei Drittel der Grenadier-Rekruten die erstem elf Wochen. Die anderen werden umgeteilt, weil sie die Leistung nicht erbringen. Das ist auch Bättig klar: «Ich gehe dorthin und lasse alles auf mich zukommen. Natürlich hoffe ich, die Ausbildung zu schaffen. Aber einfach wird es sicher nicht.»

Wenn Bättig etwas sagt, wählt er seine Worte mit Bedacht, blickt aus freundlichen Augen und spricht mit einer tiefen Stimme, die beruhigend auf das Gegenüber wirkt. Man wird das Gefühl nicht los, dass man dem ehemaligen Jungschützen problemlos eine schwere Waffe anvertrauen kann. Damit erfüllt er die Anforderungen der Schweizer Armee.

Militär für Männer, nicht für Buben

Seit Jahren ist sie erpicht darauf, die Grenadiere von ihrem Rambo-Image loszulösen. «Für die Aufgabe als Grenadier werden Personen gesucht, die auch in Stresssituationen ruhig bleiben, eine hohe Lernfähigkeit haben und sich gut in ein Team integrieren können», sagt Armeesprecher Stefan Hofer. Gut, die physischen Anforderungen wiegen zweifelsohne schwerer: Wer beim Intelligenztest fünf von zehn Punkten erreicht, ist dabei.

Die Ausbildung ist körperlich knüppelhart. Wochenlang werden die Grenadiere im Nah- und Fernkampf ausgebildet, geschliffen und an ihre Leistungsgrenzen gebracht – immer unter Zeitdruck, und mit einem giftigen Schlafmangel in den Knochen. Militär für Männer, nicht für Buben. «Der Stress und der wenige Schlaf machen mir am meisten Sorgen», sagt Bättig.

«Jokertage gelten auch für die Grenadiere.»
Stefan Hofer, Armeesprecher

Das ist ein weiterer Unterschied zur herkömmlichen RS: Die Armee will, dass weniger Rekruten die Ausbildung abbrechen, weshalb sie per 1. Januar die Anforderungen angepasst hat. In anderen Truppengattungen werden die Neo-Rekruten in den ersten Wochen sanft an den militärischen Alltag gewöhnt: Auf den Märschen tragen sie Turnschuhe, sechs Stunden Schlaf sind sichergestellt, zudem haben sie zwei Jokertage zu gute, die sie einsetzen können, um sich freizunehmen. Diese gelten gemäss Armee-Sprecher Hofer auch für die Grenadiere, Märsche in Turnschuhen werden sie aber keine absolvieren.

Lange Hosen, langes Oberteil, 25 Kilo Gepäck

Als Bättig einige Monate vor dem RS-Beginn zur zweiten Selektionsrunde antritt, muss er nochmals seine Athletik unter Beweis stellen, wird erneut medizinisch und psychologisch durchleuchtet. Dabei fragt ihn ein Psychologe, ob er wisse, auf was er sich einliesse. Bättig gibt sich entschlossen, macht keinen Rückzieher.

«Damals wurde uns auch gesagt, wie wir uns vorbereiten sollen», sagt Bättig. Damit war er die Wochen vor dem RS-Beginn beschäftigt. Jedoch hat er sich nicht im Fitnessstudio gestählt oder auf der Rennbahn geschwitzt. Neo-Rekrut Bättig ging Wandern - in langen Hosen, mit langärmligem Oberteil und 25 Kilogramm Gepäck im Rucksack. Die Bedingungen sollten so realitätsnah wie nur möglich sein – so lautet auch die Empfehlung der Armee.

Die Familie ist stolz

Gross unterschied sich die Vorbereitung nicht vom normalen Leben. Denn in seiner Freizeit wandert der ehemalige Fussballer gerne und viel, häufig zusammen mit seinem Vater. Wie hat dieser reagiert, als er von den Plänen des Juniors erfuhr? Der Vater, selber ehemaliger Infanterie-Offizier, sei stolz gewesen auf seinen Spross. Gleiches gelte für die Freundin, mit der Bättig seit gut eineinhalb Jahren zusammen ist. Und auch die Mutter hat sich für ihren Filius gefreut, «obwohl ich nicht weiss, ob ihr klar ist, was ich da genau machen werde», so Bättig.

Am meisten gefreut haben dürfte sich aber Jasha Bättigs Onkel, der selber Grenadier war. Von ihm hat der 19-Jährige auch den Aufkleber mit der Granate, der sich an der Frontstossstange seines Autos befindet. Am Heck prangt übrigens ein anderer Sticker: «Echte Tuner rasen nicht», steht dort. Im Fall von Jasha Bättig glaubt man das.

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