Hier lernen hochbegabte Luzerner Kinder das Programmieren von Roboter Thymio

Für hochbegabte Luzerner Primarschulkinder gibt es seit diesem Schuljahr spezielle Ateliers. Die Nachfrage übertrifft das Angebot. Darum will man die Spezialkurse ausbauen. Wir haben ein solches Atelier besucht.

Yasmin Kunz
Drucken
Teilen
Mia Pluta (8) zeigt Lehrerin Janine Küng, wie sie den Roboter programmiert hat.

Mia Pluta (8) zeigt Lehrerin Janine Küng, wie sie den Roboter programmiert hat.

Bilder: Boris Bürgisser

«Ich glaube, dieser Roboter ist da, um Tiere zu filmen», sagt Aiden Bryan (10). «Oder vielleicht wird er für die Höhlenforschung eingesetzt», gibt Nicolas Hunziker (11) zu bedenken. Die Kinder zwischen der 3. und 6. Primarklasse denken eifrig mit, wenn es darum geht, herauszufinden, wofür die von der Lehrerin gezeigten Roboter eingesetzt werden.

Wir befinden uns nicht in einer regulären Schulklasse, sondern in einem Atelier für hochbegabte Kinder im Berufsbildungszentrum für Bau und Gewerbe am Luzerner Bahnhof. Dieses Angebot der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern gibt es seit dem laufenden Schuljahr. Total umfasst das Förderangebot acht verschiedene Ateliers im Kanton Luzern: von Robotik, Chinesisch, Philosophie bis hin zu Kunst. Die Ateliers sind eine Ergänzung zu den bestehenden Förderangeboten in der Regelschule. Die verschiedenen Kurse finden das ganze Jahr einmal wöchentlich während der regulären Schulzeiten statt.

Das Angebot richtet sich an Schülerinnen und Schüler, die hoch- oder höchstbegabt sind. Von Hochbegabung spricht man in der Regel, wenn ein Kind einen Intelligenzquotienten zwischen 130 und 145 aufweist. Ein bestimmter IQ oder Noten als Aufnahmekriterium für die Ateliers gibt es aber nicht. Lehrer und Eltern klären in der Regel gemeinsam ab, ob ein Förderangebot geeignet ist.

Nachfrage übertrifft Angebot

Die Ateliers werden von der Dienststelle Volksschulbildung organisiert. Christian Wyss, Abteilungsleiter Schulbetrieb 1, begrüsst diese Art von Förderung. 135 Luzerner Kinder besuchen aktuell eines der Ateliers. Wyss sagt:

«Die Nachfrage war so gross, dass wir sogar einigen Kindern für dieses Jahr absagen mussten. Wir hatten innert Kürze 200 Anmeldungen.»

Aktuell finden die Kurse in der Stadt Luzern und in Sursee statt. Die Kinder kommen aus verschiedenen Ortschaften des Kantons zu diesen Standorten. So auch Mia Pluta (8) aus Root und Jana Ruesch (11) aus Schüpfheim. Sie programmieren bei unserem Besuch im Atelier gemeinsam den Roboter mit dem Namen Thymio. Die Achtjährige sagt zur Wahl des Ateliers: «Ich programmiere sehr gerne.» Darauf gekommen sei sie, als sie einst zu Weihnachten ein ferngesteuertes Auto erhalten habe. Auch Jana hat sich am meisten für den Robotikkurs interessiert und findet die Aufgaben sehr spannend. Ihr Thymio soll beim Bergauffahren rot aufleuchten und Musik machen. Flink kombinieren sie auf dem Computer die entsprechenden Tasten und prüfen anschliessend, ob das Gerät die programmierten Befehle ausführt.

Andrin Barth (9) aus Ballwil und Ilian Burri (10) aus Schüpfheim sind ebenfalls fasziniert vom Atelier. Andrin sagt:

«Ich war neugierig, was ich in der Robotik lernen würde und habe mich deshalb für diesen Kurs eingeschrieben.»

Seinem Partner Ilian geht es ähnlich. Dennoch betont er, dass er am liebsten mal etwas in Richtung Biologie machen würde. «Gibt es einmal ein Biologie- und Natur-Atelier, würde ich mich dafür anmelden», sagt Ilian.

Pierre Bregenzer (10) aus Ermensee findet «Robotik megacool». Ein anderes Atelier wie Kunst oder Philosophie könne er sich eher weniger vorstellen. «Wenn mich noch etwas fasziniert, dann ist es Mathematik.» Und sein Sitznachbar Aiden Bryan ist begeistert von Geschichte. «Ein Atelier zum Ersten und Zweiten Weltkrieg fände ich toll.» Doch auch Robotik gefällt ihm ganz gut, wie er sagt.

Pierre Bregenzer (10) ist zufrieden: Thymio fährt rauf und leuchtet gleichzeitig rot – so wie er und sein Partner das Gefährt programmiert haben.

Pierre Bregenzer (10) ist zufrieden: Thymio fährt rauf und leuchtet gleichzeitig rot – so wie er und sein Partner das Gefährt programmiert haben.

Die meisten der zehn Lernenden finden es insbesondere toll, dass sie etwas Lernen können, «was in der normalen Schule weniger ein Thema ist». Ein weiterer positiver Aspekt – auch da sind sich alle Schüler einig – ist die Tatsache, dass es im Atelier keine Hausaufgaben gibt.

Programmieren braucht Ausdauer

Janine Küng (23) leitet das Atelier seit Beginn. Sie hat Kommunikationswissenschaft und Medienforschung in Freiburg studiert, und absolviert jetzt den berufsbegleitenden Master Fachdidaktik Medien und Informatik. Zu Beginn der Lektion wird Küng kaum gebraucht. Die Schüler lösen die Aufgaben selbstständig und meist macht der Roboter auf Anhieb, was er sollte. Doch gegen Ende der zweiten Lektion – die Aufgaben werden immer schwieriger – kommt die Lehrerin vermehrt zum Einsatz. «Der Thymio dreht sich nur im Kreis, anstatt ein Sechseck zu fahren», sagt Mia. Küng schaut auf den Bildschirm und gibt Anweisungen. Beim zweiten Versuch fährt der Roboter ein Sechseck.

Ein Filzstift zeigt an, ob der Roboter der Aufgabe entsprechend programmiert wurde.

Ein Filzstift zeigt an, ob der Roboter der Aufgabe entsprechend programmiert wurde.

Auch bei Nicolas und seinem Partner macht der Roboter nicht das, was er eigentlich sollte. Die beiden Schüler sind sich uneinig, wie das Problem zu lösen ist. Sie lesen die Aufgabe erneut und studieren. Probieren aus. Es geht wieder nicht. Programmieren neu. Thymio fährt immer noch nicht wie vorgesehen. Und dann plötzlich haben sie den Dreh raus und es funktioniert. Dass nicht immer alles auf Anhieb klappt, sei ok, findet Denis Anatska (10) aus Dagmersellen:

«Es ist cool, wenn es mal nicht so einfach ist.»

In der Schule weisen die meisten dieser Kinder beim Lernstoff keine Schwierigkeiten auf. Einige von ihnen haben bereits eine Klasse übersprungen. Im Atelier kriegen sie, was sie brauchen: Aufgaben, die sie fordern, in einem spezifischen Gebiet, das sie interessiert. Janine Küng hat die Erfahrung gemacht, dass die Eltern und Lehrer die Fähigkeiten des Kindes meist richtig einschätzen. «Die Mehrheit der Schüler sind besonders begabt.» In Einzelfällen sei es schon vorgekommen, dass der Stoff das Kind überfordert habe.

Das Ziel: Mehr Ateliers, mehr Standorte

Während die Thymios noch rumkurven, surren und blinken, erklärt Christian Wyss: «Das Angebot für die Hochbegabten ist ein Erfolg. Derzeit denken wir darüber nach, dieses Angebot zu ergänzen – geografisch und thematisch.» Wie das dann konkret aussehen könnte, ist noch offen. Fest steht indes, dass die Ateliers die nächsten vier Jahre weitergeführt werden. Insgesamt sind pro Jahr 100'000 Franken für die Ateliers budgetiert. Der Grossteil wird vom Kanton getragen und ein Teil von Stiftungen. Für die Eltern belaufen sich die Kosten auf 50 Franken pro Semester.

Hinweis: Mehr Informationen zu den Ateliers finden Sie unter www.volksschulbildung.ch.