HINTERLAND: Die Rückkehr der Tanzmusik

Im 19. Jahrhundert prägte sie die Tanzmusik auf der Luzerner Landschaft, nun feiert sie ein Comeback. So kommt 150 Jahre nach ihrer Blütezeit die erste CD der legendären Husistein-Formation auf den Markt.

Stephan Santschi
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Armin Müller (von links), Lukas Erni, Evi Güdel, Rita Rohrer und Andri Mischol im «Schweizerhof». (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 12. Januar 2017))

Armin Müller (von links), Lukas Erni, Evi Güdel, Rita Rohrer und Andri Mischol im «Schweizerhof». (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 12. Januar 2017))

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

Das Luzerner Hinterland – im 19. Jahrhundert war es eine Hochburg der Tanzmusik. Fast jedes Dorf, so ist es überliefert, besass mindestens eine Tanzmusikgesellschaft, die über die Kantonsgrenze hinaus bekannt war. Sie spielten an Kilbis, Jahrmärkten, Hochzeiten oder an der Fasnacht.

Die Erklärung für den Boom? Einerseits verlangte die Jugend nach freiheitlicher, geselliger Unterhaltung. Andererseits sicherten sich Landarbeiter und Handwerker in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit mit dem Aufspielen zum Tanz einen Nebenverdienst. Pfaffnau galt dabei als regelrechtes Musikantennest, das Aushängeschild allerdings kam aus Ettiswil – die Husistein-Musik.

«Die Musik verleidet einem nicht»

Und heute? Ist die Tanzmusik im Luzerner Hinterland fast vergessen gegangen, die Ländlermusik löste sie am Anfang des 20. Jahrhunderts ab. Die Husistein-Musik allerdings, die gibt es noch immer. Oder besser: Es gibt sie wieder. 2014 fielen Adrian Steger drei Notenbücher mit einer Violinen- und einer Klarinettenstimme der Originalformation in die Hand. Entdeckt worden waren sie während des Umzugs des Archäologischen Museums Schötz im Archiv der Heimatvereinigung Wiggertal. Adrian Steger ist der Leiter der Musikinstrumentensammlung Willisau und Urgrossneffe von Jakob Steger, einem ehemaligen Husi­stein-Musikanten, der die Noten der Nachwelt hinterlassen hat.

Adrian Steger überreichte daraufhin die Bücher der Komponistin und Arrangeurin Evi Güdel-Tanner. Die 47-jährige Entlebucherin aus Flühli ergänzte die Werke mit den fehlenden Stimmen und hauchte dem musikalischen Erbe damit wieder Leben ein. Zur Auswahl hatte sie über 200 Stücke, die meisten davon unbekannt, andere mit beliebten Melodien aus Operetten. Ihr Fazit: «Obwohl es mit Polka, Mazurka, Schottisch, Walzer und Galopp nur fünf Tanzstile gab, ist die Musik sehr abwechslungsreich. Kein Stück ist wie das andere, es verleidet einem nicht.»

Güdel beliess es dabei nicht beim Polieren der «wiederentdeckten Perle», wie sie die sehr gut erhaltenen Notenbücher nennt. Sie stellte auch gleich eine neue Husistein-Formation mit Interpreten aus der Region zusammen. Wie damals umfasst sie fünf Personen. Neben Fagottspielerin Güdel sind dies Klarinettist Armin Müller (Gettnau), Kornettspieler Lukas Erni (Ettiswil) sowie die Geiger Andri Mischol (Kriens) und Rita Rohrer (St. Erhard). «45 Stücke haben wir mittlerweile im Repertoire», berichtet Güdel. Die 20 besten sind nun auf der ersten CD «Pächtönelis Erbe – wiederentdeckte Tänze der Husistein-Musik» zu hören, welche Anfang Jahr aus der Taufe gehoben worden ist. 1000 Tonträger zu je 30 Franken (inklusive Kurztext zur Geschichte der Tanzmusik im Luzerner Hinterland) stehen zur Verfügung, der Verkauf im Fachhandel und auf der eigenen Website ( www.husisteinmusik.ch ) sei sehr gut angelaufen – «rund ein Drittel ist schon weg».

In zahlreichen Proben und Diskussionen haben die Musiker an den Darbietungen gefeilt, bis das Ergebnis ihren Vorstellungen entsprach. Sogar Andreas Spörri, der Orchesterdirigent des Wiener Opernballs, gab Tipps. Daneben traten sie seit dem Debüt-Konzert im März 2015 rund ein Dutzend Mal vor Publikum auf. Speziell: Der Grossteil der Stücke war nur mit Nummern gekennzeichnet, «die Namen haben wir ihnen selber gegeben», so Güdel. So ent­standen Titel wie «Im Steger Jakob sine» oder «De Pächtöneli chunnt», mit denen man ehemalige Husistein-Musikanten ehrt. «Barrique T. M.» erinnert an eine fröhliche Nacht mit ansprechendem Weingenuss der aktuellen Formation, «H20» an den erhöhten Wasserbedarf am Tag danach. Wiederum andere («Ther­mik») entstanden wegen melodischer Eigenheiten oder Inputs aus dem Publikum («Maes­tosa»).

Weitere Konzerte werden folgen

Den letzten Auftritt hatte die Husi­stein-Musik kürzlich an der Preisverleihung der Albert Koechlin Stiftung in Luzern. Weitere Konzerte und Tanzanlässe sind geplant, bis auf den Auftritt im Konzertlokal des KKK Reiden vom 27. Oktober ist aber noch nichts spruchreif. «Für uns ist das alles doch ziemlich schnell gegangen», erklärt Evi Güdel. Fest stehe, dass man die Natürlichkeit der Klangwelt aus dem 19. Jahrhundert beibehalten wolle. Und mit Blick auf die Gegenwart hält sie fest: «Tanzmusik wird allmählich wieder zum Trend.»