HILDISRIEDEN: Der Altar hat mehrere Gesichter

Die Bevölkerung musste lange für eine eigene Pfarrei kämpfen. Erst 1902 begann der Bau der heutigen Kirche. Und damit auch Auseinandersetzungen über deren Gestaltung im Innern.

Susanne Balli
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Blick in die Kirche Maria Himmelfahrt mit dem zur Adventszeit geschlossenen Flügelaltar. (Bild: Boris Bürgisser (Hildisrieden, 20. Dezember 2016))

Blick in die Kirche Maria Himmelfahrt mit dem zur Adventszeit geschlossenen Flügelaltar. (Bild: Boris Bürgisser (Hildisrieden, 20. Dezember 2016))

Susanne Balli

susanne.balli@luzernerzeitung.ch

«Die einen finden sie wunderschön, anderen gefällt sie gar nicht», sagt Emil Barmet (67), der mit seiner Frau Monika seit über fünf Jahren Sakristan der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Hildisrieden ist. Die zwischen 1902 und 1904 erbaute Kirche stammt vom St. Galler Architekten August Hardegger (1858–1927), der bedeutendste und auch teuerste Kirchenarchitekt dieser Zeit, der unter anderem auch die Kirchen in Escholzmatt, Egolzwil und Eschenbach entworfen und gebaut hat.

Es handelt sich bei der Pfarrkirche Hildisrieden um eine typische und landläufige neugotische Saalkirche. Beim Betreten des Gotteshauses sticht sofort dessen Farbigkeit ins Auge. An den Wänden und am Gewölbe erstrecken sich ornamentartige Blumen und Blattranken des Dekorationsmalers Johann Amberg aus Sursee. Sie harmonieren perfekt mit den Farben der Altäre sowie der Kanzel und den farbigen Glasfenstern. Das grosse Glasfenster im Chor der Kirche wie auch die beiden Bilder Maria Himmelfahrt im Chor und das Fresko beim Hauptportal hat der Maler Aloys Balmer aus München entworfen.

Pläne waren für Laien bestechend

Bei der Ausstattung der Kirche ging es allerdings alles andere als friedlich zu. Altäre, Kanzel, Beichtstühle und weitere Verzierungen stammen von Carl Glauner aus Wil SG. Glauner war neben Künstler und Handwerker auch als Antiquitätenhändler bekannt. «Er bediente sich am Inventar der Vorgängerkirche und schlug daraus wahrscheinlich Profit. Seine Pläne für die Ausstattung der neuen Kirche waren für Laien bestechend, nicht aber für Maler Aloys Balmer. Sein Urteil über Glauners Entwürfe waren vernichtend», so Barmet. Nichtsdestotrotz wurden sie umgesetzt, da Hardegger und er Freunde waren. «Und das Resultat kann sich doch sehen lassen, finde ich», meint Barmet schmunzelnd.

Es sollte nicht der letzte Zwist bei der Innenausstattung der Kirche bleiben. Bis 1939 war die Kirche ungeheizt. Beim Entscheid für eine neue Heizung stritten sich die Hildisrieder ziemlich mit dem damaligen Pfarrer. «Er wollte eine Ölheizung, die Mehrheit der Leute aber eine neuartige Warmluftheizung», erzählt Barmet. Die Kirchgemeindeversammlung gehorchte dem Pfarrer und entschied sich 1937 für den Einbau einer Ölheizung. In den Kriegsjahren ab 1939 durften aber Kirchen wegen Ölknappheit nicht beheizt werden. «Seit der Kirchenrenovation von 1988 wird das Gotteshaus mit Erdwärme geheizt», sagt Barmet.

Die heutige Orgel ist ein Neubau (1992) im von Architekt Hardegger geplanten Prospekt. Die Firma Goll hat das Instrument mit 1772 Pfeifen in 29 Registern als musikalisches und auch optisches Bijou in der Innerschweizer Orgellandschaft gebaut. Emil Bamert schwärmt: «Das früher zugemauerte Rosettenfenster zwischen den zwei Pfeifentürmen bringt nun neue, wunderschöne Lichteffekte in den Raum.»

Eine Besonderheit der Pfarrkirche Hildisrieden ist auch der Flügelaltar. «Es ist hierzulande einer der wenigen Flügelaltäre und lässt sich aufklappen», sagt Barmet. In der Adventszeit ist er geschlossen. Dann zeigt sich links das Bild Mariä Verkündigung und rechts die Ölbergszene. Geöffnet verdecken die zwölf vergoldeten Apostel in einer Reihe die beiden Bilder sowie den Mose mit den Gesetzestafeln und David mit der Harfe. Auffallend auch das Patroziniumsbild von Aloys Balmer linkerhand des Altars, welches Mariä Himmelfahrt darstellt.

Ein weiterer Blickfang ist das Gnadenbild, die Pieta (1660) neben dem Haupteingang. «Ein harmonisches Schmerzensbild der Muttergottes mit dem toten Jesus», so Barmet. Die Pieta stand bereits in der Vorgängerkirche, allerdings vorne beim Altar.

Die alte Kirche wurde 1516 von der Regierung und der Stadt Luzern in eine eigene Kaplanei erhoben. Hildisrieden war nämlich ein bekannter Marien-Wallfahrtsort. Noch im 18. Jahrhundert kamen bis zu 27 Pfarreien regelmässig wallfahrend nach Hildisrieden. «Darum stand auch bereits vor 600 Jahren schon eine Taverne neben der Kirche», weiss Emil Barmet.

Kommunion aus der Schuhschachtel

Die Vorgängerkirche, die als Kapelle 20 Jahre vor der Schlacht bei Sempach (1386) erstmals erwähnt wurde, war eine Filialkirche von Kirchbühl bei Sempach. Hildisrieden gehörte früher zur Pfarrei Sempach, und die Dorfbewohner mussten den Gottesdienst in Kirchbühl besuchen. Die finanzielle Situation der Kaplanei Hildisrieden war aber schwierig. «Die alte Kirche verlotterte, es mussten Kirchenschätze verkauft werden; es heisst, dass die Verarmung so gross war, dass 1762 die Kommunion aus einer hölzernen Schuhschachtel verteilt werden musste», erzählt Barmet weiter. Mit der Zeit wurde der Wunsch der Hildisrieder nach einer eigenen Pfarrei immer stärker, denn der regelmässige Weg nach Kirchbühl war beschwerlich, besonders im Winter. Sempach aber wehrte sich lange Zeit gegen die kirchliche Eigenständigkeit von Hildisrieden. 1802 erteilte die helvetische Regierung die Erlaubnis, die Kaplanei in eine Pfarrei umzuwandeln.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die alte Kirche zu klein. Ausgerechnet am Güdismontag des Jahres 1902 wurde mit dem Abbruch der Vorgängerkirche begonnen. Bereits am 8. Juni wurde der Grundstein für die neue Kirche gelegt, bei deren Bau die meisten Hildisrieder Handwerker und Bauern um Gottes Lohn mithalfen. Barmet: «27 Monate später, am 1. Mai 1904, konnte die neue Kirche eingeweiht werden. Darum feiern die Hildisrieder noch heute die Kilbi im Frühling.»

Hinweis

Quelle: Alfred Bachmann: Die Pfarrei Hildisrieden. Druckerei im Bösch Hünenberg, 2004.