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HIRNSCHLAG: Der steinige Weg zurück in den Alltag

Müde, wenig belastbar und lärmempfindlich: Nach einer Hirnverletzung ging es für Silvia Wälti nur langsam bergauf. Oft sind auch Tränen geflossen.
Im Migros-Restaurant in Kriens: Silvia Wälti (35) kann nach ihrem «Schlägli» wieder arbeiten und schafft mittlerweile zweieinhalb Stunden pro Tag. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Im Migros-Restaurant in Kriens: Silvia Wälti (35) kann nach ihrem «Schlägli» wieder arbeiten und schafft mittlerweile zweieinhalb Stunden pro Tag. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Gabriela Jordan

Den Schmerzen im rechten Bein schenkte Silvia Wälti zuerst keine Beachtung. «Die gehen dann schon wieder weg», dachte sie und freute sich auf die baldigen Ferien in Indien. Die 33-jährige Frau wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie im rechten Bein bereits eine Thrombose hatte. In Indien wurden die Schmerzen schlimmer und nach einem weiteren Flug im Inland klappte sie zusammen: beidseitige Lungenembolie und kurz darauf ein Hirnschlag – ausgelöst von der Thrombose. Zwei Tage lang war Silvia Wälti auf der ganzen linken Seite komplett gelähmt. Das ist heute zwei Jahre her.

«An diese zwei Tage kann ich mich zum Glück nicht erinnern», erzählt sie. Heute sieht man ihr den damaligen Schlaganfall einzig an ihrer linken Hand an, die immer noch teilweise gelähmt ist. Für die mittlerweile 35-jährige Frau hatte das «Schlägli» aber noch andere Folgen: Sie wird viel schneller müde, ist lärmempfindlicher und nicht mehr gleich leistungsfähig wie vorher. Auch alle Arbeiten, die zwei Hände erfordern, sind für sie schwieriger geworden. Dass sie heute wieder in Hemd und mit Namensschild im Migros-Restaurant Hofmatt in Kriens ihrer Arbeit nachgehen kann, ist nicht selbstverständlich.

Eine Viertelstunde zu viel

Der Weg zurück ging denn auch nicht von heute auf morgen. Fast ein Jahr lang konnte Silvia Wälti «nichts» machen, wie sie selber sagt. Nicht mehr arbeiten kam für sie aber nicht in Frage. Dank ihrer vorherigen Anstellung im Migros Take-away Schweizerhof konnte sie dann wieder stundenweise arbeiten, zuerst in der Filiale in Ebikon, danach im Hofmatt in Kriens. «Ich habe mich riesig darauf gefreut, wieder etwas zu machen», sagt Wälti. Dass sie es aber nicht schaffte, mehr als zwei Stunden zu arbeiten, brachte sie fast zur Verzweiflung. Eine Viertelstunde zu viel und die junge Frau war am Anschlag.

Nach einer Operation im Zusammenhang mit der Thrombose kam sie im August 2015 ins Zentrum für berufliche Abklärung in Luzern (ZBA). Dieses hilft hirnverletzten Menschen auf ihrem Weg zurück in die Arbeitswelt (siehe Kasten). Einer der Berufsabklärer des ZBA ist David Reimann. Er schaut, was eine Person nach einer Hirnverletzung noch machen kann und wo ihre Grenzen sind. «Bei Frau Wälti ging es vor allem darum, ihre Belastbarkeit zu steigern», sagt er.

Während sechs Monaten machte Wälti im ZBA dafür ganz unterschiedliche Übungen: von Aufgaben am Computer bis zu Bastelarbeiten. Zuerst setzte das ZBA die Übungen für Wälti auf eine Dauer von vier Stunden an. Bereits nach drei Tagen musste dies aber abgebrochen und auf zwei Stunden reduziert werden. «Ich war völlig erschöpft und habe dann jeweils über 14 Stunden geschlafen», sagt sie. Wenn sie sich überanstrenge, schmerze ihre linke Hand stärker und die Verkrampfung sei schlimmer. Solche frustrierende Momente kamen nicht selten vor. «Es sind häufig Tränen geflossen», sagt auch Reimann.

«Frühdienste sind am besten»

Nun arbeitet Wälti mittlerweile seit zwei Monaten im Migros Restaurant – zweieinhalb Stunden pro Tag, fünf Tage in der Woche. Sie übernimmt jeweils einen der drei Dienste: Sandwich zubereiten um sechs Uhr morgens, im «Office» abwaschen über die Mittagszeit, das Buffet abräumen sowie Küchenvorbereitungen am Nachmittag. Laut ihrem Chef, Michael Furrer wurden die Dienste zusammen mit dem ZBA so geschaffen, dass die Arbeiten sinnvoll aufgeteilt werden können und auch für das Migros Restaurant ein grosser Nutzen da ist.

Wälti macht damit noch fast das gleiche wie vor ihrer Reise nach Indien – einfach blockweise. Einige wenige Sachen, wie etwa das Bedienen der Kasse, macht sie nicht mehr. «Manche Dienste gehen sehr gut, manche weniger gut», sagt Wälti. Die Frühdienste seien für sie eigentlich am besten, weil es dann noch viel ruhiger als am Mittag sei. Auch Furrer findet, dass man ihren Willen und Ehrgeiz enorm spüre. «Für uns war es schön, als sie wieder zurückgekommen ist – auch viele Gäste erkannten sie wieder und freuten sich», sagt er.
Dass Wälti noch nicht über die zweieinhalb Stunden hinauskommt, ist für sie frustrierend. Es gab auch verschiedene Versuche, die Arbeitsdauer zu verlängern. Bisher seien sie aber immer wieder auf diese Grenze gestossen, sagt Reimann.

Brotaufschneiden mit einer Hand

Rückblickend sagt Reimann: «Es klingt im Nachhinein so einfach, aber bis wir hierher gekommen sind, war es eine Riesenarbeit. Wir mussten viel ausprobieren und an Details herumfeilen.» Ihn habe zum Beispiel überrascht, wie gut das Zubereiten der Sandwiches klappt, zumal sie das Brot zum Aufschneiden nicht richtig festhalten kann. «Da dachte ich – und Frau Wälti auch – dass es schwierig sein wird. Und als es dann ging war sie völlig begeistert.»

Hinweis: Das Zentrum für berufliche Abklärungen Luzern (ZBA) begeht dieses Jahr sein 20-Jahr-Jubiläum. Es öffnet am 16. April von 10 bis 16 Uhr im Hirschpark beim Kantonsspital seine Tore.

Mit Hilfe zurück zur Arbeit

Kompetenzzentrum gjo.Das Zentrum für berufliche Abklärung in Luzern (ZBA) begleitet seit 20 Jahren hirnverletzte Menschen aus der ganzen Schweiz zurück in die Arbeitswelt. Zu den neurologischen Erkrankungen der Rehabilitanden zählen etwa Schädel-Hirn-Traumata, Hirnschläge, multiple Sklerose, Epilepsie oder Hirntumore. Der Aufenthalt im ZBA dauert zwischen ein und zwölf Monaten. Finanziert wird er in der Regel von der Invalidenversicherung, vereinzelt von einer Unfall- oder Haftpflichtversicherung.

Win-win-Situation

Das ZBA bietet Platz für 23 Rehabilitanden an Arbeitsplätzen in der Werkstatt (Holz, Metall, Elektro) oder an Computern. Nach Abklärung ihrer Arbeitsfähigkeit sollen die betroffenen Personen mittels Arbeitstrainings sowie «Jobcoachings» wieder in die Arbeitswelt eingegliedert werden – am ehemaligen oder an einem neuen Arbeitsplatz.

Leiterin des ZBA ist seit über sechs Jahren Priska Fritsche. Ihr zufolge sind Festanstellungen schwieriger zu finden als temporäre Anstellungen – doch auch diese sind förderlich für die berufliche Leistungsfähigkeit. Wichtig sei, dass es auch dem Arbeitgeber einen Nutzen bringe. «Wir suchen erst einen Arbeitgeber, wenn wir sicher sind, dass es Erfolg versprechend ist», sagt Fritsche.

Weil die Rehabilitanden aus den unterschiedlichsten Branchen kommen, gestaltet sich auch die Arbeitssuche für sie individuell. Das bedeutet: diverse Arbeitgeber und eine Herausforderung für die Berufsabklärer, mögliche Schwierigkeiten, aber auch Chancen in einem Berufsfeld zu erkennen.

Ausbau wegen Wartelisten

In den vergangenen 20 Jahren hat das ZBA mehr als 1000 Abklärungen gemacht und wurde von sieben auf zwölf Mitarbeiter aufgestockt. Priska Fritsche sagt: «Wir wollen noch weiter ausbauen.» Es gebe meist Wartelisten für das ZBA, was für die Motivation und den Eingliederungsprozess der Rehabilitanden nicht förderlich sei.

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